Poetry Slam verzaubert. Poetry Slam unterhaltet, aber belehrt auch. Mal bringt er zum Lachen, mal redet er ins Gewissen. Ein Text reimt sich, muss er aber nicht. Ein Text ist ernst und spricht vom Weltgeschehen, der andere spricht von einer alten Liebe. Ein Text kann witzig sein, muss er aber nicht. Von lyrischen Gedichten bis witzigen Alltagsgeschichten, Slam Poetry erlaubt sie alle. Slam Poetry spricht längst nicht mehr nur die Jungen an. Gross und klein, jung und alt strömten zu den Schweizermeisterschaften 2017, die letztes Wochenende in Solothurn und Olten ausgetragen wurden.

Die Macht des Publikums

Beim Poetry Slam entscheidet einzig und allein das Publikum über Sieg und Niederlage. Entweder geschieht dies durch Lautsärke des Klatschens oder durch Notenvergabe einer willkürlich auserkorenen Jury. Das Spannende an dieser Art der Bewertung: Sie ist unberechenbar, weil enorm subjektiv. Beim Poetry Slam geht alles um Text und Performance. Dem Poeten ist es versagt, Requisiten zu verwenden, sich anders als im Alltag zu kleiden, einen Text mehrheitlich zu singen oder zu rezitieren. Der Poet ist reduziert auf Text, Stimme und Gestik. Trotz starker Einschränkung unterscheiden sich Texte und Performances enorm. Selbst das ungeübte Poetry Slam-Auge und Ohr erkennt diese markanten Unterschiede auf Anhieb. Alles ist auf den Poeten und den Text fokussiert: Stille herrscht im Raum, während der Poet in seinen sechs Minuten den Text zum Besten gibt.

Am Donnerstag startete der vom Kulturverein artig organisierte Wettbewerb mit dem U20 Final im gut gefüllten Kofmehl Solothurn. Das Publikum war jung. Im Poetry Slam nicht unwichtig, denn das Alter schien einen Einfluss auf die Notengebung zu haben. Mia Ackermann (17) präsentierte im Final einen Text zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ein toller Text, schön vorgetragen, der das Publikum aber nicht erreichen konnte. Gina Walter aus Basel vermochte die Jury, mit ihren Texten dagegen zu überzeugen. Einem Statement, warum «die Wurst nicht zwei Enden, sondern ein Ende und ein Anfang hat» sowie einem ernsten Text zum Weltgeschehen. Sie darf sich U20 Poetry Slam Schweizer Meisterin nennen.

Die Jury Meinungen gingen an diesem Abend überraschend weit auseinander. Die von den Juroren tiefste vergebene Note bewegte sich oft um eine Fünf, eine Punktezahl, die im Poetry Slam eigentlich kaum vergeben wird. Spoken-Word-Künstler und Kabarettist Renato Kaiser, der als Moderator im Einsatz war, erklärte: «Viele Zuschauer, die an die Schweizer Meisterschaften kommen, haben noch keine bis wenig Slam Erfahrung. Das wirkt sich auf die Notengebung aus.»

Teamdynamik

Bei den Schweizermeisterschaften, die seit 2010 durchgeführt werden, treten auch Teams gegeneinander an. Team– Texte sind dynamischer und oft mehr Kabarett als Poesie. Vor wiederum zahlreich erschienenem Publikum gewann das Team «Das helvetische Dreieck» bereits zum Dritten Mal in Folge. Das eingespielte Team mit Sven Hirsbrunner und Dominik Muheim ist bereits bei «Giacobbo Müller» und «Jeder Rappen zählt» aufgetreten. Das Duo brachte das Publikum mit urkomischen Alltagsgeschichten zum Lachen. Das sich sogar Hirsbrunner während des Finalstextes vor lachen kaum erholen konnte, machte die beiden noch sympathischer. Die Zeilen zogen die Zuschauer sechs Minuten in den Bann. Ein anderes Phänomen im Poetry Slam. Es gibt Texte, die vom ersten Satz an fesseln und die sechs Minuten vorbeirasen lassen.

Die Jury bewertet den Poeten oder die Poetin nach eigenem Empfinden über das Gehörte und Gesehene. Dies, kombiniert mit der Unerfahrenheit der Jury führt zu Überraschungen. Alles kann auf den Kopf gestellt werden. Favoriten können in der Vorrunde rausfliegen, Neulinge ziehen in den Final ein. Es zählt nur der Eindruck des anwesenden Publikums. Es hat immer recht. «An einem Slam gibt es keine Favoriten», so Renato Kaiser, der selbst mit Poetry Slam gross geworden ist.

Im ausverkauften Kulturzentrum Schützi in Olten wurde es am Samstag schliesslich eng. Und heiss war folglich auch die Stimmung, es wurde laut. In der finalen Runde traten an: Dominik Muheim, frisch gebackener Schweizer Meister im Team, Remo Zumstein, zu diesem Zeitpunkt noch amtierender Schweizer Meister und Phibi Reichlin. Der Publikumsapplaus sollte entscheiden. Die Halle tobte für den Baselbieter Dominik Muheim. Zum zweiten mal an diesem Wochenende kürte es ihn zum Schweizer Meister im Poetry Slam 2017.