Das Kino stürzt das Dritte Reich

Diane Krüger und Quentin Tarantino

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Diane Krüger und Quentin Tarantino

Quentin Tarantino fegte mit seiner Kriegsfilmparodie «Inglourious Basterds» wie ein Wirbelwind durch Cannes. Favorit auf die Palme d´or ist ein Franzose.

Christian Jungen, Cannes

Wehe, wenn er losgelassen: Quentin Tarantino stürmte mit seinen Stars zur Pressekonferenz und redete sich mit einem Cüpli in der Hand in Euphorie: «Cannes war immer mein Traum: Hier an der Riviera ist Kino ein paar Tage lang wichtig, selbst wenn die Leute buhen, tun sie es wenigstens aus Leidenschaft.» Yes! His masters voice war Rock ´n´ Roll in den Ohren der Filmkritiker. Sollen sie doch zu Hause über biometrische Pässe streiten, hier gehts um so Existenzielles wie das Eintrittsticket in den Filmolymp.

Die Cinéphilie ist es denn auch, die den ehemaligen Videotheken-Junkie mit der Physiognomie eines Dalton-Bruders aus «Lucky Luke» antreibt: Wie kein Zweiter jongliert Tarantino mit Genres, zitiert vergessene B-Movies. Das ist auch in «Inglourious Basterds» so, seinem mit Hochspannung erwarteten Kriegsfilm. Er beginnt wie ein Spaghettiwestern, mit Banjo-Gezitter und einer gelben Schrift: «Unce upon a time in Nazi occupied France». Anno 1941 kommt es zu einem Duell zwischen einem Bauern, der Juden versteckt, und dem deutschen Nazigeneral Hans Landa (Christoph Waltz). Mit einem Duell am Filmschluss schliesst sich dann diese Genreklammer grandios. Päng, päng, 2 Punkte!

Die Geschichte, die Tarantino in fünf Kapiteln erzählt, streift im fünften die Genialität: Ein Mädchen, das der Exekution der Nazis im Intro entkam, betreibt in Paris ein Premierenkino und will dort zusammen mit einer Gruppe jüdischer Amerikaner die Nazis umbringen. Sie organisiert die Uraufführung des deutschen Propagandafilms «Der Stolz einer Nation», zu der auch Hitler erscheint. Kurz vor Schluss plant sie, das Haus durch Entflammung von 300 Nitratfilmkopien abzufackeln. «Ich wollte, dass die Kraft des Kinos das Dritte Reich niederbringt», erklärte Tarantino. Päng, päng, päng, 3 weitere Punkte.

«Inglourious Basterds» ist ein typischer Tarantino-Streich, mit teilweise grossartig absurden Dialogen und grandiosen Schauspielern: Waltz ist als Nazi eine Wucht und Brad Pitt brilliert nach «Burn After Reading» als Südstaaten-Depp zum zweiten Mal in selbstironischer Pose. Päng, päng. Die 3 letzten Punkte zum Kränzchen, sprich zur Palme d´or, kann man Tarantino aber nicht anrechnen, denn die Kriegsfilmparodie ist zu langatmig und vor allem fehlt ihr - um es tarantinoesk zu sagen - das «fucking fuego».

Dies ist die Gemeinsamkeit der alten Meister wie Tarantino, Jane Campion, Pedro Almodóvar und Michael Haneke: Ihre Werke sind behutsam inszeniert, aber das Feuer der Leidenschaft lodert nicht mehr so hoch - ein Vorbehalt auf hohem Niveau. Auf tiefem Niveau wurde übrigens Lars von Trier für seinen prätenziösen «Antichrist» gekreuzigt: «Ein dicker, fetter Arthouse-Furz», urteilte «Variety» und der Kritiker des Revolverblatts «Daily Mail» meinte: «Es kam mir vor, als steckte mein Kopf in einer Kloschüssel.»

Einigkeit herrscht darüber, dass die Franzosen zu den Favoriten auf die Palme zählen: Mit «Un prophète» hat Jacques Audiard ein wuchtiges, existenzielles Drama über einen Kleinganoven vorgelegt, der hinter Gittern zwischen die Fronten von moslemischen und korsischen Gangs gerät, das als Meisterwerk gehandelt wird. Sogar Tarantino soll vor Begeisterung aus dem Fauteuil gesprungen sein.

Auch Xavier Giannoli, der uns vor drei Jahren mit dem melancholischen «Chansons d´amour» mit Gérard Depardieu als Schubidu-Sänger in Provinzturnhallen, verzauberte, legte mit «À l´origine» ein magistral inszeniertes Werk vor: Ein ehemaliger Sträfling gibt sich in einem Provinzkaff mit hoher Arbeitslosigkeit als Unternehmer aus und initiiert den Bau eines Autobahnstücks. Erst als die Strasse geteert ist, kommen Kreditgeber und Polizei dem Hochstapler auf die Schliche, der viel Gutes für die Bevölkerung tat. Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit und ist mit ihrer Mischung aus Sozialkritik und Trostfabel, Anspruch und Unterhaltung ein Glücksfall für ein Festival in Zeiten der Finanzkrise.

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