«In die Psychi, da bringt Dir keiner Rosen, aber Lesestoff und neue Trainerhosen». Schräg und witzig war das Lied, das der Psychor am Donnerstagabend im Hof der Basler Kaserne sang. Der Chor aus dem Umfeld der Universitären Psychiatrischen Klinik brachte das Ständchen zur Eröffnung von Wildwuchs dar. Das Festival lädt bis Sonntag, 11. Juni, zu Theater-, Tanz-, Performanceproduktionen, die sich den Menschen an den Rändern unserer Gesellschaft zuwenden.

Die Frage, was in unserer Gesellschaft innen, was aussen ist, was sichtbar und akzeptiert, oder was verdrängt wird, treibt die Festivalmacherinnen um die Programmleiterin Gunda Zeeb um. Die britischen Performerinnen Jenny Hunt und Holly Darton demonstrierten zur Eröffnung mir der kurzen Performance «Victory» schon mal, wie ambivalent der Triumph der Sieger in der Gesellschaft ist.

Hunt und Darton betreiben während dem Festival die Restauration in der blauen, lottrig-gemütlichen Schaubude mitten auf dem Kasernengelände. Neben hervorragenden britischen Kuchen bieten sie auf Wunsch auch Spontanperformances an.

Aus der Asche Afrikas

Die grosse Bühne gehörte am Donnerstagabend der Unmute Dance Company aus Kapstadt und der Produktion «Ashed». Das 2013 gegründete Kollektiv ist die erste Tanzcompany Südafrikas, die mit Tanzenden mit und ohne Behinderung arbeitet. Das Wildwuchs Festival und die Company verbindet eine längerfristige Zusammenarbeit. Im November waren zwei Kunstschaffende aus der Schweiz in Südafrika. Die Künstler der Company tauschen sich seit Anfang Mai in Basel mit dem Choreografen Alessandro Schiattarella aus.

«Ashed» beginnt mit einem archaischen Bild. «Gott segne Afrika, lass sein Horn ertönen», singt Babalwa Makwethu. Ihre Gestalt erinnert an eine Erzählerin aus ferner Urzeit. Sie erweckt mit ihrem Gesang am Boden liegende, maskierte Gestalten in erdfarbenem Kostüm. Jedoch nur drei der Wesen sind lebendig. Die anderen vier sind mumienhafte Pappmaché-Figuren, farblich kaum zu unterscheiden von den Tänzern. Sie erinnern an die versteinerten Figuren von Pompeji. Der Stücktitel «Ashed» nimmt Bezug auf diese unter Vulkanasche Begrabenen.

Wir sehen hier modellhaft die Versteinerungen der afrikanischen Geschichte, unter anderem einen knieenden Mann, die Hände auf dem Rücken, wie ein zum Tode Verurteilter. Oder eine Frau, die auf dem Rücken liegend ihre Scham zu schützen versucht.

Die fragile Zukunftshoffnung

Angetrieben vom Gesang der Erzählerin rollen die Szenen ab. Die beiden Tänzer und die Frau im Rollstuhl lassen die Puppen tanzen. Gewalttätigkeit, Krieg, eine ohrenbetäubende Schiesserei: Hier werden die Traumata der südafrikanischen Geschichte heraufbeschworen. «Es steht schlecht um uns», singt die Erzählerin, schürt Hoffnung, indem sie zur Einheit aufruft, verzweifelt an der Zukunft. Sie sieht Menschen kommen, die Lieder voller Hass bringen und die Gesellschaft entzweien werden. Sie erkennt, dass diese Feinde eines neuen Afrikas die Afrikaner selbst sind. «Warum ist unser Hass auf uns selbst so gross?», fragt sie.

Die jungen Künstler zeigen eine kryptische, aber leidenschaftliche Analyse ihrer Hoffnung auf ein erstarkendes, friedfertiges Afrika. Was wir sehen, ist sperrig und schwer zu entschlüsseln. Diese maskierten Gestalten, kaum zu unterscheiden von den Puppen, zeigen uns nicht Menschen, sondern Schemen, Geister aus dem Totenreich der Geschichte. Das können wir als Metapher für ein gesichtsloses Afrika lesen, das nach seiner Menschwerdung sucht – und irgendwann aus der Asche der Geschichte emporsteigen wird.

Wildwuchs Festival: Bis Sonntag 11. Juni. Infos unter www.wildwuchs.ch.