Kultur
Das Leben als ein einziger Kampf

«Winter’s Bone» erzählt die Geschichte von den Bemühungen um Leben und Würde im Herzen in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Christoph Heim
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Das Leben in einer verstockten Gesellschaft hat Ree Dolly (Jennifer Lawrence) hart und stark gemacht. Look Now!

Das Leben in einer verstockten Gesellschaft hat Ree Dolly (Jennifer Lawrence) hart und stark gemacht. Look Now!

Ree Dolly, eine junge Frau von 17 Jahren, wird von ihrem Onkel an den Haaren gepackt. Er reisst ihren Kopf grob nach hinten und blickt ihr mit stechendem Blick in die Augen. Die Szene ist der Schlusspunkt eines lauten Streits: Ree soll sofort die Suche nach ihrem Vater aufgeben. Die Szene ist von einer derart archaischen Gewalt, dass sie den Kinobesucher unweigerlich zusammenzucken lässt.

«Winter’s Bone» spielt in der Gegenwart, in den Ozark Mountains im Süden des Bundesstaates Missouri. Es ist eine Gegend mit pittoresken Wiesen und Wäldern, mit desolaten Häusern, kaputten Strassen und einem verstockten Menschenschlag. Ein Landstrich, der vom sprichwörtlichen Wohlstand der USA weiter entfernt scheint als ein Drittweltland. Ree Dolly ist jung und hübsch und steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Hinreissend, wie die noch kaum bekannte Jennifer Lawrence diese
Figur spielt – eine Entdeckung.

Leben in der Armut

Ree sorgt für ihre kranke Mutter, die vor Jahren den Verstand verloren hat, und sie kümmert sich um ihre beiden jüngeren Brüder. Sie sorgt gut für sie, obwohl seit Vater Jessups Abtauchen Ebbe ist in der Haushaltkasse. Sie kocht für ihre Familie, obwohl sich kaum noch Lebensmittel im halbverfallenen Haus auftreiben lassen. Sie lehrt den älteren der beiden Brüder inmitten der Armut, was Moral ist: «Niemals bittest du um etwas, das einem freiwillig angeboten werden sollte.» Sie kämpft tagtäglich darum, dass inmitten einer unwirtlichen, unglaublich feindlichen Umgebung so etwas wie ein menschliches Leben stattfindet.

Suche nach dem Vater

Wie wenn das nicht mehr als genug wäre für eine 17-Jährige, fährt eines Tages der Sheriff vor und eröffnet ihr, dass sie das Haus verlassenmüsse, wenn sich ihr Vater Jessup nicht in einer Woche vor Gericht einfinde. Jessup hat das Haus für seine Kaution verpfändet, um aus dem Gefängnis frei- zukommen. Er ist seit Wochen von der Bildfläche verschwunden. Niemand weiss, wo er ist. Ree macht sich auf die Suche nach ihm, sie will das Haus nicht weggeben.

Nun bekommt das Sozialdrama eine geradezu antike Dimension. Wie Antigone macht sich die Tochter auf die Suche nach ihrem Vater. Wo sie hinkommt, stösst sie auf Ablehnung. Aber anders als bei den alten Griechen endet das Ganze nicht als Tragödie. Regisseurin Debra Granik und Daniel Woodrell, dessen Roman sie verfilmt, setzen auf Hoffnung inmitten der Hoffnungslosigkeit. Beide erzählen die Geschichte holzschnittartig. Kurze, kantige Szenen treiben das Drama vorwärts. Beide stellen sich auf die Seite ihrer Hauptperson und führen sie zum Erfolg: Es kommt nicht zur Familienidylle, aber immerhin: Das Haus kann Ree behalten.

Dolly ist Stur

Granik hat stilistisch bei Regisseuren wie Ken Loach, den Dardenne-Brüdern oder Abbas Kiarostami gelernt, sie spricht vom «brandaktuellen globalen Neorealismus», wenn sie ihren Film beschreibt. Sie verzichtet auf all jene Passagen, in denen Woodrell im Buch in eine mythische Dimension vorstösst. Dank der reduzierten Erzählweise und den hervorragenden Schauspielern wird der Film zu einem Thriller, der jeden in seinen Bann zieht.

Ree Dolly ist mit derselben Sturheit ausgestattet, die ihre Verwandten und Anverwandten auszeichnet. Nur setzt sie diese gegen die Mauer des Schweigens ein, die sich um Jessup errichtet hat. Zu Fuss macht sie sich auf, unternimmt Tagesmärsche und stapft mutig durch die vorwinterliche Landschaft. Wohin sie auch kommt: abweisende Alte, zerfurchte Gesichter, die Lebensfreude und Schönheit verloren haben, mürrische, verstockte Menschen, die allem Fremden gegenüber feindlich eingestellt sind.

Erstaunlicherweise bewegt sich die Hauptfigur auf ihrer Suche nach ihrem Vater immer innerhalb ihrer Verwandschaft. In den Ozarks scheint Amerika, das Land der Mi-gration, dörfliche Strukturen zu haben, wie man sie nur noch in den hintersten Tälern Europas zu finden glaubte.

Menschenfeindliche Codes

Woodrell und Granik wiederlegen mit «Winter’s Bone» Adornos Diktum, dass es kein richtiges Leben im falschen geben könne. Denn so schlecht die sozialen Voraussetzungen sind, Ree Dolly setzt sich selbstlos für ihre Familie ein. Kämpft gegen die wirren und menschenfeindlichen Codes von Loyalität, Egoismus und Ausgrenzung, die den Kleinstbauern, Eichhörnchen-Jägern, Ex-Hippies, Drogen-Kriminellen und anderen Stadtflüchtlingen das Überleben in einer letztlich statischen Welt sichern. Sie wird belogen, sie muss sogar noch den Lügnern glauben, sie wird aufs Brutalste zusammengeschlagen von drei Frauen, die sich wie antike Rachegöttinen gebärden, und hält trotz allem ihren Kopf hoch.

Winter’s Bone (USA 2010) 110 Min. Regie: Debra Granik. HHHHI

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