Zürich Festival
Das etwas grössere Quartierfest

Dieses Wochenende kommt die Festhütte Zürich in Fahrt. Noch bevor am Samstag die grosse Parade zum Christopher Street Day durch die Stadt rumpelt, lanciert das sympathischste Festival Zürichs die Saison: das Stolze Open Air.

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Stolze Open Air

Stolze Open Air

Limmattaler Zeitung

Martin Reichlin

Die Sonne strahlt warm, ein angejahrter Kassettenspieler scheppert gemütlich und der Rauch blonder Gauloises kringelt sich in der Frühlingsluft, während spielende Kinder freudig über den Platz juchzen. Noch ist am Dienstagnachmittag auf der Stolzewiese im Zürcher Kreis sechs, direkt unterhalb des Rigiplatzes, mehr Pfadistimmung denn Open-Air-Rummel angesagt.

Höchstens einige Dutzend Holzbalken, von jungen, handschuhbewehrten Menschen am Rand der Wiese ausgelegt und mit Schaltafeln belegt, lassen darauf schliessen, dass an dieser Stelle ab Freitag zum achten Mal das Stolze Open Air steigen wird. Das grösste Gratis-Open-Air der Stadt Zürich, vor einem Jahr von gut 8000 Fans besucht und Sprungbrett für mittlerweile bekannte Schweizer Acts wie Sophie Hunger, Elijah oder Radio 200 000.

Einen Traum verwirklicht

«Da drüben braucht ihr noch mehr Balken, viel mehr», ruft Louis Schorno den Helfern zu. Schorno, bärtig, stämmig, die strubbeligen Haare nur knapp mit dem Käppi eines bekannten Autofriedhofs gebändigt, ist Präsident der gemeinnützigen IG Stolzewiese, Trägerverein des Open Airs, und damit so etwas wie der Chef des Festivals in Oberstrass.

Obwohl, das wird schnell klar, als Schorno von Geist und Geschichte des kleinen Spektakels berichtet, dass Stolze keinen Boss bräuchte. Schliesslich sei der Anlass erschaffen worden von einer Handvoll jugendlicher Freiluft-Fans aus dem Viertel, die das traditionelle «Määrt Fäscht» des Quartiervereins etwas aufpeppen wollten. «Ich war 20 Jahre alt, als wir mit dem Festival anfingen», erzählt Schorno, «und ich dachte, es sollte am Quartierfest auch etwas für mein Alter geben.»

Den Beschluss zur Umsetzung der Idee fassten die Beteiligten angeblich - was Tradition werden will, braucht einen Gründungsmythos - an einem angetrunkenen Abend am Open Air St. Gallen 2001. Seither teilt die Kerngruppe der kurz darauf gegründeten IG die zu erledigenden Aufgaben paritätisch unter sich auf. Seit vier Jahren und nach personellen Wechseln lautet die Rollenverteilung: Fabienne Schellenberg, Presse und PR; Tobias Günter, Rechnungswesen und Administration; Res Hefti und Simon Diggelmann, Gastronomie; Louis Schorno, Infrastruktur.

Der, um auf die Rolle des Chefs zurückzukommen, sagt auch Sätze wie: «Ja, ich habe immer von so einem grossen Festival geträumt, das gratis und unkompliziert ist.» Oder: «Das Stolze Open Air ist eigentlich ein überdimensioniertes Familienfest.» Und: «Wir haben Nachwuchsprobleme. Ich fürchte, wenn das Kernteam einmal aufhört, könnte das Stolze sterben.» Klingt präsidial.

Freiwilliger Fulltime-Job

100 000 Franken Budget, je die Hälfte aus Spenden und Inseraten beziehungsweise von Sponsoren stammend, stehen der IG Stolzewiese dieses Jahr für die Umsetzung ihres Festivals zur Verfügung. Eine Aufgabe, welche die Mitglieder der Gruppe, einst mit einem Fest für 100 auf dem Boden sitzende Besucher gestartet, fast das ganze Jahr über beschäftigt. «Eigentlich wäre das ein Fulltime-Job», meint Pressefrau Fabienne, «den wir aber alle neben unseren Berufen erledigen.» Das Stolze organisiere man halt vor allem aus Leidenschaft, unentgeltlich, versteht sich.

Die Vorbereitungen begännen jeweils schon im September, erklärt die Festival-Sprecherin, mit der Suche von Sponsoren und Bands. Spätestens ab Januar müssten die Technik sowie das Bühnenmaterial bestellt werden. Die wirklich harten Monate seien aber März, April und Mai, wenn Verträge abgeschlossen, Werbung in Auftrag gegeben oder Pressearbeit erledigt werden müsse. Schellenberg: «Letzte Nacht habe ich 10 Stunden lang T-Shirts für die Helfer bedruckt.»

Aller Hingabe zum Trotz musste sich das Stolze als Konsequenz des Erfolgs dennoch in Teilen professionalisieren. So wurde das Booking, die Buchung der Bands, erstmals einer externen Agentur übertragen. Und wenn es Louis Schorno gelänge, auch Rechnungswesen und Controlling abzugeben, dann könnten sich die Oberstrasser wieder ganz dem widmen, was sie am besten können: Ein Familienfest für alle feiern.

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