Kultur

Das Altern auf der Bühne – auch ohne Stück in der Kaserne Basel packend

Regisseurin Corinne Maier erzählt im Stück «Die Zufügung» von der abwesenden Autorin Gerlind Reinshagen. (Foto: Guillaume Musset)

Regisseurin Corinne Maier erzählt im Stück «Die Zufügung» von der abwesenden Autorin Gerlind Reinshagen. (Foto: Guillaume Musset)

«Die Zufügung» hätte Gerlind Reinshagens Stück in der Kaserne Basel heissen sollen. Nach deren Tod wird es zum Regisseurinnenstück.

In diesem Stück geht es um Leben und Tod. Nicht nur inhaltlich: Dass der Abend ist, was er ist, hat mit einem Tod zu tun. Leer sind 69 Stühle auf der Bühne. Regisseurin Corinne Maier sitzt auf der Lehne des 70. Stuhls und erzählt: Vor zwei Wochen einigte sie sich mit den Schauspielerinnen, dass diese nicht länger Teil des Projekts sind.

Nun blickt die Regisseurin in die vollen Publikumsreihen. Sie ist Botschafterin und Vermittlerin zwischen den Abwesenden, den Verstorbenen - und den Anwesenden, dem Publikum. Die am spürbarsten Abwesende ist Gerlind Reinshagen, 1926 in Königsberg geboren. Reinshagen war fast die einzig gespielte, deutsche Theaterautorin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Uraufführung ihres Débutstücks «Doppelkopf» hat Claus Peymann 1968 in Frankfurt inszeniert. Vor gut drei Jahren stand Corinne Maiers Wille, ein Stück über das Altern zu machen, bereits fest, als sie Reinshagen kennen lernte. Die war schon über 90 und sofort dabei. Sie sprachen über Exit ebenso wie über Robert Walser. Gemeinsam war auch die Liebe zur Musik von Elvis Presley.

70 Stühle und ein paar Takte Elvis Presley

Das alles erfährt man im Verlauf der «Zufügung». Maiers Abend mit einem Theatertext, den es nur in «fragmentarischen Notizen, offenen Fragen und vielen Lücken» gibt. Das erste Treffen mit allen Beteiligten ist gescheitert, weil Reinshagen krank war. Zu einem Wiederholtermin kam es nicht: Am 8. Juni 2019 ist Gerlind Reinshagen gestorben.

Corinne Maier tanzt zum Ende über die Stühle und schlägt gar ein Rad, aber insgesamt erzählt sie vor allem. «Die Zufügung» präsentiert sich auch nicht als Stück: Der Abend ist als «Lecture Performance» angekündigt. Deren Ingredienzen sind die Regisseurin, 70 Stühle, ein transparenter Vorhang, Textfragmente von Reinshagen und ein paar Takte Elvis. Maier schildert, was sich Reinshagen für das Stück gewünscht hatte: Kitsch und Plüsch. Im Bewusstsein, dass dem eine peinliche Note innewohnt. Reinshagen sei auch überzeugt gewesen, dass ein Stück über das Altern nicht bloss Schwermut verhandeln darf, sondern wollte eine Sprache dafür finden, wie «man am Spreeufer ist und es einfach schön ist».

Obwohl Reinshagen überzeugt gewesen sei, dass im Theater kein Platz für ungebrochen Schönes ist. Aber, und deshalb lohnt sich dieser Abend, in Maiers ruhige Ausführungen sind die Konflikte so dicht wie irgend denkbar verwebt. Maiers Wille, das Altern auf einer öffentlichen Bühne zu verhandeln, entstammte, wie könnte es anders sein, Erfahrungen in der eigenen Familie. Sie sei ein Grosselternkind gewesen, habe ihre Sommerferien unter 60-Jährigen auf einem Campingplatz verbracht. Als Erwachsene war dann der Besuch des Grosselternkinds im Pflegeheim nicht länger erwünscht. Gar mit Polizei habe man ihr gedroht. Das war der Anschub, der Maier mit Reinshagen an einen Restauranttisch brachte. «Die Zufügung» ist eben nicht als Hommage an eine einzelne Verstorbene angelegt, sondern als True Talk einer Theaterschaffenden zum Thema Alter und Altern. Maier präsentiert ein Netz aus Konflikten. Konflikte, denen sich alle stellen müssen.

Kaserne Basel, bis 12.3.

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