Schweiz

Den Frieden bewältigen: Der kluge Roman von Kathy Page über die Schönheiten und Härten einer langen Ehe

Kathy Page

Kathy Page

Kathy Page hat einen klugen Roman über die Schönheiten und Härten einer langen Ehe geschrieben. Ein ungewöhnliches Buch.

Wie würde es sein, wieder mit ihm zusammenzuleben? «Eine Ehe zu haben, die man innerlich lebte, anstelle von etwas, das man eines fernen Tages wiederaufnähme?» Evelyn Miles steht am Bahnhof, ihre kleine Tochter Lillian an der Hand, die sie bisher allein durch die ersten Lebensjahre gebracht hat, und wartet auf ihren Mann Harry, der aus dem Krieg zurückkehrt. Harry stellt sich im Zug ganz ähnliche Fragen: «Wie würde es werden, mit der ‹echten Ehe›, die sie nun endlich führen würden? Die ‹tödliche Routine›, über die er sich lustig gemacht und nach der er sich zugleich gesehnt hatte … alltäglich und wirklich anstelle einer hektischen Woche, in der sie versuchten, die verlorene Zeit wiedergutzumachen, gefolgt von einem Schwung Briefe – er wäre froh, nie wieder einen schrei- ben zu müssen.» Dem Tod mehrmals knapp entkommen, und nun vor der Aufgabe, Frieden und Alltag zu bestehen: In der Figur von Harry Miles erweckt die britisch-kanadische Autorin Kathy Page eine ganze Generation von Männern zum Leben, die, um 1920 herum geboren, in den Krieg ziehen mussten, bevor sie eine Identität als Partner oder gar Ehemann finden konnten.

Jahrzehnte in Zeitsprüngen abgehandelt

Als Harry Schüler gewesen war, hatte ihn ein vom Ersten Weltkrieg versehrter Lehrer besonders geprägt: «Ich hoffe aufrichtig, dass euch ein solches Schicksal erspart bleibt», sagt er zu den Jungen im Klassenraum. «Jetzt schweigen die Waffen, und in diesem Kurs werden wir uns mit verschiedenen Formen der Dichtung beschäftigen. Mit der Poesie der Liebe, der Poesie der Landschaft und der Poesie der Seele. Die Poesie des Krieges werden wir, so hoffe ich, auslassen können ... Ihr werdet Poesie so erfahren, dass sie für immer wie ein zweites Herz in euch schlagen wird.» Zumin- dest für Harry Miles wird sich dies bewahrheiten. In den Grauen des Krieges in Nordafrika wird ein Gedicht oft das erste sein, was die verzweifelte innere Leere wieder füllt. Anders einsam ist seine junge Frau mit der kleinen Tochter Lily.

Erzählerisch werden die fast sieben Jahrzehnte dieser nun folgenden «echten» Ehe in Zeitsprüngen bewältigt: Da sind Lilys Masern, die Evelyn fürchten lassen, es könnte nicht nur der Mann im fernen Nordafrika, sondern das Kind unter ihren Händen sterben. Der Einzug in jenes neue, von der ganzen Verwandtschaft bewunderte Haus, das Harry seiner Evelyn zu Füssen legt. Wiederum fünfzehn Jahre später die Konflikte mit der dritten Tochter, dem pubertierenden Nachzüglerkind Louise, die von einer unerbittlichen Evelyn zur Polizei geschleift wird, weil diese Hinweise auf eine unsittliche Beziehung ihrer 16-Jährigen mit einem jungen Mann vermutet. Eine Mittelmeerkreuzfahrt der Eheleute, auf der Harry die Unmöglichkeit durchdenkt, das Blau der Blauen Grotte von Capri in Worten wiederzugeben; Pompeji, in dessen sexuell freizügige Kunst sie diesen Aspekt ihrer Ehe gespiegelt sehen – einen glücklichen.

Ungewöhnlich eigenwillig

Doch dann, das Alter. Schwer erklärlich, warum die lebenslange, meist mit Humor und Geduld bewältigte Dissonanz zwischen dem auf Nähe, Familie und Ausgleich bedachten Harry und der ungeduldigen Evelyn plötzlich zu einer unüberbrückbaren, scharfen Trennung zwischen ihnen wird. Auch eine Ehe will bis zum Schluss geführt werden, scheint das Buch auszudrücken, und das Ende kann überraschend, auch bitter sein.

Zu sagen, wir werden lesend Zeugen, wie sich eine Liebe im jahrzehntelangen Alltag aufreibt und schliesslich vergeht, würde zu kurz greifen. Kathy Page – die für dieses Buch von der Ehe ihrer Eltern ausging und auch Feldpost ihres Vaters mit dessen Einverständnis verwendete – legt ihren Akzent weniger auf einen ereignisreichen Plot als vielmehr auf die Unzahl der winzigen Gesten und Momente, der Muster und Untertöne, von denen die Kommunikation zwischen zwei Menschen bestimmt ist, die ein erwachsenes Leben ohne den anderen gar nicht kennen. Ein ungewöhnliches, eigenwilliges, besonderes – nicht zuletzt gut übersetztes! – Buch.

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