Schauspiel

Das Zeitgenössische aus dem Geiste der Klassik

Was ist das für ein Theater, was ist das für ein Mann? Wir haben Andreas Beck, den angehenden Direktor des Theaters Basel, an seiner jetzigen Wirkungsstätte besucht, dem Schauspielhaus Wien.

«Kommst du vorbei und verführst mich?» Der Spruch auf dem rosafarbenen Schlüsselanhänger im kleinen Fanartikelshop des Schauspielhauses Wien ist eigentlich der Schlüssel zum ganzen Haus. Aber spiegelbildlich: Die Zuschauer sollen vorbeikommen und sich verführen lassen.

Das wünscht sich der Herr des Hauses, Andreas Beck, designierter Intendant des Theaters Basel ab Mitte 2015. «Verführen» scheint sein liebstes Verb zu sein, auch im Hinblick auf seine Pläne für die Schweiz. Die Lust zu verführen ist vielleicht das, was sein jetziges Konzept am kleinen Wiener Schauspielhaus mit seinem kommenden am grossen Basler Dreispartenhaus am meisten verbindet.

Bei Freud und dem dritten Mann

Das klingt schön. Aber wie wird man im Hause Beck verführt? Was ist das für ein Ort? Was läuft da für ein Theater? Wir wollten die Gegenwart am eigenen Leib erfahren und reisten vergangene Woche nach Wien, an die Porzellangasse 19.

Hier waren mal ein Variété-Theater und ein Kino. Hier hinein flüchtet im Film «Der dritte Mann» Holly Martins, als das Geschrei «Mörder, Mörder!» laut wird. Um die Ecke, an der Berggasse 19, perfektionierte Sigmund Freud bis 1938 seine Psychoanalyse. 1978 verwandelte Hans Gratzer das Kino zu einem Schauspielhaus. Daran erinnert eine Gedenktafel an der Patrizierfassade. Eine weitere ist George Tabori gewidmet, der bekannte Theatermann war hier Ende der 80er-Jahre Direktor.

Seit sieben Jahren ist nun Andreas Beck Herr in diesem Haus. Seine Spezialität: zeitgenössische Dramatik. Sein Talent: das Aufspüren neuer Autoren, darunter einige Schweizer. Das Konzept scheint gewagt, der Erfolg gibt ihm recht: 80 Prozent Auslastung und aufwärts.

Traumhaftes Theater

Becks Mops schnarcht. Das wäre auch ein schöner Texteinstieg gewesen. Während wir in Becks Büro über Theater sprechen, macht sein schlafender Hund Oskar bühnenreife Geräusche; einmal klingt er nach gurgelnder Wasserleitung. «Erschrecken Sie nicht, das ist nur der Hund!», sagt Beck.

Erschrecken sollte auch niemand ob des Etiketts «zeitgenössische Dramatik», das Beck derzeit anhaftet. Im Gespräch wird klar: Dieser Mann hat so lange in klassischer Bildung gebadet, dass seine Finger davon für immer wellig sind. Nicht weil sie ihn nicht interessieren, sondern gerade weil er die Klassiker so gut kennt, kann er sich nun fast ausschliesslich den Zeitgenossen zuwenden. In Basel soll das anders werden. Nur gedacht werden können die Klassiker einzig von heute aus, sagt Beck, «von wo denn sonst?»

Klassische Zitate fliessen ganz natürlich in seine Sprache. Er kennt so vieles; schätzt und liebt so manches. Der Titel «Das Leben ist Traum» (Calderón de la Barca, 1636) fällt, das Stück sei etwas in Vergessenheit geraten, sehr zu Unrecht, findet Beck. Wenn alles gut geht, so wird auf Becks Basler Spielplan Eugène Labiches «Sparschwein» stehen, inszeniert vom Musiker Peter Licht. Dessen moderne Fassung von Molières «Der Geizige» feierte am Schauspielhaus Wien Riesenerfolge.

Am selben Abend wirkt das Schauspielhaus wie verwandelt. Schon von weitem tanzen helle Lampen rund um das nun ebenfalls erleuchtete Schauspielhaus-Schild. Vor und im Haus lauter junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Ein einziger älterer Mann fällt auf. Später zückt er einen Block, ein Kritiker. Ja, Beck habe es geschafft, ein junges Stammpublikum an das Haus zu binden, bestätigen später mehrere Leute. An anderen Abenden sei die Zuschauerschaft aber altersmässig durchmischter.

Junges Publikum

Gespielt wird, wie so oft hier, eine österreichische Uraufführung: «Das Sausen der Welt», wieder ein Stück von Peter Licht. Am Schauspielhaus Köln schon einmal mit relativ grossem Aufwand – acht Schauspieler, vier Musiker –, aber mässigem Medienecho inszeniert. Hier in Wien verdichtet Regisseurin Katharina Schwarz das Wortkonzert geglückt: Zwei Schauspieler geben es in einem Nebenraum, in dem sonst die mobile Theaterbar steht, ausgerüstet mit einer Art mobilem DJ-Pult. In einem der besten Momente schieben sie dieses enorme Teil mitten durch die Zuschauer, die eiligst zur Seite flüchten, die Sitzhocker unterm Arm.

Begrüsst, besungen und bejammert wird die Krise. «Ohje, ohje, ohje.» Viele Krisenschlagzeilen ergeben ein lustiges Klagelied. «Die Krise ist ein Produkt, geformt nach unserem trauten Ebenbild.» Leicht absurd und doch sehr zugänglich echot Peter Lichts Text unsere Zeit: Dauernd ist hier die Rede von Krise, aber in West- und Mitteleuropa ist einer Mehrheit die Laktoseallergie näher. «Noch ein Tässchen Kaffee?» Darüber muss Schauspieler Martin Vischer – übrigens ein Basler und in seiner durchschimmernden Verletzlichkeit trotz seiner abstrakten Rolle berührend – erst lange nachdenken. Irgendwann wird klar: nur mit Sojamilch.

24 Stunden später das Kontrastprogramm, diesmal auf der Hauptbühne im Keller des Hauses. 2008 sorgte Jonathan Littells Roman «Die Wohlgesinnten» für heftige Auseinandersetzungen in den Feuilletons weltweit. Littell betrachtet den Holocaust aus Täterperspektive. Seine Hauptfigur, SS-Obersturmbannführer Max Aue, ist ein sensibler, homosexueller Intellektueller, der zum sadistischen Mörder verkommt. Im Buch werden seine Gräueltaten detailreich beschrieben. Das erspart die Dramatisierung von Antonio Latella und Federico Bellini den Zuschauern, ohne dabei an Schrecken und Intensität einzubüssen. Was da Monströses geschieht, lässt sich an Max’ Gesicht ablesen (grandios: Thiemo Strutzenberger). Er spielt diesen schizophrenen Mann gefangen in einem endlosen, fiebrigen Albtraum.

Wieder heisst das Zauberwort Verdichtung. Nur mit drei allesamt exzellenten Schauspielern und einem Sänger kommt diese herausragende Inszenierung aus. Nein, Beck braucht sein Haus und seine Schauspieler nicht zu verstecken, ganz im Gegenteil. Nach zwei Abenden wird deutlicher, womit er das Publikum verführen will: mit Klugheit, mit Humor, mit Können, mit charismatischen Schauspielern. Mit Liebe zum Detail: Das rosa Saisonprogrammheft (Saisonmotto: der Erste Weltkrieg), auffaltbar wie eine Weltkarte, macht ebenso Spass wie die bunten Fanshop-Artikel. Mit viel Abwechslung: Die Bandbreite reicht von der trashigen seriellen Aufführung des Romans «Die Strudelhofstiege» (12 Folgen, 12 Wochen, 900 Seiten) bis zum eben beschriebenen Holocaust-Drama.

Das alles macht Hoffnung für das derzeit eher schwache Schauspiel am Theater Basel. Hier dürfte bald das Wiener Bonmot gelten: Das wird sich schon ausgehen! Oder, wie ein älterer Herr bei einer zufälligen Begegnung in einem Kaffeehaus zitiert: «Die einzige Realität heute ist das Theater.»

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