Art Basel

Daniela Keiser, die Künstlerin im Bilderstrom

Daniela Keiser

Ausgezeichnet: Daniela Keiser (53).

Daniela Keiser

Daniela Keiser ist Konzept- und Installationskünstlerin. Fotografie bildet eine Mitte in ihrer Arbeit. Für ihr stilles Schaffen ist sie am Montag vom Bundesamt für Kultur mit dem Grand Prix Kunst ausgezeichnet worden.

Sie habe ihre Kamera immer dabei. «Ich fotografiere oft, ohne zu überlegen, warum ich genau dieses Bild mache.» Das sagt eine Künstlerin, deren Werk sich seit mehr als zwanzig Jahren immer wieder aus der fotografischen Beobachtung speist. Die Alltägliches auffängt und auch aus dem Unverständnis ihre Ausdrucksweise entwickelt. Mehrfach ist Daniela Keiser (53) aufgebrochen, um ohne Plan eine Umgebung oder eine fremde Stadt zu erkunden, sei es Paris, New York oder Kairo. Und wenn sie dann im Atelier das Material auslegt, das sie in kaum definierter Absicht eingesammelt hat, fragen die Bilder zurück: Kennt ein Ort seine eigene Geschichte? Wie sieht sie eigentlich aus, die Gleichzeitigkeit einer Alpenwiese und der humanitären Katastrophe in Syrien? Was ist sichtbar, was bleibt im Kopf?

Daniela Keiser ist die stille Regisseurin in ihrem wachsenden Archiv. Im Zürcher Atelier stapeln sich auf Regalen wandhoch die Schachteln, und es ist, als müssten auch abgeschlossene Projekte für Kommendes offen bleiben. Mit ungebrochener Neugierde löst Keiser Ansichten aus der Zielstrebigkeit der medialen Information, um sie weniger als Behauptung denn als Möglichkeitsform ernst zu nehmen.

Ungebrochene Neugierde

Daniela Keiser fallen die Sätze nicht zu, wenn sie über ihr Schaffen Auskunft gibt. Wie in der eigengesetzlichen, nie linearen Ordnung ihrer Kunst verzweigt sich das Gespräch rasch in unterschiedliche Richtungen, um immer wieder in Begegnungen, in Austausch und Zusammenarbeit anzukommen. «Hier, bei mir, haben sich Übersetzerinnen und Übersetzer kennen gelernt, das war sehr schön.»

Was Fotografie nicht einfängt, braucht die Komplizenschaft der Sprache. Oder umgekehrt: Wo ein Text Rätsel stellt, hält vielleicht ein Bild oder seine räumliche Inszenierung eine Antwort bereit. In beide Richtungen hat Keiser ihre Recherchen vorangetrieben, hat Schriftstellerinnen zu Fiktionen herausgefordert und thematisiert aktuell mit Übersetzern, wie am Übergang zwischen Original- und Fremdsprache neue Vorstellungen wach werden.

Sie ist 1999 von Basel nach Zürich gezogen, wo Arbeits- und Wohnraum nahtlos ineinander übergehen und der Blick aus dem Fenster über das Gleisfeld der SBB zum Prime Tower wandert. Daniela Keisers Adresse an der dicht befahrenen Hohlstrasse ist nicht nur Denk- und Umschlagplatz einer Bildarbeiterin. Es ist der Lebensmittelpunkt, wo die 14-jährige Selina ihre Schularbeit erledigt und Keisers Lebenspartner Arno Hassler sie bei der Umsetzung zum Beispiel der jüngsten Heliogravuren mit dem Titel «Happy Birthday» begleitet.

Mit Basel eng verbunden

Auch Basel hat Weichen gestellt und blieb persönlich wie professionell eine Verankerung: An der Basler Hochschule hat sie studiert, seit 1998 arbeitet Daniela Keiser mit der Galerie Stampa am Spalenberg zusammen. Und schon ein Jahr später, als sie anlässlich des Manor Kunstpreises im Museum für Gegenwartskunst ihre erste institutionelle Einzelausstellung einrichtete, haben sich hier wichtige Perspektiven eröffnet. Der Anschluss an die Öffentliche Kunstsammlung, die Herausforderung, mehrere grosse Räume gleichzeitig zu bespielen und das Gespräch mit der Kuratorin Theodora Vischer: Das hinterlässt Spuren, wie Licht auf empfindlichem Fotopapier.

«Wir können nur sehen, was wir schon kennen. Darum ist es wichtig, dass wir uns mit Bildern aus anderen Kulturen auseinandersetzen.» Was anderswo klingen würde wie der sterile Satz aus dem Lehrbuch für interkulturelle Verständigung, ist die Bilanz einer Künstlerin, die das Fremde auch in der Nachbarschaft ausmacht.

Liebeserklärung an den Alltag

Daniela Keiser erkennt subtile kulturelle Unterschiede auch ohne die Kluft zum Exotischen. Für ihre Protokolle des Realen, für ihre anhaltende Liebeserklärung an den Alltag, für Entdeckungen im Schatten des medialen Bildausstosses hat ihr das Bundesamt für Kultur nun einen «Schweizer Grand Prix Kunst» zuerkannt. «Es läuft grad gut», sagt Daniela Keiser im gleich unaufgeregten Tonfall, in dem sie einen Tee anbietet oder die Koreanderpflanze auf dem Fenstersims kommentiert. Laufende Projekte, aber auch die Aussicht, in London während sechs Monaten wieder andere Verständnisgrenzen zu dokumentieren, fallen mit der Auszeichnung zusammen. Ob sie mit dem Preisgeld – es sind 40’000 Franken – etwas Bestimmtes vorhabe? Daniela Keiser verneint, und man wäre angesichts ihres so unspektakulären Bekenntnisses zur Gegenwart von Bildern und Sprachen über jede andere Antwort verwundert. «Ich habe mein Schaffen nie von Geld abhängig gemacht. Eigentlich lebe ich weiter wie bis jetzt.»

Das Videoporträt der Künstlerin ist zurzeit an der Ausstellung «Swiss Art Awards» zu sehen: Halle 3, Messe Basel. Publikationen liegen zum Mitnehmen auf. www.swissartawards.ch

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