Sebastian Rudolph schaufelt die Kartoffeln in der Schauspielhauskantine schnell und konzentriert vom Teller. Mephisto sitzt daneben und tut es ihm gleich.

Sein Kollege Philipp Hochmair, dem in der Pause die Hörner noch auf dem Kopf sitzen, und das Gretchen (Patrycia Ziolkowska) haben gerade Nicolas Stemanns «Faust»-Marathon geprobt. Eine Aneinanderreihung der Werke «Faust 1» und «Faust 2».

Achteinhalb Stunden Theater sind das, vom späten Nachmittag bis kurz vor Mitternacht. Drei Pausen . Die Inszenierung ist diesen Samstag das Zürcher Kulturgrossereignis zur Schauspielhauseröffnung unter der neuen Intendanz von Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg.

Dabei ist dieser Stemann-Faust noch vergleichweise harmlos, nimmt man das 21-stündige «Faust-Projekt» von Peter Stein von 2000 zur Richtschnur, das alle 12 111 Verse inklusive Regieanweisungen konsequent durchleierte.

«Wir haben die Goethe-Verse nochmals in die Waschmaschine geworfen.» Mit den geflügelten Worten im Schleudergang ohne Demut so viel Quatsch getrieben, bis sie beim Sprechen so klingen, «als habe man sie gerade erfunden», erklärt Sebastian Rudolph.

Was andere an der Arbeitsweise des neuen Co-Intendanten Nicolas Stemann anstrengend finden, ist für den deutschen Schauspieler, der unter Christoph Marthaler und noch über dessen Skandalrausschmiss hinaus schon mal festes Ensemblemitglied in Zürich war, der Königsweg der Textaneignung.

Mit Nicolas Stemann hat er schon etliche Klassiker oder Jelinek-Abende gestemmt, etwa das vieldiskutierte Drama «Die Schutzbefohlenen» mit Flüchtlingen als Darsteller.

Dass der Stemann-«Faust» mit dem Prädikat «Inszenierung des Jahres» vom Fachmagazin «Theater heute» veredelt worden ist und er als «Schauspieler des Jahres» gleich mit dazu, war Sebastian Rudolph nie ganz geheuer.

Goethe-Verse im Schleudergang

Zum Glück, so sagt er, komme der «Faust 2» in einer Stunde nochmals in die Waschmaschine. Doch vorm Start des Waschprogramms hat er noch Zeit, um zu essen und zu reden. Er haushaltet gut mit seiner Zeit.

Anders hält er so was nicht durch. Seit der Uraufführung an den Salzburger Festspielen 2011 wurde der Doppelabend, der auch für Zuschauer Schwerstarbeit ist, Hunderte Male gezeigt. Und er ist so gut, dass ihn sich sogar 80-Jährige wieder und wieder antun, trotz drei Stunden ohne WC-Pause.

Schauspieler und Zuschauer berauschen sich im besten Fall beidseitig. Weshalb sich Rudolph vor dem mitreissenden zweiten Teil, der sich von diesem «Well-made-play» «Faust 1» so grundsätzlich unterscheidet, weil er weder unterhalten noch Sinn schaffen will, auf der Hinterbühne manchmal ein Glas Wein gönnt. Ansonsten hält er sich ans Wasser.

«Die Quittung kriege ich dann ein oder zwei Tage später», sagt er. «Komme ich aus so einem Marathon, bin ich noch so euphorisiert, dass ich glaube, ich könne noch mehr.» Am meisten zu schaffen mache ihm der «emotionale Muskelkater».

Den hat er bislang weder als Nathan noch als Hamlet erlebt. «Wenn du in dieser Figur ständig nach dem Höchsten und Tiefsten greifst, alles von den Menschen spüren und auf den eigenen Busen häufen willst, bist du irgendwann echt durch. Dann tut es weh da drinnen, ohne dass du wirklich traurig bist. Man weiss einfach nicht mehr, wie sich Gefühle anfühlen.»

Ein bisschen wie ein strauchelnder Black Beauty

2013, am Festival von Avignon, spielte Rudolph das Stück fünfmal in sechs Tagen. «Dort hatte ich das erste Mal in meiner Schauspielkarriere das Gefühl, dass mich mein Einsatz etwas von meiner Lebenszeit gekostet hat.»

Ein wenig kam sich Rudolph da vor wie der Hengst Black Beauty aus dem gleichnamigen Film. Ein zu forciertes Tempo hatte ihn ins Straucheln gebracht.

Das liegt auch am Stoff. Goethes «Faust 2» sei ein Urwald, durch den man sich mit messerscharfem Verstand durchschneiden müsse, ist der Schauspieler überzeugt. «Keine Autobahn, auf der man mit 220 Sachen einfach mal so rüberbrettert.»

Rudolph, der aus einer bekannten Theaterfamilie kommt – sein Vater ist der Regisseur und Intendant Niels-Peter Rudolph, seine Mutter die Schauspielerin Hildegard Schmahl –, muss es wissen.

Denn mit einer Autonummer hat der Schauspieler Anfang der 1990er-Jahre in der deutschen Kultkomödie «Manta – Der Film» reüssiert. Als junger Mantafahrer, dem ein VW-Golf-Fahrer die Frau ausspannt.

Das ist lange her, und konfrontiert mit der faustischen Frage: «Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein. Was kann die Welt mir wohl gewähren?», winkt Sebastian Rudolph lachend ab.

«Midlife-Crisis um die fünfzig, daran denke ich jeden Tag.» Mit ein Grund, warum Rudolph glaubt, dass der «Faust 1» über diesen alten Kerl, der nochmals richtig auf den Putz hauen will, Schulkinder eigentlich mässig interessieren dürfte, so sehr er sich über johlende Schüler, die von den sich gegenseitig abknutschenden Mephistos im «Faust 1» lustvoll angeekelt sind, in seinen Vorstellungen freut.

«Für Schüler wäre der «Faust 2» viel interessanter. Sie würden lernen, wie der Glaube ans Geld an unser Wirtschaftssystem gekoppelt ist. Warum Angela Merkel die Lüge, unser angespartes Geld sei sicher, während der Eurokrise aussprechen darf und daraus eine Wahrheit macht.»

Dafür bräuchte es aber endlich mehr Vermittlung. Denn so auf einmal einverleibt wie die Kartoffeln auf dem Teller hat sich Rudolph den Faust-Stoff natürlich auch nicht, damals, als der Text für die Salzburger Festspiele in fünf Probeetappen wachsen durfte «wie ein Samen, den man gelegt hat».

Die gesellschaftlichen faustischen Energien spürt er seither überall. Etwa dieser Wunsch, alles in sich einzuverleiben, aber bloss nichts dabei spüren zu wollen. Die Masslosigkeit. Die Beschleunigung der Welt, der Wunsch, bei allem vorauszugreifen.

Und diese ständige Behauptung, Positives zu schaffen, ohne sich einzugestehen, dass man vom Negativen geradezu angezogen ist. «Es passiert doch nicht aus Versehen, dass wir unsere Umwelt gerade zerstören. Da steckt doch eine Lust dahinter», ist Sebastian Rudolph überzeugt.

«Unser Humanismus, der durch die Welt geht und überall herrschen will, der zieht, wenn wir Regimes mit Gewalt auflösen, dafür gerne mal den Mephisto an den Haaren herbei.»

Faust befragt seinen Darsteller

Also lassen wir zum Schluss nochmals den Faust seinen Darsteller fragen. Schliesslich befragt der seinen Faust auf der Bühne auch andauernd: «Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben, von deinesgleichen je gefasst?»

Rudolph hält inne. «Ich glaube, man kennt das am ehesten aus dem therapeutischen Bereich. Du gehst zu einem Psychologen und glaubst, deine inneren Dämonen seien die grössten der Welt. Dieses Gefühl der Aussergewöhnlichkeit, der Glaube, dass nur man selbst so denken und fühlen kann, verhindert ja letztlich gerade, dass man damit rausgeht.»

Rausgehen wird Rudolph mit dem ganzen Goethe diesen Samstag um halb vier, auf die neue, für ihn altbekannte Pfauenbühne. Wenn das letzte Wort gesprochen ist, ist Mitternacht.