Die Erde hat er in alle Richtungen durchquert, früh schon, als Reisen noch nicht «last minute» gebucht werden konnten und nicht an jeder Ecke ein Starbucks-Café zur Rast einlud. Und er ist immer noch unterwegs. Cees Nooteboom ist einer der grossen Erzähler und Reiseschriftsteller der europäischen Literatur.

Angenehm an seinen Berichten ist der unaufgeregte Blick, mit dem er die Welt beobachtet, die ironische Distanz, die er stets wahrt. Seine Reiseberichte sind elegant, wohl auch darum, weil sie immer beides reflektieren, das Reisen und das Schreiben. Ihn interessiert das Dorthin, nicht das Dasein. Das zeigt sich auch an «Schiffstagebuch», seiner jüngsten Sammlung von Reiseberichten. Auch hier erkennt man den erfahrenen Reisenden, einen zudem, der vorangetrieben wird durch ungebrochene, nie nachlassende Neugierde. Er ist an vielen Orten schon gewesen, kennt sich offensichtlich aus in der Welt – und immer noch locken ihn Reiseziele.

Beobachtung und Notiz

Gelegentlich, wenn der Erzähler sich an Bord eines Schiffes befindet, geht es in den Berichten sehr gemächlich zu, beinahe meditativ. Dann beobachtet er etwa, wie das Schiff das Wasser aufbricht, und «weil es so langsam und still vor sich geht, scheint es, als würden zwei grosse Seidentücher auseinandergebreitet». Der Reisende hat Zeit, er macht sich mit geografischen und kulturellen Fakten vertraut, wenn er um das Kap Hoorn herumfährt, er liest und macht Notizen. Er notiert seine Beobachtungen im Bewusstsein, dass Fremdes fremd bleiben darf und gerade darum interessant ist. Und im Wissen, dass immer er der Fremde ist.

Von den sieben Texten des «Schiffstagebuchs» erzählen nur zwei von einer Reise auf dem Wasser. Die anderen Reisen führen ihn an die Ufer des Ganges, nach Bali, nach Mexiko und in den hohen Norden. Und auf einer Reise kommt er nach Australien, in den tropischen Nordwesten, wo er im kleinen Ort Broome Station macht. Er ist für eine Lesung eingeladen – eben ist «Der Umweg nach Santiago» auf Englisch erschienen – und wird auf dieser zunächst harmlos scheinenden Reise vom langen Schatten der Geschichte eingeholt.

Er kommt auf Umwegen in Berührung mit der niederländischen Kolonialgeschichte: Am 3. März 1942 fliegen japanische Piloten einen Überraschungsangriff auf die kleine australische Hafenstadt und zerstören eine grosse Zahl von Flugzeugen, mit denen niederländischen Familien eben die Flucht aus Niederländisch-Indien gelungen ist und die meist noch gar nicht ausgestiegen sind. Kurz zuvor hat Japan – Achsenmacht im Bündnis mit Italien und Deutschland – die niederländische Kolonie besetzt, wer kann, flieht vor den neuen Kolonialherren. «Sie waren den japanischen Lagern entkommen, starben nun aber fern ihres von Deutschen besetzten Landes, ohne es noch einmal wiedergesehen zu haben.»

Neugier und Rückkehr

«Geschichte, dies alles», notiert Nooteboom. «Welch unendliche Reihe von Ereignissen geht dem Moment voran, in dem ein kleiner Küstenort für einen Tag zur Kulisse für eine Szene aus einem Weltkrieg wird?» Broome, einst die «Perlenhauptstadt der Welt», ist übrigens Schauplatz einer weiteren ungewöhnlichen Aktion. Dabei steht der russische Pilot Iwan Smirnow im Mittelpunkt, der einen spektakulären Flug in jenem Ort Broome zu einem glimpflichen Ende brachte, auch am 3. März 1942.

Einmal geht Cees Nooteboom an einen Ort zurück, den er schon einmal, vor Jahren, aufgesucht hat, in Bali. Selbes Hotel, selbes Zimmer. Und alles ist anders. Womit auch die Frage aufgeworfen wird, wie haltbar Reiseerinnerungen sind und was die Behauptung wert sein kann, man sei «dort gewesen». Dieses «Dort» verändert sich ständig, wie auch der Reisende selber sich immer wieder verändert – was zu seiner persönlichen Geschichte gehört. Weit stärker und folgenreicher sind die Spuren der Weltgeschichte, die beim Reisen öfter auftauchen. Unterwegs in Bali oder in Südafrika, überall drängen sich Verbindungen auf zur komplexen Kolonialgeschichte und damit zum «unberechenbaren Kochtopf der Geschichte» – und immer verknüpft Nooteboom sie sehr präzis mit seinen Beobachtungen.

Das Buch präsentiert auch Fotografien von Nootebooms Ehefrau Simone Sassen; man wünscht sich diese etwas grösser und eigenständiger. Und natürlich wünscht man sich von Cees Nooteboom weitere Berichte von fernen Reisen, man kann von diesem Reisenden nur lernen.

Cees Nooteboom «Schiffstagebuch. Ein Buch von fernen Reisen», mit Fotos von Simone Sassen. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp, Berlin 2011. 283 S., Fr. 32.90.