Gut, dass es das Gesetz gibt, aber... – So kann man die Meinungen von Kulturverbänden nach einem Jahr Kulturförderungsgesetz (KfG) zusammenfassen. Zugespitzt könnte man sagen: Je mehr eine Kultursparte verloren hat, desto unzufriedener klingt es. Erstaunlich aber ist, dass umgekehrt kein Verband wirklich glücklich scheint.

In den Schaltzentralen der Kulturförderung, also beim Bundesamt für Kultur (BAK) und bei der Kulturstiftung Pro Helvetia, dagegen tönt es anders: «Das Kulturförderungsgesetz hat uns die Grundlagen gegeben, in allen Sparten erstmals die ganze Laufbahn der Kulturschaffenden zu fördern», erklärt der neue Pro-Helvetia-Direktor Andrew Holland. Und BAK-Direktor Jean-Frédéric Jauslin sagte gestern zur «Nordwestschweiz»: «Ich bin grundsätzlich zufrieden. Zu 98 Prozent ist die Umsetzung des Gesetzes gut gelaufen, es gab ein paar wenige Fehler, und es wird noch einige Adaptionen brauchen.»

Verlierer und Gewinner

Eine andere Zahl präsentiert Heinrich Gartentor, Präsident der visarte, des Berufsverbandes der bildenden Künstlerinnen und Künstler: «Die visuelle Kunst hat 28 Prozent Förderung verloren. Zudem gab es eine Verlagerung von der lebenden zur toten Kunst. Das Geld, das früher für die Förderung der unabhängigen Kunsträume verwendet wurde, ist nun für die Versicherungsprämien von Museen vorgesehen.» Und er beklagt, dass es bei Pro Helvetia noch keine Werkbeiträge für visuelle Kunst gebe.

Gestrichen wurden im KfG Beiträge an Verbände, die Institutionen vertreten. Der Schweizerische Bühnenverband zum Beispiel beklagt: So sei es unmöglich, «kulturpolitisch wertvolle Arbeit zu leisten und sich auf nationaler Ebene zu organisieren».

Mindestens theoretisch besser behandelt sehen sich die Schriftstellerinnen und Schriftsteller. «Der Bereich der Literatur und Leseförderung nimmt bereits in der aktuellen Kulturbotschaft eine wichtige Stellung ein», bilanzieren Raphael Urweider und Nicole Pfister Fetz vom AdS (Autoren der Schweiz). Doch die Praxis stimme nicht, nicht einmal die literaturpolitischen Ziele für die laufende Periode könnten erreicht werden. «Es reicht nicht, eidgenössische Literaturpreise zu vergeben, Pro Helvetia die nationale Förderung mit zu knapp bemessenen Mitteln zu überlassen und zahlreiche Aufgaben der Literaturpolitik allein den Kantonen zu überlassen.»

Nach dem neuen KfG kann das BAK nicht nur wie bis anhin für bildende Kunst und Design Preise vergeben, sondern auch für Literatur, Tanz und Musik. Ein erster Anlauf bei den eidgenössischen Literaturpreisen verlief noch sehr harzig, Tanz und Musik sollen sogar erst in den nächsten Jahren folgen. Trotzdem, für den Schweizerischen Bühnenverband ist das eine erfreuliche Neuerung. Enttäuscht ist dagegen der SIA (Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein): «Das KfG berücksichtigt unsere Sparte, zeitgenössische Architektur und Baukultur, nicht.» Einen Lichtblick gibt es für den SIA: «Positiv ist das Herangehen der Pro Helvetia an die Architekturbiennale Venedig.» Der SIA rühmt die Absicht, hier ein internationales Netzwerk zu bilden.

Ist die Aufgabentrennung, wie einst als Ziel formuliert, besser geworden? Da sind sich die Betroffenen und Akteure uneins. Andrew Holland lobt den neu eingeführten Kulturdialog. «Das Kulturförderungsgesetz schafft die Grundlage für eine engere Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden wie auch den Verbänden.»

In einem Punkt sind sich aber alle Akteure einig: Mit dem Kulturförderungsgesetz haben sowohl das BAK wie Pro Helvetia neue Aufgaben bekommen, aber nicht mehr Geld. Das konnte und kann nicht aufgehen.

Der Ausblick auf 2016–2019

Alle vier Jahre genehmigt das Parlament die Kulturbotschaft und damit die Kredite für die Kulturförderung. Welche Verbesserungen sehen die Akteure für die Kulturbotschaft 2016–2019? Jauslin: «Die erste Kulturbotschaft ist unter grossem Zeitdruck entstanden. Für die Kulturbotschaft 2016–2019 wollen wir uns mehr Vorbereitungszeit geben, um die interessierten Kreise frühzeitig einbinden zu können.»

Abgesehen von inhaltlichen Forderungen der Verbände formuliert Heinrich Gartentor: «Solange die Kulturbotschaft in der letzten Session vor den Wahlen behandelt wird, kann sie nur verlieren, denn kein Parlament lehnt sich in der Aufräumsession aus dem Fenster und vergrämt potenzielle Wähler.»