Es hätte ein Coup werden können wie im Fall des am 11. Mai 1960 in Buenos Aires vom israelischen Geheimdienst entführten Adolf Eichmann. Eine Zielfahndergruppe des Mossad hatte diesen anschliessend in einem Flugzeug der «El Al» an argentinischen Flughafenkontrolleuren vorbei geschmuggelt, nach Israel gebracht, wo im April 1961 vor dem Jerusalemer Bezirksbericht im Rahmen des sogenannten «Eichmann-Prozesses» das Urteil «Tod durch den Strang» über ihn verhängt wurde.

Doch in der Sache des ebenfalls jahrzehntelang flüchtigen KZ-Arztes Josef Mengele, dem unter anderem seine barbarischen Zwillingsversuche den Spitznamen «Todesengel von Auschwitz» einbrachte, agierte der israelische Geheimdienst seinerzeit auffallend zurückhaltend, ja geradezu desinteressiert, als sich seinen Agenten die Möglichkeit bot, den 1911 geborenen Deutschen zu fassen. Später öffentlich zugänglich gemachte Akten belegen die Haltung des damaligen Mossad-Chefs, Meir Amit, wonach die Führungsebene des Geheimdiensts seinerzeit andere Prioritäten gesetzt hatte; er habe genug davon gehabt, so Amit, «Geister aus der Vergangenheit zu jagen». So geriet die versäumte Ergreifung des Lagerarztes, der für viele die «Verkörperung des Bösen an sich» darstellte, vor dem Hintergrund eines ägyptischen Raketenprogramms, durch das Israel sich seinerzeit in seiner Gesamtheit massiv bedroht fühlte, zur historischen Nebensache. Und Mengele irrlichterte bis zu seinem Tod 1979 in Brasilien weiter straffrei durch die Jahrzehnte.

Mitleid ist eine Schwäche

Mengele, der sich 1940 freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte und 1943 als Lagerarzt im Konzentrationslager Auschwitz seinen Dienst begann, um seine Versuche an Menschen durchzuführen, ist Gegenstand des Romans «Der Verschwinden des Josef Mengele» des 1974 in Strassburg geborenen Schriftstellers Olivier Guez. Einem Buch, das uns auf seine Weise einmal mehr jene einst von Hannah Ahrendt mit Blick auf Adolf Eichmann und dessen finsteres Treiben festgestellte «Banalität des Bösen» offenbart, indem es die Geschichte eines Mannes rekonstruiert, über den es einmal heisst: «An der Rampe, wo die europäischen Juden selektioniert wurden, waren sie betrunken, er aber blieb nüchtern und pfiff lächelnd ein paar Takte aus «Tosca». Sich nie zu einem menschlichen Gefühl hinreissen lassen. Mitleid ist eine Schwäche.»

Guez zeichnet die Fluchtgeschichte eines Mannes nach, der Opern hörte und sich nach dem Baden lange selbstverliebt eincremte (während gegenüber die Krematorien liefen) und sein Tun offenbar bis zuletzt als blosses Experiment begriff – losgelöst von allen moralischen Werten und Kategorien. Der angestrebte Erkenntnisgewinn schien in den Augen dieses Handlangers der Idee von «neuen Menschen» jedes Opfer zu rechtfertigen. «Ihm zu Diensten ein Zoo aus Versuchskindern, um die Geheimnisse der Zwillingsforschung zu ergründen. Übermenschen zu produzieren und die Fruchtbarkeit der deutschen Frauen zu mehren.» Derlei liest man beklommen – und wie mit stockendem Atem. Doch eben darin liegt ein bestimmter Wert von Guez’ Roman: Dass er uns das historisch Verbürgte in Bildern von bisweilen apokalyptischer Stille in unser Bewusstsein lenkt, schmerzhaft und in seiner Genauigkeit oft kaum zu ertragen.

Guez nennt Mengele in diesem Zusammenhang mal den «Hüter der Rassenreinheit», dann den «Alchemist des neuen Menschen» – zwei höchst problematische Bezeichnungen. Denn sie schreiben jenem, der Menschen fühllos Gift und Krankheitserreger injizierte, um genüsslich deren Wirkung zu erproben, eine unzulässig heroisierende Bedeutung zu; einem Monster mit menschlichem Antlitz, über das es an anderer Stelle – in Verbindung mit seiner damaligen Lebensgefährtin - nicht minder gespenstisch heisst: «Die Flammen schlugen aus den Krematorien; Irene blies ihm einen und Josef nahm Irene.» Hier wäre ein gewisser literarischer Abstand ratsam gewesen. Denn so viel menschliches Grauen bedarf weiss Gott keiner zusätzlichen literarischen Überhöhung.

Fesselnde Odyssee

In Frankreich wuchs sich der Roman zum Sensationserfolg aus – denn seinem Autor gelingt darin das Kunststück, Mengeles Fluchtgeschichte bis hin zu seinem Ende als fesselnde Odyssee eines jahrelang scheinbar unbehelligt über wechselnde Kontinente irrenden Verbrechers gegen die Menschlichkeit zu erzählen. Zwar nehmen irgendwann Nazi-Jäger wie Simon Wiesenthal und der Deutsche Fritz Bauer Mengeles Verfolgung auf – doch zu einem Zugriff kommt es nie. Denn Guez’ Roman zeigt auch das: dass der Gejagte nicht zuletzt aus Deutschland Hilfe erfuhr auf seiner Hatz von Versteck zu Versteck. So offenbart Guez’ Roman auch ein dunkles Kapitel mehr oder weniger anonym geleisteter Fluchthilfe durch jene, die sich auf Befragen hin regelmässig als Verfechter einer massiven Verurteilung aller begangenen NS-Verbrechen gerierten.

Olivier Guez, Jahrgang 1974, findet darüber hinaus Belege für jene andere These aus der Feder Hannah Ahrendts, der zufolge «das Böse keine Tiefe, aber auch keine Dämonie» besitze, indem er uns vielmehr in Mengeles Person dessen ganze Banalität offenbart. Dabei zoomt er sich bisweilen bis auf Porentiefe an jenes morallose Wesen heran, das alleine 1400 Zwillingspaare im Zuge seiner «Forschungen» tötete. An einen Mann und seine Geschichte, in der sich noch einmal das ganze Grauen eines pervertierten, krankhaft mutierten Systems offenbart – erzählt als suspense-reiche Spuk- und Kriminalgeschichte. Doch genau darin liegt, bei all ihrer inneren Notwendigkeit, ihr grösster Makel: dass sie darüber leider allzu oft dem poetischen Furor ihres Verfassers erliegt. Lesen sollte man sie trotzdem.

Olivier Guez: Der Verschwinden des Josef Mengele, Aufbau Verlag, Berlin, 224 Seiten.