Mit einer Weltpremiere beschenkt Dennis Russell Davies sein Sinfonieorchester Basel (SOB) und die Stadt Basel zu seinem Abschied als Chefdirigent: Er hat die drei bekannten frühen Ballettmusiken von Igor Strawinsky – «Le Sacre du printemps», «L’Oiesau de feu» und «Petrouchka» – mit dem SOB und zugleich zu vier Händen mit seiner Frau und Klavierpartnerin Maki Namekawa auf CD eingespielt. Das Musikerpaar erzählt hier, wie es ist, als Eheleute am Klavier zusammen auf einem Stuhl zu sitzen und vierhändig zu spielen.

Manche Geschwisterpaare gibt’s, die ein Klavierduo bilden. Sie aber bilden als Ehepaar ein solches. Was ist das Besondere daran?

Dennis Russell Davies: (lacht) Wir sind trotzdem noch verheiratet. Nun ernsthaft: Unser Duo ist für mich ein grosses Geschenk. Ich hatte viel Kammermusik gemacht und als Pianist Recitals gegeben. Aber das Repertoire für Klavier zu vier Händen oder für zwei Klaviere hatte ich kaum gespielt, bevor ich Maki Namekawa kennen lernte. Seither haben wir das Repertoire eingehend studiert und dabei neue wichtige künstlerische Erfahrungen gemacht. Da wir beide sehr beschäftigt sind – ich als Dirigent und Maki Namekawa als Solistin –, blieb wenig Zeit für gemeinsame Proben. Unser Vorteil ist: Als Ehepaar finden wir zu Hause immer Zeit zum Proben.
Maki Namekawa: Der Pfarrer, der an unserer Hochzeit sprach, Balduin Sulzer, ist zugleich Komponist. Er verglich das Zusammenleben mit Kammermusik, man müsse stets gut aufeinander hören. Nach einigen Jahren, in denen wir als Klavierduo zusammen spielten, verstand ich den tieferen Sinn des Vergleichs. Wir müssen nicht viel diskutieren. Wir wissen im Voraus, was der andere denkt. Das ist auch in unserem privaten Leben so.

Wer übernimmt den Lead? Oder wechseln Sie sich ab?

Davies: Spielen wir vierhändig, übernimmt Maiki Namekawa den oberen Bereich, ich die unteren. Konzertieren wir auf zwei Klavieren, übernimmt sie die erste Stimme und ich die zweite. Ich geniesse es zu begleiten, zu unterstützen. In dieser Rolle befinde ich mich auch, wenn ich im Konzert einen Solisten oder eine Sängerin begleite. Beim vierhändigen Spiel legen wir zuvor fest, wer bei dieser, wer bei jener Stelle führt. Das ist eine Frage der musikalischen Begebenheiten.
Namekawa: Vor dem Konzert von Igor Strawinskys vierhändiger Fassung zu «Le Sacre du printemps» nannten wir das Stück «Le Sacre du printemps oder der Kampf ums Pedal».
Davies: Oft spielen wir Wolfgang Amadé Mozarts Sonate für zwei Klaviere in D-Dur, ich die zweite Stimme. Mozart führte die Sonate mit einer begabten Studentin auf. Er muss diese junge Frau geliebt haben. Diese zweite Stimme zu spielen mit jemandem, den man gut kennt, ist ein so berückendes Erlebnis.
Namekawa: Wenn wir gemeinsam ein Konzert besuchen, singt mein Mann leise die Stimme der Bässe oder der Celli mit. Er schenkt sein Ohr immer den unteren Stimmen, die den Boden bereiten. Auch deshalb liebe ich es, mit ihm im Duo oder vierhändig zu konzertieren: Ich fühle mich wie von einem Orchester getragen.

Gibt es in ihrem Eheleben noch eine Trennung zwischen Privatem und künstlerischer Arbeit?

Davies: Ich spreche zu Hause sehr wenig über die Orchester, die ich dirigiere, über die Probenarbeit und die Probleme dabei. Unsere gemeinsame künstlerische Arbeit hat mit meinem Dirigenten-Job nichts zu tun, das trennen wir. Unser gemeinsames Musizieren ist für uns eine grosse Bereicherung und Teil unseres Lebens. Es gibt noch manch andere gemeinsame Interessen und Lieben: Baseball, zum Beispiel, oder Wandern.

Vierhändig zu spielen, ist etwas anderes, als im Duo an zwei Klavieren aufzutreten. Für den Kampf ums Pedal brauchts ein besonders gutes Verständnis füreinander, oder?

Davies: Vierhändig zu musizieren, ist eine viel intimere Arbeit. Mir bereitet es grosse Freude, neben meiner Frau am Klavier zu sitzen. Die Uraufführung der vierhändigen Klavierfassung von «Le Sacre du printemps» führten Strawinsky und Claude Debussy auf. Wenn ich denke, wie intim das vierhändige Spiel ist, hätte ich den beiden Herren sehr gerne zugeschaut.
Namekawa: Das Spiel an einem Klavier ist für mich in seiner Intimität einem Liederabend vergleichbar.
Davies: Die Sonate von Hindemith vierhändig, die er komponierte, als er sich auf seiner ersten Station des Exils in der Schweiz niederliess und im privaten Kreis mit seiner Frau aufführte, ist ein Meisterwerk. Wir lieben diese Sonate und möchten sie gerne wieder spielen. Alexander von Zemlinksy hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Auftrag des neugegründeten Musikverlags Universal grosse Werke – wie die Mozarts «Zauberflöte», Beethovens «Fidelio» oder Haydns «Schöpfung» – in vierhändiger Klavierfassung arrangiert. Das ist eine wunderbare Art, bedeutende Musik im intimen Kreise zu erleben. Wie mir ein amerikanischer Musikologe erzählte, war das zu einer Zeit, als es auch in den USA mehr Häuser mit Klavier als mit eigener Toilette gab.

Ihre Interpretationen fallen weniger durch Zuspitzungen und Schärfungen auf als vielmehr durch eine reiche Farbabstufung, durch Abrundungen, klare Zeichnung und Erzählcharakter. Sind Sie sich da einig? Oder gibt jeweils einer nach?

Namekawa: (lachend) Wir haben ja einleitend gesagt, wir sind trotzdem noch verheiratet.
Davies: Ja, wir diskutieren sehr oft. Ich bringe sicher meine jahrelange Erfahrung als Dirigent mit. Maki Namekawa baut als Pianistin auf ganz anderen Erfahrungen.
Namekawa: Ich weiss, in seinem Kopf ist der reiche Orchesterklang präsent. Ich denke vom Klavier aus, dessen Ton viel schneller verklingt. Deshalb stelle ich oft die Frage ...
Davies: «Ist das Tempo nicht viel zu langsam?» Ich erinnere mich eines sehr schönen Satzes von Mozart: «Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo.» Das beschäftigt uns sehr.
Namekawa: Ich schenkte ihm die Karte mit dem Mozart-Zitat. Ich verstehe sein vom Orchester her kommendes Denken. Zuerst klage ich über das meines Erachtens langsame Tempo, in der Nacht beschäftige ich mich damit und am nächsten Morgen denke ich: «Vielleicht hat er recht.»
Davies: Ich nehme mir gerne dafür Zeit, dass das erklingt, was in der Partitur steht.

Dennis Russell Davies, Sie arrangierten «L’Oiseau de feu» für Klavier zu vier Händen selbst. Liessen Sie sich dabei von ihrer Frau beraten?

Davies: Natürlich. Ich erarbeitete zuerst eine Fassung. Es gab ja nur die Klavierfassung zu zwei Händen, die für die Ballettprobe gedacht war. Sie ist so nicht spielbar. In ihr las ich aber, was Strawinsky wichtig war. Doch fehlte einiges aus der Orchesterpartitur. Das schrieb ich in meine vierhändige Fassung. Die erste Version las ich mit meiner Frau, und wir schauten, ob es in der Praxis funktioniert. Wir besprachen und fertigten am Klavier die definitive Version.

Was steht für Sie, Herr Davies, zuerst, die Einstudierung der Orchesterfassung oder der Klavierfassung?

Davies: Alle Stücke habe ich über mehrere Jahre dirigiert. Die Idee, die vierhändige Klavierfassung und die Orchestermusik zu spielen, haben wir hier in Basel entwickelt – auch weil wir in der Paul Sacher-Stiftung auf die Originale zugreifen konnten. Ich habe natürlich zuerst die Orchestermusik einstudiert. Aber nachdem ich mit meiner Frau die Klavierfassung einstudiert habe, dirigiere ich die Orchestermusik besser. Ich verstand am Klavier den Kern der Stücke besser.