Literatur
Das Leben ist kein langer, ruhiger Fluss, wie jener vor dem Fenster.

Der Schweizer Autor Christian Haller feiert morgen gleich doppelt. Einerseits seinen 70. Geburtstag und andererseits das Erscheinen seines neuen Romans «Der seltsame Fremde»

Anna Kardos
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Christian Haller schöpft gerne aus seinem eigenen Erleben.

Christian Haller schöpft gerne aus seinem eigenen Erleben.

Marc Fischer

Der Roman endet da, wo er angefangen hat. Ein Fotograf sitzt in seiner Wohnung, während vor dem Fenster der kanalisierte Fluss seine Wassermassen in künstlicher Gemächlichkeit vor sich her schiebt. Soeben ist er von einer Geschäftsreise zurückgekehrt, die ihn nicht nur mit seiner Kindheit, sondern auch mit Vergangenheit und Zukunft konfrontiert hat. Nun befindet er sich wieder in derselben Wohnung, an demselben Fluss. Doch etwas ist anders. Vielleicht, dass er statt auf die einsamen Wasserwirbel auf die belebte Strasse hinaus blickt? Oder sind seine Gesten weicher? Beinahe unmerklich hat sich etwas verändert.

Dieses «beinahe Unmerkliche» ist, was man in Christian Hallers Literatur immer wieder findet. Vielleicht in besonderem Mass im neuen Roman. Dass dessen Hauptfigur ein Fotograf ist, zeigt sich nämlich auch in der Sprache. Ob scheinbar unbeobachtete Mimik oder feine Nuancen, so minuziös beschreibt Haller auch Unscheinbares, dass man hin und wieder meint, sein Buch sei selbst eine Art Wort gewordene Fotografie. Darauf angesprochen schüttelt Haller allerdings den Kopf. Das Interesse für vermeintlich Unwichtiges habe er jedoch seit langem: «Im Unbeachteten, im Kleinen finden sich unausgefüllte Stellen, in denen sich nicht schon Ansichten festgesetzt haben», meint er, während ein paar winterliche Sonnenstrahlen in sein Bibliothekszimmer scheinen. Ein Bild, das an eine Passage aus «Der seltsame Fremde» erinnert: «Das Fenster ging zur Strasse hin, und die gegenüberliegenden Häuser, das einfallende Licht spiegelte sich auf dem niederen Glastisch.» Sogar in der Anordnung von Sessel, Sofa und Glastisch meint die Journalistin, das Wohnzimmer der Romanfigur wiederzuerkennen.

Tatsächlich schöpft Christian Haller für jeden Roman aus seinem eigenen Erleben. Mit der Trilogie «Die verschluckte Musik», «Das schwarze Eisen», «Die besseren Zeiten» hat er die Biografie seiner Familie zum literarischen Stoff gemacht. Im Fall des neuen Buches hätte man jedoch eine geradezu Haller-untypische Portion an Fantasie erwartet. Denn neben die Figur des von Selbstzweifeln geplagten Fotografen – «natürlich kenne ich auch dieses Problem allzu gut», sagt der Autor schmunzelnd – stellt er eine offensichtlich fantastische Gestalt. Einen «seltsamen Fremden», der Zeitreisen unternehmen und in den Gedanken seiner Gegenüber lesen kann. Mehr noch: Er manipuliert diese, sodass aus dem Mund anderer plötzlich der Fremde spricht. «Doch», meint Haller lächelnd, «auch so eine Gestalt hat es in meinem Leben gegeben. Mit der Folge, dass ich oft nicht wusste: Lebe ich selber oder bin ich bloss eine Figur in einem gigantischen Regiespiel eines anderen?»

Das sei nun schon eine ganze Weile her. Denn es brauche Zeit, bis sich die eigenen Erlebnisse gesetzt hätten und er für die Literatur aus ihnen schöpfen könne. Insofern kann man getrost behaupten, dass Haller, wenn er morgen seinen siebzigsten Geburtstag feiert, erst das beste Autorenalter erreicht. «Auch der Schreibprozess dauert bei mir lange», befindet er bescheiden. Dass Hallers Bücher umso dichter werden, zeigt auch der neue Roman, in dessen Handlung sich sowohl ästhetische Beobachtungen wie Fragen nach unserem Weltbild verflechten. So entsteht ein vielschichtiges Gefüge von Ebenen, Bildern und Zeitschichten, die den Lesefluss anfänglich stauen. Doch wie im gestauten Fluss vor dem Fenster des Protagonisten ergeben sich auch im Buch aus den zurückgehaltenen und vorwärtstreibenden Kräften neue Wirbel und Strudel, die ihren ganz eigenen Sog entwickeln.

Christian Haller: Der seltsame Fremde. Luchterhand 2013, 380 S., Fr. 36.90

Vernissage im Literaturhaus Zürich am Do, 28. Februar. www.literaturhaus.ch

Lesung und Fest am Mi, 6. März, im Aargauer Literaturhaus Lenzburg mit Christian Haller und seinen Aargauer Autoren-Freunden Markus Bundi, Urs Faes, Klaus Merz, Michel Mettler und Andreas Neeser.

www.aargauer-literaturhaus.ch

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