Es wird Abend im Kreuzgang des Basler Münsters. Knapp ein Dutzend Figuren in Mönchskutten (Kostüme: Jorina Weiss) wandeln, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, den Rosenkranz betend und Weihrauch schwingend, durch den Kreuzgang. Aus den ausgeteilten Kopfhörern klingt sakrale Musik. Würde man nicht durch die Pflanzen und die mittleren Kirchfenster hindurch in der Ferne die roten Kräne der Roche-Baustelle erblicken, man wähnte sich direkt im Mittelalter.

Und während die Mönche wandeln, erfahren wir über Kopfhörer, in welcher Zeit wir uns befinden: 1515, kurz bevor Erasmus zum Buchdruck nach Basel kommen und seine Übersetzung des Neuen Testamentes hier drucken wird. «In Basel sind wir itzt katholisch, doch nahts sich schon recht diabolisch. Was uns bevorsteht, ihr ahnt es schon, ist alles neu, sprich Reformation.» Die Metrik will nicht immer ganz stimmen, und so begrüssen wir den Moment, in dem sie fallen gelassen wird. Es ist auch der Moment, in dem die Kutten fallen.

Witze in Küchenlatein

Aus den Mänteln schält sich, musikalisch untermalt, als wärs eine TV-Serie (Soundesign: David Thalmann), die Community rund um den fränkischen Buchdrucker Johannes Froben (begeisternd: Andrea Bettini). Schwungvoll stellt er das Laienensemble in seinen Rollen vor. «Und das im Zürcher Dialekt!», raunt ein bekennender Basler aus dem Publikum. Als wären wir nicht alle am Ende unseres Lateins, würde im Stück Mittelhochdeutsch gesprochen, wie es damals üblich war.

Mit dem Lateinischen hingegen, für dessen virtuosen Gebrauch Erasmus von Rotterdam bekannt war, spielt Gesine Danckwart (Text) geschickt. Wir erfahren, wie man damals ein Willkommenpaket nannte, «salvete pacetus» nämlich. Mehr Küchenlatein als Kirchenlatein, erfrischen diese heiteren Asterix-ähnlichen Scherze die eher informationsgefüllte als handlungsstarke erste Folge.

Profis und Laien

Was passiert in dieser ersten Folge? Erasmus (herrlich larmoyant: Martin Hug) wird von der Buchdruck-Community sehnlichst erwartet, erscheint, gibt Autogramme, versteht die Basler Magd nicht (burlesk baseldeutsch: Karin Oberli), schreibt, druckt ein Buch und wird Götti. Ob man das Kind nicht besser Huldrych nennen sollte, fragt er. Trotz seines Gejammers um sein Körperchen ist er ein gewitzter Typ, dieser Erasmus, und wenn man das – offenbar von einem Holbein gemalten – riesige Porträt von Martin Hug in Erasmus’ Mütze sieht, weiss man nicht so recht, wer jetzt wem aus dem Gesicht geschnitten ist. Dieser Holbein wird einmal grossen Erfolg haben, erfahren wir gleich mehrmals. Das Spiel mit den Zeiten ist reizvoll, oft wird das Vergangene im Futur 1 erzählt. So kompliziert ist dieses Verfahren dann aber auch wieder nicht, dass wir einiges gleich mehrfach hören müssten.

Im sonst eher hastigen Stück finden sich zwei Szenen von ruhiger Schönheit. Zum einen ein intimer Moment des Schreibens zwischen Truhen und Kisten, in dem Erasmus mit dem Mädchen, das ihm bei der Arbeit hilft (unaufgeregt ernst: Paula Krneta) über die Bedeutung der Bildung spricht. Zum andern die Taufe des kleinen Johannes Erasmus Froben, zu der parallel die frisch gedruckten Blätter an einer langen Wäscheleine trocknen, vom stolzen Bürgermeister (Gotthard Jost) gehalten. Dass der Münsterpriester (feierlich: Alby Kaufmann) bei der Taufe etwas lange zwischen den Sätzen verweilt, macht deutlich, dass in diesem Stück professionelle Schauspieler des Basler Ensembles gemeinsam mit Laien spielen.

Will auf jeden Fall weiterkucken

«Höhepunkt des Glücks ist es, wenn der Mensch bereit ist, das zu sein, was er ist», sagt – guess who? Erasmus von Rotterdam. Daniela Kranz strapaziert keinen der Laienschauspieler über seine eigenen Grenzen hinaus, etwa durch den Versuch eines manierierten Bühnenhochdeutsch.

Die Inszenierung trägt die Schwierigkeit einer jeden Biopic-Serie; was den historischen Figuren entspricht, ist nicht zu unterscheiden von den Dingen, die ihnen zugeschrieben werden. Deutlicher Original-Erasmus findet sich in der witzigen Autogramm-Szene. Möchte er Schweizer werden? Nein, er sieht sich als Weltenbürger.

Als der Anfang einer «humanistischen Serie» wird die Produktion angekündigt. Das Hauptmerkmal einer Serie trägt sie zweifelsohne: Man möchte auf jeden Fall weiter kucken. Der Humanismus wird hoffentlich noch vertieft werden. In einer Zeit, in der das Wort «human» mit einer Paste aus Kichererbsen verwechselt wird, ist Erasmus’ Pazifismus, sein Aufrufen zu religiöser Toleranz, seine strickte Ablehnung von Patriotismus aktueller denn je. Haben wir durch die Folgen des Patriotismus in der Masseneinwanderungsinitiative auch unsere Teilhabe am Studentenaustauschprogramm Erasmus verloren: Erasmus von Rotterdam bleibt uns im Basler Münster erhalten. Sein Grabmal liegt im Nordseitenschiff.

Erasmus von Basel: Die erste Folge der vierteiligen Serie ist nochmals heute Abend zu sehen. Beginn ist um 20 Uhr im Kreuzgang des Münsters. Am 10. Mai geht es dann weiter mit der zweiten Theaterfolge in der Basler Aktienmühle. Altersempfehlung: ab 12 Jahren.