1964 steht in der documenta in Kassel eine unscheinbare Vitrine, die einfach zu übersehen ist. Joseph Beuys hat hier drei Bienenfiguren ausgestellt, sorgfältig ausgelegt neben einem hölzernen Essbesteck. «Ich würde den Betrachter praktisch die Plastik essen lassen», sagt er dazu. «Im Essen dieser Plastik würde er vielleicht etwas erleben, was in diesen Dingen enthalten ist.»

Über 50 Jahre später liegen wieder Bienen in einer Vitrine, dieses Mal im Kunsthaus Baselland. Die Schweizer Künstlerin Marta Margnetti hat tote Honigbienenkörper abgeformt und lässt sie in der Ausstellung rumliegen – bis auf ein paar, die in der Vitrine bleiben müssen, neben einem uralten Kollegen aus Bronze: eine Leihgabe aus dem Antikenmuseum. Margnetti ist eine von 24 Künstlerinnen und Künstlern, die das Museum in dieser Ausstellung zeigt. Sie alle stehen für genau diese Fragen der Einverleibung, die Beuys damals so kurios auf den Punkt bringen wollte: Wie schafft Kunst einen Bezug zur Natur? Wie kann sie die Natur verkörpern? Kann Kunst eine Auseinandersetzung bieten, die der faktenbasierten Wissenschaft verwehrt bleibt?

Genau die richtigen Fragen

Und das sind erst die Meta-Fragen der aktuellen Ausstellung «Beehave» im Kunsthaus Baselland. Dreh- und Angelpunkt ist die Honigbiene, ein zugleich omnipräsentes und mysteriöses Nutztier, das spätestens seit dem Film «More than Honey» Einzug in die breite Öffentlichkeit gehalten hat, in Anbetracht seiner Bedrohung aber noch immer vergleichsweise moderat wahrgenommen wird.

Eine Herkules-Aufgabe für Direktorin Ines Goldbach, der sie in jeder Hinsicht gewachsen ist. Das komplizierte Verhältnisgeflecht von Natur, Künstler und Betrachter entwirrt sie mühelos und überführt es in eine sorgfältige Ausstellung, die genau die richtigen Fragen stellt. In erster Linie ist das der Breite an künstlerischen Stimmen zu verdanken. «Beehave» fand vor zwei Jahren bereits in der Fundació Joan Miró in Barcelona statt, und Goldbach hat für die Ausgabe in Basel ein paar der damaligen Künstler nach Basel eingeladen.

Darunter Xavi Manzanares und Àlex Muñoz, die ein komplexes Programm konzipiert haben, mit dem sich das Innere des Bienenstocks nachempfinden lässt. Die Besucher müssen sich dafür auf wabenförmige Platten legen und Kopfhörer aufsetzen. Und dann? «Augen zu und so lange wie möglich lauschen!», raten die Künstler. Zu hören ist eine Mischung aus Bassrhythmen und Bienengesumme, im Takt dazu vibriert die Platte. Wer dem Rat der beiden folgt, versteht bereits nach einigen Minuten, worauf es ihnen ankommt – der künstliche Bienenstock produziert ein solch überzeugendes Gefühl der Selbstauflösung, dass man von Zeit zu Zeit die Augen aufschlagen muss, um sicherzustellen, dass man noch vorhanden ist.

Filmgesurre und Glasmalerei

Auch die Baslerin Carmen E. Kreis beschäftigt sich mit dem Rhythmus der Bienen. Ihr Film «circulaziun» zeigt in harten Schnitten und hoher Taktung Nahsichten auf Bienenvölker in Nairs Scuol und Neuenburg. Der in Zürich lebende Brigham Baker arbeitet wiederum mit seinen eigenen Bienen. Er bietet seinem Bienenvolk Zuckerwasser an, das er vorher mit roter oder blauer Lebensmittelfarbe versehen hat – was dazu führt, dass seine Arbeiterbienen gefärbte Waben produzieren, die wie wunderschöne Glasmalerei anmuten.

Enrique Fontanilles wählt einen politischen Zugang: Auf goldbarren-ähnlichen Bienenwachsblöcken hat er einen Text gestanzt, der in kritischen Worten die globalen Marktwirtschaft mit der der Bienen vergleicht: Unvereinbar. Bienen und Film hingegen – das verträgt sich gut. Zumindest wenn man nach Peter Reglis «Bee Opera» geht, ein kleiner Holzpalatz mit integriertem Bienenvolk und Kino, der auf dem Novartis Campus steht und dank zwei Besichtigungsterminen während der Ausstellung besuchbar wird.
Und schliesslich ist auch Beuys in «Beehave» zu Gast– mit einer kleinen, braunen Zeichnung einer Bienenkönigin. Besteck ist dieses Mal keins dabei. Braucht es bei dieser Ausstellung auch gar nicht.


Beehave 14.9 - 11.11, Kunsthaus Baselland.