Schauspielhaus Zürich
Das Rudel und die Aussätzigen

Die Intendantin Barbara Frey inszeniert zur Eröffnung der Saison des Schauspielhauses Zürich das Stück «Fegefeuer in Ingolstadt» von Marieluise Fleisser.

Stephan Reuter
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Fegefeuer in Ingolstadt

Fegefeuer in Ingolstadt

Olga hat was zu verbergen. Ein Ungeborenes, angehängt von einem Mitschüler, der von ihr nur noch das eine will: dass sie das Baby wegmacht. Alle wissen es, keiner sagt es. Vor allem nicht dem Vater, den Gottfried Breitfuss plump und selbstmitleidig und latent gewalttätig an die Wand der Pfauenbühne klebt.

Keine gewöhnliche Wand ist das. Bühnenbildnerin Bettina Mayer hat eine kartonbraune Bunkerstadt entworfen, eine Gasse kreuzt, die andere krümmt sich klaustrophobisch nach hinten, im Hochparterre klaffen Schlitze. Durch die gafft der Provinzpöbel und zerreisst sich genüsslich das Maul, wann immer jemand unvorsichtigerweise die Norm verletzt. So wie Olga. Der wachsende Makel in ihrem Unterleib macht sie erpressbar, denn sie ist in einer herrgottsengen Spiessbürgergemeinde zu Hause, wo das Rudel alles zählt und der Einzelne nichts. Ab und zu kriegt das Rudel einen Mordshunger und will was zu fressen. Dann ist es riskant, eine Ausgestossene zu sein.

Erpresst wird Olga von einem zweiten Borderliner: dem sexuell und religiös sichtlich überspannten Roelle. Jirka Zett druckst diesen Einzelgänger mit schiefen Schultern und verkniffenem Hinterteil virtuos auf die Bretter.

Marieluise Fleissers «Fegefeuer in Ingolstadt» gehört zu den ewigen Entdeckungen des Theaters. Was auch bedeutet, dass es immer wieder in der Versenkung verschwindet. Richtig heiss gehandelt wurde das 1926 uraufgeführte Stück Anfang der 70er – was mit dem Faible der 68er für Bertolt Brecht zu tun hat. Tatsächlich stand Marieluise Fleisser Brecht Mitte der 20er-Jahre so nahe, dass sie zwangsläufig auch in seinem Schatten stand. Der Durchbruch blieb ihr versagt. Im Hitler Regime erhielt sie Schreibverbot, nach 1945 drängten andere Autoren auf die Szene. Die Fleisser wurde vergessen. Am Schauspielhaus Zürich wurde das «Fegefeuer» nie gezeigt; dafür am Neumarkt, Jürgen Flimm führte Regie, im Sog der ersten Fleisser-Renaissance.

Nun also Barbara Freys Inszenierung: ein ehrenwertes Unterfangen, schliesslich ist das Stück mit seiner sperrigen Sprache und dem glassplitterscharfen Blick für menschliche Niedertracht eine Perle und, historisch gesehen, das Missing Link zwischen Georg Büchner und Franz Xaver Kroetz. Über das Ehrenwerte und einzelne treffende Bilder hinaus hat Barbara Frey die Dringlichkeit ihrer Ausgrabung allerdings gut versteckt. Die Zürcher Inszenierung wirkt gebremst; mühsam schaukelt das Ensemble den Konflikt bis zur Demütigungsszene hoch, in der Olgas Freunde Roelle nackt ausziehen und mit Hohn übergiessen. Dabei könnte man das Mobbingmotiv unter Jugendlichen wesentlich radikaler ausspielen, ohne Fleissers Textvorlage Gewalt anzutun.

Das Spannendste am «Fegefeuer in Ingolstadt» ist schliesslich, dass ausgerechnet eine ach so rebellisch aufgelegte Schülerclique jegliche Abweichung von der Norm mit Ächtung straft. Die schaffen es ganz allein, ohne Pfarrer, ohne Lehrer, ohne Polizisten, sich gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen.

Nächste Vorstellungen: 19., 23., 24., 27. September. Schauspielhaus Zürich, Pfauen.
www.schauspielhaus.ch