Basel, «der Ort an dem ich leben will, wenn ich nicht in einem Bob-Dylan-Lied leben kann». In einem Bob-Dylan-Lied leben sie zwar nicht, die Herausgeber des neuen literarischen Reiseführers durch Basel, der diesen etwas skurrilen Wunsch im Titel trägt. Trotzdem: Ein Buch über Basel, das soll einem Album gleichen, meinen Daniel Kissling und René Frauchiger und Lukas Gloor, das Trio Schweizer Jungautoren, das hinter dem literarischen Reiseführer steht. Ein Album, dessen Lieder zwar mitreissen sollen, aber nicht zwingend Wahres erzählen müssen: «In erster Linie geht es um das Gefühl, um den Rhythmus und die Melodie».

Wer den Rhythmus einer Stadt hören will, der braucht lediglich ihren Puls zu fühlen. Das beweisen Beiträge im Reiseführer, die nicht von «Urbaslern», wie Frauchiger sie nennt, geschrieben wurden. Es reicht beispielsweise die Ankunft am Basler Bahnhof, wenn sie auch bloss der Weiterreise dient – «Das fantastische Basel lässt sich erstaunlich einfach finden», meint das Buch. So ist in manchen Fällen gar der «Mythos Basel» Inspiration genug und hat es einer der Autorinnen ermöglicht, ihren Beitrag für den Reiseführer zu schreiben, ohne Basel je einmal besucht zu haben.

Das ist kein Hindernis, meinen Frauchiger und Kissling, die selbst erst in ihrer Studienzeit nach Basel gezogen waren. Ein Reiseführer sei ja auch kein Ersatz für die eigentliche Reise: «Das wirkliche Erlebnis beginnt doch dort, wo der Leser seinen Kopf hebt und sieht, dass die Welt um ihn herum eine ganz andere ist, als die Welt auf den Seiten vor ihm».

Junge Schweizer Literatur

Herausgegeben wurde der Reiseführer als diesjährige Sonderausgabe des «Narr», dem narrativistischen Literaturmagazin, ein Projekt, das jungen Schweizer Autoren eine Plattform für ihre Arbeit, aber auch für den gemeinsamen Austausch bietet. Dass sie damit aber Teil einer Schriftstellerszene wurden, oder gar selbst eine solche Szene ins Leben gerufen hätten, grenzt für die beiden aber an eine Horrorvorstellung: «Auch wenn er sich in einer
Gruppe Gleichgesinnter engagiert: Der Autor ist und bleibt zurecht ein Einzelkämpfer».

Im Zentrum steht der Narrativismus! Und was heisst Narrativismus? Nun zuerst einmal Alles und Nichts. Wer also nach dem «Narr-Stil» sucht - nach der Prägung der aktuellen Schweizer Literaten – tut dies vergeblich. «Eine gemeinsame Linie, oder eine Genre-Renaissance erkenne ich im Moment nicht. Höchstens rückblickend, in ein paar Jahrzehnten», meint Kissling. Und Frauchiger ergänzt: «Vielleicht ist es auffällig, dass in letzter Zeit viele der Erzähler am Ende ihrer Geschichte sterben. Was das bedeuten soll, wissen wir aber nicht so genau». Ein Omen für die junge Schweizer Literatur ist es sicherlich nicht.

Basel, die Stadt mit Sog

Vielleicht steht ja «Narr» auch für diese jugendliche Narrenfreiheit: Für Lyrisches sei im Literaturmagazin genauso Platz, wie für Kurzgeschichten und Szenisches, meint Kissling – das ist auch im neuen Reiseführer der Fall. Kurzweilig, teilweise absurd, und dann doch wieder nahe an der Basler Realität: Am «Ort an dem ich leben will, wenn ich nicht in einem Bob-Dylan-Lied leben kann» gibt es etwas für Jeden – für Literaturtouristen, Pendler, Wahlbasler und sogar für waschechte «Bebbi» selbst.

So kann auch jeder Leser am Ende seiner Lektüre, oder seiner Städtereise, der Aussage in Frauchigers Text zum Basler Totentanz wohl getrost zustimmen: «Die Stadt Basel hat für Leute wie mich ihren eigenen Sog».

Manchmal scheint es, – so ganz anders, als bei einem klassischen Reiseführer – als ob man bei der Erkundung der Stadt nicht den Texten folgt, sondern von ihnen verfolgt wird. Hinter welche Ecke man auch schaut, wo auch immer man stehen bleibt, oder hinfährt: Die Autoren des «Narr» waren bereits da. Sei es beim Käppelijoch, im Zolli oder sogar im 10er-Tram Richtung Rodersdorf: Der Reiseführer soll ständiger Begleiter sein, fast so wie ein Accessoire, meint René Frauchiger: «Menschen sind nun einmal schöner mit einem Buch in der Hand».

Am 19. November um 19 Uhr findet in der Buchhandlung «Labyrinth» eine öffentliche Lesung der Texte aus dem Reiseführer statt.