Kunst
Das freie Spiel mit der Konstruktion

Das Basler Rappaz-Museum zeigt über 30 Künstler und Künstlerinnen, die sich dem Konkret-Konstruktiven verschrieben haben –und vermittelt neue Einblicke in eine zu unrecht als spröd verrufene Kunstform.

Christoph Dieffenbacher
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Armin Vogt_02

Armin Vogt_02

bz Basel

Kreis, Dreieck, Quadrat, dazu Schwarz und Weiss sowie die Grundfarben Rot, Gelb, Blau – auf diese einfachen Elemente wollten 1924 die Gründerväter der konkreten Kunst um den Niederländer Theo van Doesburg die Kunst reduzieren.

Sicher wirkte da noch der Schrecken des Ersten Weltkriegs nach. Die Kunst soll nur noch reine Form darstellen, hiess es, für sich selbst stehen und auf nichts in der Wirklichkeit verweisen. Denn alles Sichtbare beruhe auf mathematisch-geometrischen Grundlagen, hiess es.

Vermächtnis in Architektur, Grafik und Design

Diese Kunstrichtung – als konkret, später auch als konstruktiv bezeichnet – fand noch Jahrzehnte später international ihre Akteure und Akteurinnen und ein Publikum, besonders auch im deutschsprachigen Raum.

In der Schweiz konzentrierte sie sich vor allem auf die Zürcher Schule um Künstler wie Max Bill, Richard Paul Lohse und Camille Graeser, während die Konkreten zum Beispiel in Basel einen schweren Stand hatten. Im aktuellen Kunstbetrieb finden sich kaum mehr Nachfahren. Das Vermächtnis der konkreten Kunst hat sich auf angewandte Gebiete wie Architektur, Grafik, Design und Werbung verlagert – dafür hier umso nachhaltiger.

Während es in Zürich das Haus Konstruktiv gibt, findet sich in Basel eine kleinere Ausgabe davon, das Rappaz-Museum. Untergebracht in den ehemaligen Ateliers des Basler Grafikers Rolf Rappaz (1914–1996), widmet es sich seit Jahren der konkret-konstruktiven Kunst, vor allem mit Wechselausstellungen.

Kurator des dreistöckigen Altstadt-Museums im Klingental ist Armin Vogt, Jahrgang 1938, der als Lehrer, Grafiker und Designer tätig war und etwa die Logos von Fiat und den BVB entwarf. In seiner aktuellen Ausstellung zeigt er Gemälde, Drucke, Zeichnungen und Objekte von über 30 Künstlerinnen und Künstlern der letzten rund 70 Jahre. Vogt ist vielen von ihnen persönlich begegnet.

Plötzlich flirren die Farben und Formen

Befragt um eine eigene Definition der konstruktiven Kunst, zitiert der Kurator am liebsten Bill, der sie als der «reine Ausdruck von harmonischem Mass und Gesetz» bezeichnete. Das klingt zwar etwas trocken, doch die Ausstellung führt vor Augen, wie lebendig konkrete Kunst in ihren Variationen und Spielarten wirken kann.

Die Kunstrichtung, die von reinen Formen und Konstruktionen ausgegangen war, entwickelt sich in der Variation weiter: vom seriellen Aneinanderreihen und der minimalen Abweichung über das Experimentieren bis zum wilden Ausbrechen aus den selbst gesetzten Regeln. Manches Detail wird in der Veränderung umso deutlicher.

Das strenge Denken kann sich damit zum freien Spiel verwandeln, bis die immer wieder neu kombinierten Formen und Farben plötzlich vor den Augen zu flirren beginnen. «Klar, die konstruktive Kunst setzt einen relativ engen Rahmen, und die Selbstbeschränkung der Möglichkeiten ist heute keine trendige Sache», stellt Vogt fest.

Obwohl die Konstruktiven auch früher nicht die grosse Mehrheit bildeten, und die Zahl der heute Aktiven überschaubar scheint, kommen in der Ausstellung überraschend viele Namen zusammen, bekannte wie unbekannte – auch auffallend zahlreiche von Frauen.

Von Konstruktionen bis zum Coronavirus

Die Spanne der versammelten Künstlerinnen und Künstlern reicht denn auch ziemlich weit: Von jenen, die sich seit Jahrzehnten beharrlich mit den immer gleichen oder ähnlichen geometrischen Konstruktionen befassen, bis zu jenen, die sich von den gesetzten Strukturen entfernen, um Randgebiete zu erkunden.

So nimmt ein zeitgenössischer Maler das Coronavirus zum Anlass von Skizzen, um ein freies Spiel mit dessen Aussehen zu treiben. Und ein anderer überlässt es gleich dem Publikum, aus einem Kreis ausgeschnittene Formen so zu verändern, dass eine ganz neue Version entsteht.

ARTconcret. Konstruktive Statements von 33 Künstlerinnen und Künstlern.
Rappaz-Museum, bis 19. September 2020. Geöffnet Mittwoch bis Freitag, 14 bis 18 Uhr, Samstag/Sonntag 13 bis 17 Uhr. www.rappazmuseum.ch

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