Aus der Umkleidekabine einer Modeboutique dringt plötzlich Babygeschrei. Die Boutiquenbesitzerin Helen geht dem Geplärre nach und findet ein Neugeborenes hinter dem Vorhang. Sie beschliesst, es heimlich zu behalten. Nicht einmal ihren Partner Paul weiht sie in den Familienzuwachs ein. Paul ist nämlich ganz froh, dass es mit dem Kinderkriegen nicht geklappt hat und schafft sich lieber einen kleinen Hund an.

Die Ausgangslage von «Das Unbekannte» ist komplex und führt direkt ins Herz der Themen, die Anna Sommer seit ihrem Erstling «Damen Dramen» vor gut zwanzig Jahren umkreist: Beziehungen, Liebe, Sex, Vertrauen, Lügen und Missverständnisse. Die Zürcher Illustratorin und Comic-Zeichnerin hat sich international einen Namen gemacht als Erzählerin von ungewöhnlich subtilen und doch eindringlichen Geschichten, in denen meist Frauen im Mittelpunkt stehen. Erotisch, skurril, absurd geht es da zu und her. Bereits vor der deutschen Veröffentlichung sorgte «Das Unbekannte» in Frankreich für überschwängliche Rezensionen und schaffte es auf die Short-List für den Preis des besten Comics am internationalen Comic-Festival von Angoulême. Es ist der bedeutendste Comic-Preis Europas.

Mit Japanmesser und Tusche

Anna Sommer ist in Aarau geboren und aufgewachsen. Macht eine Grafikausbildung und sich dann als Illustratorin und Comiczeichnerin selbstständig. Sie kreiert Schwarz-Weiss-Zeichnungen in Tusche und Papierschnitte mit Japanmesser und Sprühleim. Ihre Illustrationen erscheinen in verschiedenen Zeitungen, Magazinen und auf Buchcovers. Am diesjährigen Fumetto Comic-Festival in Luzern (siehe Kasten) kann man Sommer bei der Kunst des Papierschnitts über die Schulter schauen. Als Artist in Residence kann man sie täglich im offenen Atelier im Hotel Schweizerhof besuchen.

Doch zurück zu Helen und dem Kind. Der Säugling wird in eine grosse Kartonschachtel gebettet und nach Feierabend jeweils sich selbst überlassen. Was zu den charmanten Ungereimtheiten des Plots zählt. «Befreundete Mütter wiesen mit Entsetzen darauf hin, dass man ein Neugeborenes nicht einfach allein lassen könne», amüsiert sich Anna Sommer, die von sich sagt, dass sie weder «logisch noch strategisch» denken kann. Alles reine Intuition.

Geniale Intuition

Aber welch geniale Intuition! Die Geschichte hielt Anna zunächst schriftlich in einem kleinen Buch fest, hernach folgte in einem A4-Band die Bildabfolge in leichten, aber träfen Bleistiftzeichnungen. Sechs rahmenlose Panels pro Seite. Die mit schwarzer Tusche ausgeführten Originale wurden dann auf 38 mal 50 Zentimeter grossen Kartons festgehalten.
So weit, so virtuos. Ein Baby wird also in das Leben von zwei Frauen (Vicky, die ungewollt Schwangere, Helen, die unverhoffte Mutter) und einem Mann geworfen. Es sei ihr vor allem um Veränderungen und Verstrickungen im Leben der Protagonisten gegangen, sagt Anna Sommer. «Das Unbekannte» konfrontiert jede Leserin und jeden Leser mit Kindern. Während Paare hier in Mitteleuropa in endlosen Disputen darüber diskutieren, ob und wie viel Kinder man möchte, sind solche Erwägungen in der sogenannten Dritten Welt, in Lateinamerika und vor allem in Afrika kaum ein Thema. Kinder kriegt man respektive frau einfach. Basta.

Anna Sommers Geschichte jedoch spielt in unseren Breitengraden. Entsprechend zivilisiert verwickelt kommt dieser Plot mit seiner pummeligen Teenie-Mutter Vicky daher, die sich mit ihrem Lehrer eingelassen hat, der überdies der Partner jener Frau ist, welche das Baby gefunden hat. So verschlingen und entflechten sich die Szenerien rund um den mysteriösen Säugling in einer fantasievoll-narrativen Leichtigkeit, die so Alltäglichem wie Kinderkriegen entspricht.

Baby-Soap mit flottem Dreier

Die 49-Jährige inszeniert ihre Baby-Soap mit linearer Klarheit, selbst ein flotter Dreier, den Vicky und ihre Freundin Wanda mit einem Typen im Bad veranstalten, wirkt lustig-lustvoll und unbeschwert. Die Zeichnerin weiss mit sparsamsten Strichen Gesichtern einen wechselnden Ausdruck zwischen Trauer, Wut, Enttäuschung und Happyness zu verleihen. Und ebenso happy war sie darüber, ein Jahr lang an diesem Buch zeichnen zu können, da sie an sich vor allem für ihre bunten Collagen bekannt ist. Anna arbeitet dabei mit diversen farbigen Papieren, aus denen sie die Formen mit Messer und Schere ausschneidet. In Europa ist das Angebot an schönen Papieren jedoch beschränkt. Diesbezüglich schwärmt Anna Sommer von Japan: «Ein Papierparadies!» Am Computer ändere sie höchstens mal eine Farbe, alles andere entstehe manuell. «Da bin ich völlig altmodisch», gesteht sie. Illustrationen für Zeitungen kreiert sie nur noch selten – dafür tummeln sich heute noch und noch Kopistinnen ihres einzigarten Stils in den Zeitungen und Magazinen.

Anna Sommer: Das Unbekannte. Edition Moderne, 96 S., Fr. 35.–