Das Leben verläuft nun mal linear. Am Donnerstagabend hätte man sich gewünscht, es wäre anders. Die vier Auftakt-Stücke am Zürcher Theater Spektakel klangen alle vielversprechend; man hätte sie alle gern gesehen, doch sie liefen gleichzeitig. Gleichzeitigkeit beherrscht nur der Film – dank Montage, Überblendung oder, am eindeutigsten, dank des Split Screens, der geteilten Leinwand. Der argentinische Regisseur Mariano Pensotti, ein ausgebildeter Filmemacher, macht sich solche Filmtechniken für sein Theaterstück «Cineastas» (Filmemacher) zunutze. Aber mit rein theatralen Mitteln. Wer sich zur Eröffnung für dieses Stück entschieden hat, hat sich für viele Geschichten aufs Mal entschieden – und für einen grossartigen Abend.

Auf einer zweigeteilten Bühne erzählt Pensotti das Leben von vier Filmemachern (unten) und ihrer parallel entstehenden Werke (oben). Fünf wunderbare Schauspieler spielen in ständig wechselnden Rollen das Leben der Filmemacher sowie ihre Filmfiguren nach. Dazu wechseln die fünf sich ab in der Rolle des auktorialen Erzählers. Reihum sind sie die allwissende Stimme, die uns Zuschauern erzählt, wie sich alles wirklich verhält – wie in manchem Film, etwa in «Stranger Than Fiction». So bekommen wir mit, wie das Leben der Regisseure ihre Filmarbeit beeinflusst – und umgekehrt.

Angst vor der Vergänglichkeit

Gabriel zum Beispiel will eine Komödie drehen. Als er aber erfährt, dass er sterbenskrank ist, beginnt er das Skript zu ändern. Sein Filmteam ist verwirrt: Die neuen Szenen sind gar nicht lustig. Doch Gabriel hegt nun heimlich andere Pläne: Er will sein Leben verewigen, durch den Film, diese magische Zeitkapsel. Und da ist zum Beispiel Nadia, die einen Film über einen Mann dreht, der während der Militärdiktatur verschwunden ist und nach dreissig Jahren überraschend wieder auftaucht. Allmählich verfestigt sich in Nadia die Überzeugung, dass ihr eigener, früh verstorbener Vater doch noch lebt.

Es ist das Wechselspiel zwischen Fiktion und Leben, das den Regisseur vor allem interessiert. Auf seiner Internetseite zitiert er Jean-Luc Godard: «I started with fiction and discovered the real; but behind the real is again fiction.» Bei Pensotti verflechten sich diese Ebenen immer dichter: Das Leben seiner erfundenen – aber auf Interviews mit realen Filmregisseuren basierenden – Protagonisten ist grad so und melodramatisch wie die Geschichten, die er sie erfinden lässt. Hinzu kommen von ihnen geäusserte Gedanken zum Verhältnis von Film und Leben, ihre Angst vor Vergänglichkeit, ihre Lebenslust, ihre Hoffnung auf die Kunst als Sinnstifterin. «Zwei Leben zu haben, ist ausgeglichener als ein einziges», denkt Gabriel.

Die Dialoge sind zu weiten Strecken überdreht, nah am Kitsch, dem Pathos oder der Parodie. «Die Tränen mischen sich mit den Pfützen, in denen sich die Stadt reflektiert, trüber denn je», sagt die Erzählstimme, als eine Filmfigur traurig durch Buenos Aires läuft. Doch diese für uns Europäer überemotionale Poesie der Übertreibung schafft es auf wundersame Weise, trotzdem zu berühren. Pensotti gelingt so die vielleicht grösste Kunst überhaupt: Ein Werk, das lustig und traurig zugleich ist.

Weltpremiere mit Stucky

Das Stück hallt noch nach, als wenig später auf der Seebühne Erika Stucky zu einer fulminanten Weltpremiere mit dem österreichischen Bläserseptett «da Blechhauf’n» aufbricht. Die amerikanisch-walliserische Sängerin und Performerin nimmt uns als «Wally« mit den «sieben Geiern» mit auf einen wilden, sagenumwobenen Trip. «Vertraut mir», sagt sie, «ihr müsst einfach mitsegeln.»

Auf der Leinwand fliegen schwarze Vögel, davor echte Fledermäuse, dahinter schimmert ein vorbeifahrendes Schiff. Wie schön dieser Augenblick ist, jetzt und hier, gerade in seiner Flüchtigkeit. Auf der Leinwand leuchtet ein Supermond auf, Erika Stucky interpretiert «The Dark Side of the Moon» neu, «dünstet», wie sie sagt «Hoffnung und Trost» aus, denn darum gehe es letztlich in der Kunst: «And all you touch and all you see: Is all your life will ever be».

Das Theater Spektakel läuft bis 31. August auf der Landiwiese in Zürich, «Cineastas» bis morgen. Insgesamt laufen 50 Produktionen aus 23 Ländern.