Erotik-Roman

Das Publikum liebt die Ansichten eines Schwanzgesteuerten

Szene aus dem Film «Fifty Shades of Grey»: So romantisch die Szene wirkt, in Christian Greys Kopf dreht sich alles um sein bestes Stück.

Szene aus dem Film «Fifty Shades of Grey»: So romantisch die Szene wirkt, in Christian Greys Kopf dreht sich alles um sein bestes Stück.

Die «Shades of Grey»-Fortsetzung aus Sicht von Christian bringt wenig Neues – die Fans kümmert es kaum .

Sechs harte Hiebe sind es, die Christian Greys Beziehung zu Anastasia Steele – zumindest vorübergehend – beenden. Sie wollte wissen, wie schlimm es werden kann – und er zeigt es ihr mit Vergnügen. Darauf hatte er ja die längste Zeit gewartet. Während er mit dem Gürtel auf ihr Hinterteil eindrischt, muss sie laut zählen. Sie zählt, sie zuckt, schreit, heult – doch sie benützt nicht das «Safe Word», um ihn zu stoppen. Sie will es wissen.

Sechs Streiche will auch E.L. James ihrem Lesepublikum versetzen. Nach der Trilogie «Fifty Shades of Grey» ist jetzt der Band «Grey» erschienen, der dieselbe Geschichte aus der Sicht von Christian Grey erzählt. Der Band kommt exakt so weit wie der erste Band der ersten Trilogie, nämlich zu Anas Abbruch der Beziehung nach den sechs Gürtelhieben. Wir haben es also augenscheinlich mit dem ersten Band einer neuen Trilogie zu tun.

«Fifty Shades Of Grey»: Trailer zum Film

«Fifty Shades Of Grey»: Trailer zum Film.

Auch die Leserinnen – wir benützen das generische Femininum – zählen mit, ohne aufzubegehren, und kaufen also den Band. Auch sie wollen es wissen. Nachdem sie 1800 Seiten aus Sicht von Anastasia gelesen haben, wollten sie nun die Innensicht der dunklen Seite kennen lernen. Der Band ist sofort nach Erscheinen der englischsprachigen Ausgabe auf die erste Stelle der Bestseller-Listen gesprungen. Innert Tagen wurde die Millionen-Marke geknackt.

Im Kopf von Christian Grey

Was es zu lesen gibt, ist kalter Kaffee. Die Dialoge, die E-Mails und der Vertrag, der Dominanz und Unterwerfung im Detail regelt, sind identisch mit dem ersten Band. Was neu hinzukommt, ist der Einblick in Christian Greys Gedanken. Während der Interview-Szene am Anfang der Geschichte ist der Perspektiventausch noch amüsant. Grey ist überrumpelt und verwirrt von der Unbeholfenheit und dem naiven Charme Anastasias. Doch während er ihre blasse Haut bewundert, fragt er sich auch schon, wie schön rosa diese wohl mit ein paar Stockhieben würde.

Noch bevor Miss Steele sein Büro verlassen hat, ist ihm klar: «Ja, ich will dieses Mädchen in meinem Playroom verhauen und ficken.» Von dem Moment an wird der innere Monolog ziemlich eindimensional: «Ich will sie ficken» ist wohl der häufigste Satz des Buches. Während aller Begegnungen und Dialoge, im Büro, im Flur, im Hardware-Store, im Restaurant, sieht Grey Anastasia mit dem inneren Auge als reines Sexobjekt: «Dieser Mund braucht Training», «Ich stell sie mir auf Knien vor», und so fort. Auf seine Umwelt reagiert Grey generell mit seinem Geschlechtsorgan: «Ihre Worte fahren direkt zu meinem Schwanz.»

Shades of Grey - das sagt eine echte Domina

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In Greys Fantasien ist die sexuelle Appetenz vermischt mit dem Bedürfnis, Gewalt und Kontrolle auszuüben. Doch wer von der Grey-Perspektive Aufklärung über das Innenleben eines Sadomaso-Praktikers und Kontrollfreaks erwartet hat, wird enttäuscht. Seine Stimme hat kaum einen eigenen Tonfall, sondern ist etwa identisch mit derjenigen Anastasias, bloss beschränkter. Die Männlichkeit von Greys Charakter erschöpft sich in seinem schwellfreudigen Penis. Kurz und gut, Stil und Reflexionsniveau von E.L. James’ Schreibe entsprechen auch in ihrem vierten Wälzer dem Tagebuch einer Schülerin.

Schon von der ersten Seite des Buches an zeigt sich Grey indessen mit seinen Gedanken und Erinnerungen als ein Versehrter, der sich mit der dominanten Sexpraktik an seiner kaputten Kindheit abarbeitet, und in dem in Wahrheit genau der kitschige «Romantiker» steckt, den er so weit von sich weist.

Das Klischee von der Domestizierung eines Beziehungsunfähigen, von der Freilegung des Romantikers in der Fickmaschine, liegt von Anfang an offen vor der Leserin und beraubt die Lektüre so jeglicher Restspannung.

Geschlechterklischees

So trifft der «Shades of Grey»-Kitsch mit dem neusten Streich in eine offene Wunde. Die Story quält uns mit den Geschlechterklischees vom harten Mann und der weichen Frau, die sich einander halt ein wenig annähern müssen. Dass die junge Frau dem Dominator das Zepter aus der Hand nimmt, ist nur scheinbar ein emanzipatorisches Element.

Ana nimmt die Rolle der Verführerin ein, die das reiche und gut aussehende Biest zum Guten, Konventionellen und Normalen verführt.

Nach den Kritikern sind nun wohl auch die Soziologen fertig mit der milden Schockwirkung von «Fifty Shades of Grey» und dem Peitschchen-Boom, den es auslöste. Nicht aber die 100 Millionen Leser, die für Ana und Christian längst Harry Potter vom Sockel gestossen haben. Ihnen, die nicht müde wurden, nach einer Fortsetzung zu betteln, hat E.L. James das Buch schliesslich auch gewidmet. Für sie ist kein Cliffhanger zu fadenscheinig.

Der Schlusssatz des Buchs «Heute gewinne ich sie zurück» ist für sie ein Kaufbefehl, den sie mit einer klaglosen Unterwürfigkeit befolgen werden, an der Grey und sein Organ die grösste Freude hätten. Dass sie wissen, wie das Fickmärchen ausgeht, tut ihrer Lust nicht den geringsten Abbruch. Und so stecken sie weiter Schlag um Schlag ein, ohne vom «Safe Word» Gebrauch zu machen.

E. L. James Grey – Fifty Shades of Grey von Christian selbst erzählt. Goldmann-Verlag, München. 550 Seiten, Fr. 21.90. In Deutsch ab dem 21. August.

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