Kultur
Das erste Islam-Museum der Schweiz: Was taugt die neue Ausstellung?

In La Chaux-de-Fonds eröffnet die Ausstellung über den Islam. Die Initianten stehen im Verdacht, Islamisten zu sein. Nahmen sie Einfluss auf die Ausstellung? Ein Test mit der Muslimin und bekannten Islamismus-Kritikerin Elham Manea.

Daniel Fuchs
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Das erste Islammuseum der Schweiz
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Die jemenitisch-schweizerische Forscherin Elham Manea im neuen Islammuseum in La Chaux-de-Fonds.
Raum 2: Die Geburtsstunde des Islams: Der Boden zittert, lange Fäden aus Kunststoff rauben Museumsbesuchern die Orientierung. Dann finden sie das Licht. Der Raum symbolisiert die Erleuchtung Mohammeds.
Raum3: Die Zeit, in der der Koran interpretiert wurde. Es war die Epoche der vier Rechtsgeleiteten, den Kalifen. Die Zeichnungen symbolisieren die verschiedensten Gesellschaften. Auch ein Derwisch (links) fehlt nicht.
Raum 4: Das Goldene Zeitalter wischen dem 7. und 11. Jahrhundert. Damals blühten in der islamischen Welt Wissenschaft und Technik auf. Bücher und der Koran symbolisieren eine Epoche, die Elham Manea mit Stolz erfüllt.
Raum 5: Der Untergang der islamischen Welt. Bedrohliche Musik und düsteres Licht symbolisieren Seuchen, Kriege und Kolonialismus. Die Muslime als Opfer – eine Erzählweise die Manea zu sehr an eine islamistische erinnert.
Elham Manea, jemenitisch-schweizerische Politologin und Islamismus-Kritikerin «Es kommt mir vor, als hätten wir den Religionsunterricht in einer Primarschule besucht.»

Das erste Islammuseum der Schweiz

Alex Spichale

Am Anfang ist die Unwissenheit. Das Wort Dschahiliyya prangt unübersehbar in arabischen Schriftzeichen an einer schwarzen Wand. Daneben stehen übersetzt: «Ignorance, Ignoranza, Unwissenheit.»

Elham Manea betrachtet die Wörter, schüttelt den Kopf und sagt nachdenklich: «Dschahiliyya, die Unwissenheit, ist ein Grundkonzept des Islamismus.» (siehe Box)

Aus der Sicht von Islamisten ist eine Gesellschaft, die nicht so denkt und handelt wie die muslimisch orthodoxe, dschahiliyya, also unwissend und ignorant. «Also doch!», geht es uns durch den Kopf.

Widerspiegelt dieses Museum bloss die Sichtweise von Islamisten? Ist das Museum also alles andere als repräsentativ, wenn man bedenkt, dass die grosse Mehrheit der 1,6 Milliarden Muslime weltweit mit den mittelalterlichen Ansichten nichts am Hut hat, die sich aus der Koranlektüre ergeben können?

Islamismus: Kurz erklärt

In diesem Text ist mit Islamismus die Ideologie gemeint, wonach Staat, Gesellschaft und Kultur durch den Islam bestimmt werden (frei nach dem renommierten Islamwissenschaftler Reinhard Schulze). Islamismus beinhaltet also den politischen Islam und/oder das Verständnis der Gruppe von Muslimen (den Islamisten), die den Koran einer Verfassung bevorzugt. Manche Islamisten befürworten zur Durchsetzung ihrer Ideale Gewalt oder Terror, jedoch längst nicht alle. Ihr Ziel liegt in einem Islamischen Staat. Ein solcher zeichnet sich durch die Ablehnung der Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularismus und Volkssouveränität aus, wie die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung schreibt. Religion und Staat sollen also nicht voneinander getrennt werden. Die Wurzel des Begriffs liegt bei der 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft. (dfu)

Wir stehen im ersten Raum der Ausstellung des Ende Mai in La Chaux-de-Fonds eröffneten Museums der islamischen Kulturen.

Die Initianten sehen es als Teil einer umfassenden Überbauung für Muslime. Samt Wohnungen, Läden, einem Gebetsraum und einem Schwimmbad mit getrennten Badezeiten für Männer und Frauen.

Zugegeben, wir waren voreingenommen, als wir dieses erste Islammuseum der Schweiz betreten haben. Wir, das heisst, die jemenitisch-schweizerische Politikwissenschaftlerin und bekannte Islamismus-Kritikerin, Elham Manea, und die «Nordwestschweiz».

Das neue Museum wollte sich Manea sowieso ansehen. Und so willigte sie für einen gemeinsamen Besuch ein.

Ausgerechnet die Muslimbrüder

Das Museum soll einzigartig in ganz Europa sein. Vier Millionen Franken hat die Einrichtung im schmucken Jugendstilhaus gekostet, finanziert von konservativen Musliminnen in Katar, Kuwait und der Schweiz, initiiert vom algerisch-französischen Ehepaar Karmous.

Über seine Beziehungen zu Islamisten ist viel geschrieben worden, insbesondere zu den Muslimbrüdern.

Ausgerechnet diese konservativen Kreise stecken hinter dem neuen Museum, das Muslimen und Nichtmuslimen die Geschichte und Kultur der grössten nichtchristlichen Gemeinschaft hierzulande näher bringen soll.

Einer Gemeinschaft, von der nur die wenigsten demselben arabischen Kulturkreis entstammen, wie die Initiatoren und Geldgeber selbst, sondern zur grossen Mehrheit vom Balkan.

Elham Manea selbst ist praktizierende Muslimin, fastet während des Ramadans. Nicht auf die strenge Art, wie es manch ein Gelehrter verlangt. «Auf meine persönliche Art», sagt sie lächelnd.

Unwissende, Erleuchtete, Gläubige

Das Museumsfoyer ist hell und offen. Es riecht noch neu und es ist angenehm kühl. Piekfeine Materialen verströmen einen edlen Touch. Der Kassier hat uns Audioguides in die Hand gedrückt.

Die permanente Ausstellung ist in Form eines Parcours angelegt. Sechs Räume stehen in einem logischen Zusammenhang.

Die technisch etwas eigensinnig zu bedienenden Audioguide-Geräte spulen bei Betreten jedes einzelnen Raums automatisch Informationen ab. Wer vertiefen will, kann mit den Geräten Sensoren anpeilen und weiteren Erklärungen folgen.

Ungläubig stehen wir in Raum 1. Dschahiliyya bezeichnet auch die Epoche vor der Offenbarung des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert, hören wir.

Wir verstehen: Das Museum beginnt seine Geschichtserzählung bei der Stunde Null des Islams. Zuvor war nichts, danach alles, so die Botschaft.

Das stört Elham Manea. «Vorher waren die Menschen nicht unwissend, da war nicht nichts. Da war sehr viel. Die arabische Poesie zum Beispiel stammt aus einer Zeit, lange vor der Offenbarung Mohammeds», sagt sie.

Wir tasten uns in den nächsten Raum. Lange Schnüre aus weichem Kunststoff hängen von der Decke. Dieser dichte Lianen-Wald raubt uns die Orientierung.

Noch sind wir Museumsbesucher die Unwissenden. Doch wie gelangen wir zur Erleuchtung? In der Mitte liegt beleuchtet eine Plakette am Boden. Der Raum der Offenbarung symbolisiert, wie dem Propheten Mohammed der Erzengel Gabriel erschien. Es prangt in Lettern «Lies!».

Die ersten Worte der Offenbarung an den Propheten sollen gewesen sein: «Lies im Namen des Herrn!»

Bärtige junge Männer in langen Gewändern der Aktion «Lies!» bemühten sich dieser Symbolik, wenn sie auch in Schweizer Städten Korane verteilten. Manche sollen zum Dunstkreis von Dschihadisten gehört haben.

Der Boden vibriert, der Besucher wird erschüttert. So wie die Offenbarung Mohammed erschütterte und ihn zum Propheten machte. Es ist die Geburtsstunde des Islams.

Raum Nummer drei besticht mit Farben und symbolisiert die Zeit, in der der Koran interpretiert wurde.

Es gibt Informationen zu den vier Rechtsgeleiteten, den Kalifen, und der Zeit danach. Der Epoche also, in der der Islam vor allem in die zwei Hauptströmungen aufgeteilt wurde: in Sunniten und Schiiten.

Eine Trennung, von der sich die islamische Welt bis heute nicht erholt hat. An der Wand sind symbolträchtige Zeichnungen aufgehängt.

Sie zeigen verschiedene Kopftucharten und Käppis. Selbst ein sich in Trance kreiselnder Derwisch fehlt nicht.

Mit ihm hat es der Sufismus, diese mystische Strömung innerhalb des Islams, in das Museum geschafft. Mit ihr können Islamisten gar nichts anfangen.

Elham Manea zeigt sich enttäuscht nach diesem ersten Teil der Ausstellung. «Sie folgt einer strengen Erzählart des Korans. Das hilft wenig bis nichts in unserer Zeit. Es kommt mir vor, als hätten wir den Religionsunterricht in einer Primarschule besucht», sagt sie.

Wenn Freikirchen Museen eröffnen

Was die Bibelkunde in der Schweiz, ist die Koranschule im Orient. Doch der zweite Teil der Ausstellung hebt sich von der Wissensvermittlung einer Koranschule ab.

Die Ausstellung wird besser, konkreter: Raum 4 widmet sich der Zeit zwischen dem 7. und 11. Jahrhundert.

Dem Goldenen Zeitalter, in dem in der islamischen Welt Wissenschaft und Technik aufblühten. Auch Elham Manea strahlt: «Es ist die Epoche, die uns Muslime stolz machen kann», sagt sie.

Im nächsten Raum wird es umso düsterer. Bedrohliche Musik verleiht Untergangsstimmung. Doch es ist der logische Kontrapunkt zu Raum 1: Vor der Offenbarung war nichts und mit dem Abstieg der islamischen Welt droht Ungemach. Es ist die Zeit ab dem 12. Jahrhundert, in der in den Städten Seuchen ausbrachen und die muslimischen Bevölkerungen arg dezimierten.

Auch der Kolonialismus kommt zu Sprache. Islamische Herrscher wurden von westlichen Mächten gestürzt.

«Hier wird uns vermittelt: Schuld an der Schwäche der islamischen Welt tragen allein die Kolonialmächte. Es ist die typische Art und Weise, wie Islamisten argumentieren», erklärt Elham Manea.

Aus ihrer Sicht wäre es hilfreicher, Muslime würden sich an die Errungenschaften des Islams erinnern, an die Technik und Wissenschaft aus Raum 4 zum Beispiel.

«Die islamische Welt darf sich nicht in einer Opferrolle suhlen. Der Kolonialismus bedeutete nicht das Ende der islamischen Gesellschaften!»

Tatsächlich ist die Ausstellung hier nicht zu Ende. Mit den Auswandererbewegungen aus der arabisch-islamischen Welt sind wir in der Gegenwart angelangt.

Bildporträts von Muslimen aus der ganzen Welt zieren den letzten Raum. Da sind Bärtige, Rasierte, Junge, Alte, Geschäftsleute, einfache Arbeiter.

Eine einzige Frau trägt Kopftuch. Für Elham Manea der versöhnliche Schluss: Für sie manifestiert sich hier der Pluralismus der islamischen Gesellschaften. Endlich. «Es gibt so viele unterschiedliche Strömungen im Islam. Weder darf die eine als bare Münze dienen, noch dürfen sie gegeneinander ausgespielt werden», sagt sie.

Doch insgesamt hält sich die Erkenntnis in argen Grenzen. Zu vieles in dieser Ausstellung trägt die Handschrift der Verfechter eines konservativen Islams. Für Nichtmuslime ist das schwer zu erkennen.

Museum: Nachmittags geöffnet

Museum der Zivilisationen des Islam, Avenue Léopold-Robert 109, La Chaux-de-Fonds, zehn Minuten Fussmarsch ab dem Bahnhof. Geöffnet von Dienstag bis Sonntag, nachmittags von 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt für Erwachsene kostet 15 Franken. Darin inbegriffen ist der Audioguide in den Sprachen Deutsch, Französisch, Englisch oder Arabisch.

Manea macht den Vergleich: «Für mich als Muslimin zeigt diese Ausstellung in etwa das Bild, das Ihnen als Christ gezeigt würde, wenn Sie eine Ausstellung über die christlich-westliche Gesellschaft besuchen würden, die von freikirchlichen Kreisen gemacht ist.»

In der museumseigenen islamischen Bibliothek stehen Korane und die Erklärungen dazu.

Daneben die wichtigen Standardwerke. Elham Manea findet auch die Broschüren des indisch-pakistanischen Islamistenführers Abul Ala Maududi oder des ägyptischen Selfmade-Theologen Sayyib Qutb. Dieser gilt bis heute als Begründer des politischen Islams. Das Konzept der Dschahiliyya verstand er nicht als Epoche, sondern als Abgrenzung von den Nichtmuslimen, den Ungläubigen und «Unwissenden».

Beim Ausgang liegen Hochglanzbroschüren der Islam-Missionare auf. Gesponsert von Stiftungen, die von amerikanischen Behörden beschuldigt worden sind, bei der Terrorfinanzierung mitzumischen.

«Wir zeigen die Vielfalt des Islams»

Drücken Islamisten der Stadt La Chaux-de-Fonds ihren Stempel auf? Die Museumsdirektorin und der Ausstellungsleiter wehren sich.

Die Vorbehalte gegenüber dem Islammuseum waren nicht besonders gross in La Chaux-de-Fonds. Auch, weil es ohne öffentliche Gelder auskommt.

Doch lässt sich die Ausstellung durchaus kritisieren. Innovativ ist vor allem die technische Umsetzung, die inhaltliche Vermittlung dagegen bleibt eher mager und trägt eine konservative Handschrift, kritisiert Elham Manea.

Davon will die Direktorin Nadja Karmous nichts wissen. «Wir haben keinerlei inhaltlichen Einfluss auf die Ausstellungsgestaltung genommen», sagt sie zur «Nordwestschweiz».

Der Projektleiter Olivier Schinz habe komplett freie Hand gehabt. Sie habe einzig darauf gepocht, die Ausstellung müsse technologisch auf dem neuesten Stand sein. Das bestätigt Schinz, der beim Ethnografischen Museum von Neuenburg als stellvertretender Konservator angestellt ist.

Aus seiner Sicht zeigt jeder Raum die Vielfalt des Islams. «Islamisten dagegen kennen bloss einen einzigen Islam», so Schinz.

Zudem würde in jedem Raum darauf hingewiesen, dass es einer Interpretation der Texte im Koran bedarf.

Islamisten dagegen nehmen den Koran als bare Münze. «Wir stellen Fragen und appellieren an die Intelligenz der Besucher. Wir wollen nicht indoktrinieren», so Schinz.

Umstrittenes Gesamtprojekt

Viel zu reden gab im Vorfeld vor allem die von den Museumsintendanten ebenfalls geplante Überbauung. Geht es nach Karmous’ Plänen, so sollen auf einer Baubrache zwischen dem Museum und den Bahngleisen dereinst 40 Wohnungen entstehen: Ein eigenes Quartier für 22 Millionen Franken samt Läden, Gebetsraum und – das sorgte für besonders hohe Wellen – einem Schwimmbad, das Frauen und Männer getrennt voneinander besuchen.

Die Mieteinnahmen sollen längerfristig den Betrieb des Islammuseums sichern. Die Reaktionen waren heftig: Der in der Zwischenzeit abgewählte Stadtrat von der SVP, Jean-Charles Legrix, warnte vor «Tchaulenbeek» – einer Wortkombination zwischen dem Übernahmen der Neuenburger Jurastadt «Tchaux» und dem belgischen Molenbeek.

Im Brüsseler Quartier hielt sich einer der Pariser Attentäter lange Zeit unbemerkt versteckt. La Chaux-de-Fonds, warnte Legrix, werde zu einem Schweizer Modell für eine islamische Parallelgesellschaft und werde früher oder später zu einem Hort des Extremismus und Terrorismus.

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