Mein Buch heisst «Fleisch». Ich liebe Fleisch. Wenn ich vor einer Metzgerei stehe, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich hatte Fleisch schon als Kind wahnsinnig gern: Die Cordons bleus meiner Grossmutter, die Leberli und die Pastetlisauce meiner Mutter, das Grillfleisch meines Vaters, das Bündnerfleisch, das es bei besonders schweren Kinderkrankheiten als Delikatess-Diät gab. Ich schaue mir den französischen Spitzenkoch Paul Bocuse an, der in wenigen Tagen 91 Jahre alt wird, und beneide ihn: Viel Fleisch, viel Fett und viel Wein ergeben in Frankreich viele schöne Jahre. Die Figuren in meinem Buch leben in dieser Hinsicht alle so französisch wie möglich.

Ich glaube, Menschen, die viel schreiben, frieren oft. Selbst im Sommer. Schliesslich kann man sich mit so einem Computer schlecht an die Sonne setzen. Im Winter frieren Schreibmenschen eigentlich immer. Ich jedenfalls trage dann bis zu vier Paar Socken, auf meinen Knien liegt eine Decke und in meinem Rücken steckt eine Wärmeflasche. Weshalb ich mir für «Fleisch» meinen ersten Heizlüfter anschaffte. Er hiess Anna und sah sehr gut aus. Das Problem war bloss: Anna sass zwar adrett in ihrer Ecke, aber sie stank so fürchterlich, dass mir und meinem Liebesleben schon in der ersten Stunde von Annas Anwesenheit in unserer Wohnung schlecht wurde. Annas Bedienungsanleitung sagte: Das geht vorbei! Ging es aber nicht. Im Gegenteil: Anna änderte ihre Geruchsnote von «verbrannter Plastik» in «hochgiftig verbrannter Plastik». Ein anderes Heizlüfter-Modell des gleichen Herstellers heisst übrigens Max. Anna und Max. So so. Anna und Max heissen auch zwei meiner Hauptfiguren in «Fleisch». Aber im Gegensatz zur Heizlüfter-Anna riechen sie gut.

Fleisch essen und Sex haben

Ich habe meinen Figuren mit Absicht einfache, kurze Namen gegeben, die nicht stören. Weiche Namen, die nicht unnötig im Text herumkratzen. Anna ist perfekt, wahrscheinlich gibt es deshalb so viele Annas in der Literatur. Anna Karenina zum Beispiel. Max ist nicht so perfekt. Max ist zum Beispiel furchtbar, wenn es um die Genitiv-Bildung geht. Es heisst dann entweder «Maxens Wohnung» oder «Max’ Wohnung», beides ist saublöd, am Ende wird immer «seine Wohnung» daraus.

«Fleisch» ist ganz einfach: Menschen zwischen 15 und 65 essen Fleisch und haben Sex. So ungefähr jedenfalls. Anna (44) ist eine zur Beamtin gewordene Bohemienne mit Panik vor der Altersarmut und sehr viel Fantasie. Max (44) ist ein Lehrer mit noch mehr Fantasie. Anna und Max sind oder waren so was wie ein Paar. Lilly (27) studiert und kellnert in Annas Lieblings-Bistro. Lillys Bruder Jonas (15) nervt und spinnt. Annas Sekretärin Frau Blume (65) ist ein Facebook-Star. Lillys Mitbewohnerin Sue tut alles für Geld. Alex wohnt auch in Lillys WG, studiert Politologie und berät aufstrebende Jungpolitiker. F. ist ein Schauspieler, der gerne mehr Shakespeare spielen würde, aber bloss Rollen in Rosamunde-Pilcher-Filmen kriegt. Ein Schönheitschirurg ist sehr hässlich. Ein flexitarischer Veganpunk ist sehr lustig.

«Fleisch» spielt zuerst im November, dann im Februar, schliesslich im Mai. Im November erleben meine Figuren viel, im Februar noch mehr, im Mai am meisten. Ich wollte ein Buch schreiben, das ich selbst gerne lesen würde. Also kein langweiliges. Es sollte auch so was wie der Auspuff meiner Liebe zu so unterschiedlichen Phänomenen wie Wohngemeinschaften, Foie gras und TV-Serien werden. «Auspuff meiner Liebe» ... Funktioniert dieses Bild? So richtig? Die strengste und beste Lektorin von allen, die mein Buch vor vielen Fehlern bewahrte, hätte mir den Auspuff gnadenlos ausgeredet.

Geheimnisse zwischen den Zeilen

Wie im richtigen Leben sind meine Figuren oft im Internet. Wie im richtigen Leben reden sie aber auch oft miteinander. Ich schwöre: Dialoge sind das schwerste! Jeder einzelne Dialog klang nämlich zuerst wie aus einem ganz schlechten Schweizer Film. Im Stil von: «Hesch mer no der Anke?» – «Wetsch Anke?» – «Gärn.» – «Do hesch der Anke.» – «Danke.» Man darf das Offensichtliche nicht strapazieren. Man muss Geheimnisse zwischen den Zeilen liegen lassen.

Die Inspiration für «Fleisch» überfiel mich in einem lauschigen italienischen Kastanienwäldchen oberhalb des Lago Maggiore. Ich kickte stachelige Kastanien vor mich her und dachte: «Schön blöd, alles kann der Mensch in seinem Leben verändern, Wohnung, Job, Beziehung, bloss sein Körper bleibt in seiner Substanz immer derselbe, altert, zerfällt und macht sowieso, was er will.» Ich fand das eine geniale Idee. Fünfzehn ins Tal gekickte Kastanien weiter musste ich mir eingestehen, dass es sich dabei nur um das ganz gewöhnliche Phänomen der Vergänglichkeit handelte.

Dem Crosstrainer sei Dank

Abgesehen vom italienischen Wald war dann alles ganz prosaisch. Ich arbeitete vier Tage die Woche als Journalistin in der Redaktion von «watson». Den fünften Tag brauchte ich zum Ab- beziehungsweise Umschalten, ich machte Wäsche und versuchte, eine gewisse Klarheit und Ordnung in mein Arbeitszimmer zu bringen. Am sechsten Tag ging ich um 9 Uhr morgens ins Fitnessstudio. Es ist ein sehr gemütliches Studio, es finden sich dort keine einschüchternden Muskelmenschen, sondern eher Alte, Gebrechliche, Kulturschaffende und ab und zu ein Profisportler, der geflickt werden muss. Ich stellte mich auf den Crosstrainer, blickte über Zürich und verliess die Maschine erst wieder, wenn ich das Konzept für das nächste Kapitel im Kopf hatte. Dann ging ich schreiben. Ich bin meinem Crosstrainer sehr dankbar.

Ein Buch zu schreiben, gehört zum Einfachsten, was es gibt. Es braucht sehr wenig dazu. Einen Computer, zwei Hände, einen Kopf und die strengste und beste Lektorin von allen. Musik zu komponieren oder einen Film zu drehen, ist so unendlich viel aufwendiger. Ein Buch zu schreiben, macht glücklich. Todunglücklich macht hingegen das Warten auf den verdammten Erscheinungstermin. Die Vorstellungskraft reicht da genau von «alle werden es hassen» bis zu «niemand wird es kaufen, und der Verlag wird mich dafür hassen». Mehr liegt nicht drin. Ich weiss nicht, wie professionelle Kulturschaffende mit all ihren Premieren und Vernissagen das machen, sie verdienen auf jeden Fall einen Orden für Nervenstärke. Das Warten ist die Hölle. Jetzt hat es endlich ein Ende. Und jetzt? UND JETZT?!?!?

*Simone Meier ist Autorin bei Watson. Die Onlinezeitung gehört zu den AZ Medien, die auch diese Zeitung herausgeben.