Theater Basel

Das Ballett Basel stellt seine Wandelbarkeit unter Beweis

Das Rhythmische im Fokus: Das Ballett Basel tanzt die Choreografie «Jeanne d’Arc» von Joëlle Bouvier.

Das Rhythmische im Fokus: Das Ballett Basel tanzt die Choreografie «Jeanne d’Arc» von Joëlle Bouvier.

«B/E» stellt zwei grundverschiedene Choreografen gegenüber. Dem Besucher präsentieren sich so verschiedenste Formen des Balletts.

Gäbe es einen Oscar für eine auffallend wandelbare und geschmeidige Compagnie – das Ballett Basel müsste ihn für seinen mit «B/E» betitelten Abend bekommen. Der Buchstabe B steht für die Westschweizerin Joëlle Bouvier; der Buchstabe E für den Schweden Alexander Ekman. Beide vertreten eine Tanzsprache, die keinerlei Berührungspunkte mit der jeweils anderen aufweist. Das passt gut zu einer Compagnie, die sich mutig jede choreografische Handschrift zu Eigen macht.

Bouviers 2003 uraufgeführte «Jeanne d’Arc» ist ein dramatisches Werk mit lodernden Emotionen. Am Ende lodert der Scheiterhaufen, auf dem die blutjunge Jeanne als Hexe verbrannt wird: ein Stoff, wie geschaffen für eine Choreografin, die in Jeanne sowohl die Unschuld wie die Radikale erkennt.

Da ist es nur konsequent, dass Bouvier diese Figur aufspaltet. Die beiden ebenso zarten wie kraftvollen Tänzerinnen Tana Rosás Suné und Ster Slijkhuis tanzen Jeanne in einem langen, weissen Kleid. Allein schon durch diesen optischen Anreiz gilt die Aufmerksamkeit ganz dieser Figur, die zu Beginn regungslos auf der Bühne steht. Keine Musik, dafür Geräusche, die später abebben oder zu einem beklemmenden Sound werden, in den Musikfetzen verwoben sind.

Bouvier umgibt Jeanne mit dunkelrot gekleideten, martialischen Männern. Sie umkreisen die junge Frau; heben sie hoch oder treiben sie mit langen Hölzern vor sich her. Wie von selbst bauen diese sich vor Jeanne auf und werden so zu Hindernissen, die Jeanne unermüdlich beiseite räumt; kaum ahnend, dass die Hölzer am Ende zum Scheiterhaufen geschichtet werden.

Das alles setzt Bouvier hochemotional, mitunter auch mit einer Prise (erträglicher) Theatralik in Szene: Fliessend-weiche Bewegungen (Jeanne) kontrastieren die ausgreifenden Gesten und das harte Auftreten der Männer.

Quadratische Boxen

Ist das Rhythmische bei Joëlle Bouviers «Jeanne d’Arc» wichtig, ist es bei Alexander Ekmans «Cacti» derart elementar, dass es einen vom Sessel reisst. Ekmans Choreografie ist eine Parodie auf die Manieriertheit zeitgenössischen Tanzes. Dem Ensemble stellt der Schwede vorerst nur quadratische Boxen zur Verfügung. Je nachdem sind diese Sitzgelegenheiten, Hindernisse, aber auch Rhythmusinstrumente. Die Tänzer trommeln darauf mit solcher Wucht, dass sich das auf der Bühne spielende Pacific Quartet Vienna in die Seitengänge verflüchtigt.

Dabei hätte es wohl gerne Schuberts «Der Tod und das Mädchen» zu Ende gespielt. Aber Ekman negiert auch in musikalischer Hinsicht jede Erwartungshaltung. Er dreht Schuberts Musik gewissermassen durch den Fleischwolf; zerhackt sie, indem er immer nur wenige Takte spielen lässt. Das dadurch erzielte Kurzatmige könnte alles zum Stolpern bringen in einer Choreografie, in der alles minutiös getimt ist. Dass da einer aus dem Takt fiele – undenkbar. Schon gar nicht beim Pas de deux mit Andrea Tortosa Vidal und Javier Rodriguez. Auch da gibt’s ein Täuschungsmanöver. Wir hören die Stimmen der beiden und sehen, wie sie das, was sie einander zuraunen, umsetzen. Aber: Der Dialog kommt aus dem Off, was sich so anhört: «And jump. Please be careful with my head here. I got you …. Aaaaaaand drop», sagt sie und lässt ihn fallen.

«Bitch», denkt er und behandelt ihren Kopf danach so, als ob er einen Fussball vor sich hätte. Ekman übertreibt hier derart, dass man lacht; auch dann, als eine Katze vom Himmel fällt und keiner weiss, ob es sich um einen Kunstvorgang handelt. Aber zu diesem Zeitpunkt ist man der umwerfend schrägen und vom Ballett Basel umwerfend getanzten Choreografie schon derart verfallen, dass man sich über das Ende gar nicht erst wundert: Da hält die Compagnie Kakteen in der Hand.

B/E Jeanne D’Arc, Cacti. Tanzabend mit Choreografien von Joëlle Bouvier und Alexander Ekman. Weitere Vorstellungen am 29. und 30.9., je 19.30 Uhr. Bis 27.10.

www.theater-basel.ch

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