«Ja, man kann alles sehen», sagt die Medienverantwortliche des Theaterfestivals Basel, Franziska Castell. Eine beruhigende Nachricht. Denn jede einzelne der 16 Produktionen, die vom 27. August bis 7. September in Basel gezeigt werden, klingt so wichtig wie verlockend, dass man das Gefühl hat, ja keines verpassen zu dürfen.

An der gestrigen Medienkonferenz haben die künstlerische Leiterin der Kaserne und dieses Festivals, Carena Schlewitt sowie Dramaturg Tobias Brenk, ein jedes Stück mit gleich viel Liebe und einem Videoclip vorgestellt (alle Videos finden Sie hier). Wie Eltern ihre Kinder. Zuvor haben die beiden erneut während zweier Jahre europaweit an den wichtigen Theaterfestivals nach alten Lieblingen und neuen Entdeckungen Ausschau gehalten, um uns zu Hause eine gut gemischte, internationale Bestenauswahl bieten zu können. 170 Bühnenschaffende aus vier Kontinenten werden nun 14 Theater- und Tanzstücke sowie zwei interaktive Performances zeigen.

Eröffnung mit 40 Mädchen

Ein 40-köpfiger Mädchenchor wird das biennale Festival am 27. August eröffnen. Der bekannte Musiktheaterregisseur und Komponist Heiner Goebbels hat mit dem «Vocal Theatre Carmina Slovenica» einen Musiktheater-Abend inszeniert. «When the mountain changed its clothing» wurde bei der Uraufführung an der Ruhrtriennale 2012 bejubelt. Es sei erstaunlich, «mit welcher Gewandtheit, Körperbeherrschung, Präzision und Schnelligkeit die Mädchen einzeln und im Ensemble agieren, spielend, sprechend, singend», schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Aber es gehe um mehr: «Goebbels’ kritische Implikationen, sein genauer Blick auf politische, gesellschaftliche und soziale Zustände in der Welt finden sich auch in diesem Stück wieder.»

Politische und gesellschaftliche Relevanz deutet sich bereits als eine der grössten Stärken dieses kommenden Festivals an. Dazu passt, dass ein iranischer Schwerpunkt gesetzt wird. Der derzeit angesagteste Regisseur des Landes, Amir Reza Koohestani, und seine Mehr Theatre Group sind gleich mit zwei Stücken vertreten: Einer Adaption des Tschechow-Stückes «Iwanow» sowie mit «Wo warst du am 8. Januar?». Beide Produktionen vermitteln offenbar die vorherrschende Gefühlslage von Zerrissensein und Stagnation in dieser Gesellschaft. «Wir sind alle Iwanow», soll eine junge iranische Schauspielerin nach der Premiere in Teheran auf Facebook geschrieben haben. Es passiere ihm wirklich selten, beteuert Tobias Brenk, aber «Iwanow» habe ihn zu Tränen gerührt. Angereichert werden diese Stücke mit einem Podium über die «Künstlerische Produktion in Iran» sowie zwei iranischen Filmen.

Stück über Grenzsicherung

Viel über die heutige Situation in Ungarn besagen stets auch die Stücke des Regisseurs Béla Pintér, auch wenn er dafür kein zeitgenössisches Thema wählt. «Unsere Geheimnisse» spielt in einem Tanzhaus im Budapest der 1980er-Jahre. Ein Musikforscher wird von der Stasi erpresst, denn sie weiss von seinen pädophilen Neigungen. «Macht, Unterdrückung und Schuld werden bitter ineinander verschränkt», sagt Schlewitt. Die Stasi-Geschichte sei in Ungarn zudem nie richtig aufgearbeitet worden.

Besonders aktuell ist auch Hans-Werner Kroesingers Stück «FRONTex SECURITY». Der Altmeister des dokumentarischen Theaters beschäftigt sich mit der Grenzsicherung Europas gegen die Flüchtlingsströme und dokumentiert die Ereignisse vor Lampedusa. Als Carena Schlewitt dieses Stück sah, wusste sie: «Das muss auf jeden Fall in der Schweiz gezeigt werden.» Es rege noch mal ganz anders zum Nachdenken über die Flüchtlingssituation an. Wieder so ein Muss.