Erst die Warnung. Wer Samuel Becketts «Glückliche Tage» in der Box des Zürcher Schiffbaus selbstdenkend – selbstschwebend – erleben will, lese bloss nicht den Programmhefttext. So dumm ist keiner, dass er diese Regie-Gebrauchsanleitung braucht. Und nach der Warnung gleich die Entwarnung: Sollte es Sie zufällig als unwissender Uneingeweihter – Sie Glücklicher! – in diese Welt des absurden Theaters verschlagen, und Sie würden sich dort alsbald so unwohl fühlen, als sässen Sie im Wartsaal der Notaufnahme, dann keine Angst: Nach 1 Stunde und 20 Minuten ist der Spuk vorbei. Das Ganze dauert also kaum so lange wie eine Sinfonie Anton Bruckners – aber genauso kraftvoll stösst dieses Schauspiel immer wieder in die Leere, genauso erhaben, würdevoll und erfüllend ist der Moment nach dem letzten Ton. Und genauso heikel.

Es geht ja nicht darum, mal kurz ein Motiv toll herauszuposaunen, so, dass gleich der ganze Saal Beifall klatscht: Wer in Becketts Wortspiel der Sinnlosigkeit keinen grossatmigen Sog erschafft, keinen weiten Bogen schafft, langweilt nach 15 Minuten.

Der Basler Regisseur Werner Düggelin hat in seinem Leben viele Anläufe genommen, Beckett zu ergründen. Er geniesst den Humor in Becketts Text, aber den Pointen geht er nie auf den Leim. Gewiss, man kichert mal hier, mal dort – bisweilen sogar wenn gar nichts gesagt wird. Düggelin ist nämlich ein Pausenkünstler (so wie alle grossen Bruckner-Dirigenten): Er schafft es, leise Töne und nichtige Worte aus der Stille hinaus mächtig werden zu lassen. Dank dieser Zauberei kann Becketts Text zu atmen beginnen, seinen Rhythmus finden. Beginnt «es» vorne auf der Bühne zu sprechen, entwickelt Düggelin durch die Schauspielerin Imogen Kogge einen nie endenden Sprachgesang. Der fast 86-Jährige beherrscht diese Kunst so gut, dass man diesem Un-Sinn lauscht, als würden da feuerspeiende Shakespeare-Dialoge geboten.

Kogge spielt mit ihren Sätzen, beherrscht das Crescendieren, dieses sanfte Lauterwerden, meistert das Accelerando, das wohlüberlegte Schnellerwerden, jongliert die Silben, färbt sie mal hell, mal dunkel – mal etwas rosarot, mal zärtlich, mal unsicher hoffnungsvoll. Und so sinkt sie ein in den Text – und mit ihr der Zuschauer.

Wenn Kogge/Winnie dann plötzlich ein «Und nun?» in den Saal spricht, damit eine Antwort fordert, erschrickt man ob sich selbst, hält inne und fragt: Ja was denn nun?

All das geschieht, obwohl da eine gewisse Winnie bis über die Hüften in einem Schutthügel eingegraben ist – später gar bis zum Hals: Dort macht sie vorerst nicht mehr als in ihrer Handtasche zu wühlen und mit sich zu reden – bisweilen auch mit ihrem Mann Willie, der für sie unsichtbar hinter ihr haust (Ludwig Boettger ist selbst in seiner Nicht-Präsenz stark). So lebt es sich gar nicht so unglücklich im Vergehen. Gegen den Abgrund muss allerdings angeplappert – müssen immerundewig die «himmlischen Tage» angebetet werden. Droht das Gerede auszuleiern, kriecht ihr Nicht-Gegenüber Willie zurück ins Leben. Doch anstatt eines Neuanfangs, naht das dunkle Finale.

Das Glück ist grau

Doch halt!, die Beckettsche Theaterkunst will gar kein dunkel und hell – das Glück ist hier nebelgrau. Doch schon die Freude an dieser Trauer ist zu viel des Schönen. Und so stimmt denn Winnie noch einmal schauerlich schön Franz Lehárs Operetten-Melodie an, dieses «Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen: Hab’ mich lieb.» Das Licht geht langsam aus. Ob Winnies Wecker auch morgen wieder läutet, lässt Düggelin offen.

Falls jemand vor einem Jahr gehört haben sollte, dass Werner Düggelin seinen Wecker nicht mehr stellen wolle, nie mehr inszenieren werde, muss er Beckett genauer lesen. Dann versteht man, warum Sisyphos glücklich ist, wenn er den Stein täglich auf den Berg schieben und wieder zusehen muss, wie er den Hang runter saust. Und so schauen wir denn ihm, dem Theater-Sisyphos Düggelin, bei seiner Regie-arbeit weiterhin voller Bewunderung zu.

Glückliche Tage: Schiffbau Zürich (Box): 16-mal bis 25. November.