Kein Schriftsteller, der bei Trost sei, schreibe eine Autobiografie, schrieb Urs Widmer in seiner eigenen: «Denn eine Autobiografie ist das letzte Buch.» Damals mochte man diese Bemerkung nicht ernst nehmen. Zu oft schon war man von Widmers Humor gleichsam hinterrücks erwischt worden, hatte staunend erlebt, wie ein gewichtiges Thema seine Schwere verlor, wie selbst der Ernst des Lebens sich auf einmal lustig zu kringeln begann, als wäre er angesteckt worden von Urs Widmers wirren Haarlocken.

Früher waren diese dicht und dunkelbraun gewesen. Das war, als der Basler als Kind sehr unterschiedlicher Eltern aufwuchs: «Mein Vater war klein, die Mutter gross. Er war lustig, sie ernst. Er begeisterte sich für Luftschlösser, sie hatte einen soliden Sinn für das Machbare.» Eine explosive Konstellation. Aber auch ein fruchtbarer Humus für die Literatur. Nicht zufällig entstanden die meisten Werke Widmers, darunter seine bedeutende Roman-Trilogie («Der Geliebte der Mutter» (2000), «Das Buch des Vaters» (2004), «Ein Leben als Zwerg» (2006)) vor der Folie des eigenen Lebens.

Aus dem Elternhaus (der Vater war Gymnasiallehrer und Kritiker) brachte er auch seine liebevolle Sorgfalt für die Welt der Worte mit. Denn, ob er die Sprache im Zickzack durch eine surrealistische Fantasie jagte (in «Alois»), ob er sie zu aalglatten, bügelfalten-scharfen Manageraussagen glättete (in «Top Dogs») oder mit etwas hemdsärmeligem Humor auf Zwergenperspektive zusammenstampfte («Ein Leben als Zwerg») – bei all der unbändigen Schreiblust, ging Widmer stets sorgsam, ja voller Bedacht mit der Sprache um.

Das machte ihn 1967, noch bevor er Schriftsteller wurde, zum Lektor des renommierten Suhrkamp-Verlags in Frankfurt. Doch der Basler liebte nicht nur die Sprache, sondern auch das selbstständige Arbeiten. Dem legendären Verlagsleiter Siegfried Unseld behagte dies weniger, also verliess Widmer den Verlag Knall auf Fall wieder.

Doch der finale Knall bei Suhrkamp wurde gleichsam zum Urknall in Urs Widmers Leben: 1968 gründete er mit Gleichgesinnten den «Verlag der Autoren», im selben Jahr lernte er seine Frau May kennen, und noch vor Jahresende erschien bei Diogenes seine erste literarische Erzählung «Alois». Ab dann verfasste der Autor Jahr für Jahr Buch um Buch, Theaterstück um Theaterstück.

War Widmer ein «Urs-Dampf» in allen Gassen? Auf Anhieb mag es so scheinen, gibt es doch kaum einen anderen Schweizer Autor, der gleichzeitig so viel, so gut und so populär geschrieben hat. In den 46 Jahren seiner schriftstellerischen Laufbahn streifte er lustvoll die Genres, vom Hörspiel über den Essay bis hin zur Shakespeare-Paraphrase. Zum Höhepunkt wurde die grossartige Erzählung «Der blaue Siphon» (1992) , der Theater-Grosserfolg «Top Dogs» (1996) und der Roman «Der Geliebte der Mutter» (2000). Doch Urs Widmers Leichtigkeit im Schreiben darf nicht darüber hinweg täuschen, dass er Gesellschaft und Geschichte hinter seinem berühmten Augenzwinkern ein Leben lang mit kritischem Blick betrachtete.

Dass der mittlerweile 75-jährige Autor seit längerer Zeit krank war, war kein Geheimnis. Vorgestern Mittwoch ist Urs Widmer gestorben. Seinen mittlerweile licht gewordenen Locken wird man beim Flanieren durch Zürich nicht mehr begegnen können. Doch sein Augenzwinkern erwacht stets aufs Neue, sobald man eines seiner Bücher aufschlägt.