Kultur
Das hört und liest eine durchschnittliche Kultur-Konsumentin

Göla, Martin Suter und Blasmusik – so sieht die Biografie einer durchschnittlichen Schweizer Kulturkonsumentin aus. Erkennen Sie sich?

Benno Tuchschmid
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Die fiktive Maria Müller, eine durchschnittliche Schweizer Kulturkonsumentin.

Die fiktive Maria Müller, eine durchschnittliche Schweizer Kulturkonsumentin.

Patric Sandri

Maria Müller hat Stimmen im Kopf. Gölä! Benninghoffs Anatomie! Allmen! Es sind die Stimmen der Masse, die ihr Ihre Lieblinge zuschreien. Aber Mitleid lohnt sich nicht. Denn Maria Müller lebt nicht.

Zwar tragen in der Schweiz über 500 Personen den Namen Müller, Maria. Doch hier geht es um keine dieser Frauen. Unsere Maria Müller existiert nicht und es gibt sie trotzdem. Zu Hunderttausenden. Maria Müller ist die Durchschnitts-Konsumentin, deren kulturelle Präferenzen ganz dem Geschmack der Masse entsprechen.

Kleinster gemeinsamer Nenner

Maria Müller ist Spiegelbild des Schweizer Durchschnittsgeschmacks, basierend auf aktuellen statistischen Daten des Bundesamts für Kultur, die letzte Woche in der Taschenstatistik Kultur veröffentlich wurden. Müller liest, was die meisten Schweizer lesen. Sie hört, was die meisten Schweizer hören. Sie besucht, was die meisten Schweizer besuchen. Ihr Kulturkonsum ist der kleineste gemeinsame Nenner der Schweizerinnen und Schweizer.

Lernen wir sie also kennen: Wie 48 787 Schweizerinnen seit 1902 heisst Maria Maria. Und zum Nachnamen Müller, wie denn sonst. Sie ist 42 Jahre alt, verdient 5808 Franken, ist Mutter von eineinhalb Kindern, wohnhaft in einer 99-Quadratmeter-Wohnung, die 1332 Franken kostet und in der eine Stereoanlage das Album «Mundart-Balladen» von Göla spielt. Es ist das erfolgreichste Schweizer Album 2014. Wenn ihr der Berner Büezer verleidet, schmeisst sie Helene Fischers «Farbenspiel» ins CD-Fach, die meistgekaufte Platte des Jahres 2014. Müllers Genre sind Mundart-Pop und deutscher Schlager. Was gemäss dem Nachrichtenmagazin «Facts» fast das Gleiche ist. «Gölä fasst banale Emotionen in simple Mundarttexte, deren Seichtigkeit immer die Unterkante des landläufigen Schlagerniveaus hält», schrieb das Nachrichtenmagazin 1999. 2007 wurde «Facts» eingestampft. Göla steht noch immer mit Klampfe auf der Bühne. Müllers Lieblingsmuseum ist das Verkehrshaus Luzern (519 381 Eintritte pro Jahr).

Maria Müller bläst die Trompete

Auch Maria Müller steht auf der Bühne. Mit der MG, der Musikgesellschaft. Mit 70 000 Mitgliedern ist der Schweizer Blasmusikverband der grösste kulturelle Laien-Verband der Schweiz. In die Schweiz gebracht hat die als mittlerweile urschweizerisch geltende Tradition der Franzose Napoleon mit seinem Militär während den Zeiten der Helvetischen Republik im frühen 19. Jahrhundert. Maria Müller bläst die Trompete. Und besonders oft den Marsch «San Carlo». Dem Vernehmen nach das populärste Instrument und die populärste Komposition in der Welt der Blasmusik.

Blasmusik, Gölä und Schlager. Irgendwie passt das noch halbwegs. Nur im Leseverhalten ist Maria Müller schwer einzuordnen. Müller hat eine Affinität für den Boulevard, sie liest den «Blick», «20 Minuten Online» und googelt häufig nach der eierlegenden, dauernackten Pseudo-Aktionskünstlerin Milo Moiré. Andererseits leiht sie sich in der Universitätsbibliothek Basel (der mit 8,4 Millionen Medien grössten der Schweiz) am liebsten den Band «Anatomie, Makroskopische Anatomie, Embryologie und Histologie des Menschen» (das meistbestellte Buch an der Uni Basel) aus.

Im Bereich Bühnenkunst fühlt sich Blasmusikerin Müller zur Hochkultur hingezogen: Das Opernhaus Zürich ist ihr liebstes, und mit 233 000 Besuchern auch das populärste Theater des Landes.

Auf dem Nachttisch von Maria Müller liegt der unvermeidliche Martin Suter, mit seinem Krimi-Band «Allmen und die verschwundene Maria» (bestverkaufte Schweizer Belletristik 2014). Ein Zeit-Feuilletonist umschrieb die Schreibkunst des populärsten aller Schweizer Autoren einmal mit folgendem, schmucklosen Satz: «Suter kann nicht schreiben.» Maria Müller kann es trotzdem lesen.

Auch beim Fernsehen folgt Müller nicht den Kritikern. Ihre liebsten Sendungen sind «Tagesschau» und die Unterhaltungssendung ist «Happy Day». Eine Sendung, die in dieser Zeitung schon mit einer Hochzeitstorte verglichen wurde: «süss, bunt, kitschig, aber letztlich ungeniessbar». Knapp 700 000 Zuschauer und Maria Müller sind anderer Meinung.

Maria Müller und die Politik

Spätestens mit ihrem TV-Konsum werden Maria Müller und die Masse zu einem Politikum. Nicht nur, weil in der Zeit nach dem Misstrauensvotum des Stimmvolks gegen die SRG alles, was mit TV zusammenhängt, politisch ist. Auch weil der Geschmack Maria Müllers die politische Wasserscheide in der Debatte um den Service public bildet. Soll sich gebührenfinanziertes Fernsehen nach dem Geschmack Maria Müllers ausrichten? Oder sollen das Private tun, und die SRG gerade jene Nischen abdecken, die Müller und die Masse nicht interessieren?

Nicht nur bei der SRG entzündet sich daran der politische Streit: Die ganze Kulturförderung ist von dieser Debatte betroffen, in der «massentauglich» und «elitär» wechselseitig als Schimpfwörter verwendet werden. Während Bürgerliche gerne über die elitäre rote Kulturmafia fluchen, spottet man auf linker Seite gerne über volkstümlichen Trash, welcher das Wort Kultur gar nicht verdient. Ein Streit, der Folgen haben könnte. 2012 haben Bund, Kantone und Gemeinden die Kultur mit 2,732 Milliarden Franken subventioniert. Auf allen Ebenen sind diese Gelder unter Druck. Sparen ist angesagt. Aber wo? Bei Maria Müllers Lieblingen oder bei dem, das bei ihr und der Masse nicht ankommt?

Der verstorbene deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat sich zwar nie zur Schweizer Kulturpolitik geäussert. Zum Wort Subvention in der Kultur allerdings schon. In einer Rede 1991 betonte er, das Wort sei in der Kultur grotesk, denn: «Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.

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