Mit seinem historischen Roman «Die Vermessung der Welt» über die beiden Forscher Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauss gelang Daniel Kehlmann 2005 ein Welterfolg. Jetzt, zwölf Jahre später, hat der 1975 in München geborene Schriftsteller in seinem neuen Buch «Tyll» erneut eine historische Figur in das Zentrum seines Erzählens gestellt: den mittelalterlichen Gaukler Tyll Ulenspiegel. Kehlmann lebt heute in den USA und macht sich grosse Sorgen wegen der Regierung Trump. Wir trafen ihn am Vorabend einer Lesung in Köln zum Gespräch.

Daniel Kehlmann, Sie haben vor zwei Jahren Ihren Lebensmittelpunkt nach New York verlegt. Wie sieht Ihr Alltag dort aus?

Daniel Kehlmann: Sehr unspektakulär. Häufig bringe ich meinen Sohn zur Schule, häufig hole ich ihn ab. Häufig gehe ich mit ihm Burger essen, nicht so oft schwimmen. Ich gehe viel ins Kino, noch häufiger ins Theater. Einmal in der Woche unterrichte ich an der New York University Literatur. Wenn man in New York lebt, verliert sich der Glamour schnell, und der Alltag ist so, wie eben Alltag überall ist. Und das ist eigentlich sehr schön.

Wie erleben Sie den politischen Kurs der aktuellen Regierung?

Ich erlebe die Trump-Regierung als eine tägliche Katastrophe grösster Ordnung, einen die ganze Welt bedrohenden Super-GAU, das amerikanische Äquivalent zu Tschernobyl. Ich bin sehr beunruhigt.

Denken Sie manchmal, es wäre doch besser, wieder zurück nach Europa zu gehen?

Ja, das denke ich tatsächlich oft. Aber die schreckliche Wahrheit ist ja, dass Trumps Gemeinheit und Inkompetenz die ganze Welt bedroht. Man ist anderswo nicht unbedingt sicherer vor den Trump-Folgen als in New York, wo er immerhin kaum Anhänger hat und wo die unabhängigen Gerichte erstaunlich gut arbeiten, um das Schlimmste zu verhindern.

Wie ist die Stimmung in Ihrem Umfeld in New York?

Das spielt sich irgendwo zwischen offener Verzweiflung («er wird die Welt zerstören») und vorsichtigem Optimismus ab («vor Ende des Jahres wird man ihn hinauswerfen»). Wobei es Tage gibt, an denen jeder von uns mehrmals zwischen diesen beiden Polen hin und her pendelt.

Im Jahr 2005 gelang Ihnen mit Ihrem Roman «Die Vermessung der Welt» ein literarischer Welterfolg. Wie schauen Sie heute auf die damaligen Ereignisse?

Dankbar und glücklich. Immer noch. Das war ein grosser, einzigartiger Glücksfall, und ich werde dem Schicksal, oder wem auch immer, bis zum Ende meines Lebens dafür dankbar sein.

Damals waren Sie gerade mal 30 Jahre alt. Wie lebt man anschliessend im Schatten eines solchen Erfolges?

Ach, es gibt wirklich Schlimmeres. Natürlich ist es einschüchternd, aber es ist doch auch wunderbar. Wie man damit lebt? Man macht weiter seine Arbeit, ganz einfach.

Im Zentrum Ihres Debütromans «Beerholms Vorstellung» von 1997 stand ein Zauberer. Wenn man Sie freundlich darum bittet, können Sie einen Zaubertrick vorführen. Woher rührt Ihre Liebe zu Magie und Gedankenexperiment?

Wenn man sich wirklich mit der Zauberkunst beschäftigt, ist das keine abstrakte Liebe mehr, dann geht es um konkrete Techniken – wie man eine Volte am schnellsten ausführt zum Beispiel. Wie immer im Leben ist das Konkrete das Interessante.

Mit der Hinwendung zu einem historischen Erzählstoff in «Die Vermessung der Welt» kam der ganz grosse Durchbruch für Sie. Warum damals die Abkehr von dem Versuch, unsere Gegenwart zu beschreiben?

Es war keine Abkehr, in meinem nachfolgenden Roman «Ruhm» habe ich modernste Kommunikationstechnologie in den Mittelpunkt gestellt. Man muss doch nicht alles in jedem Buch tun!

Konfuzius sagte einmal: «Wer die Zukunft sehen will, muss in die Vergangenheit schauen.» Teilen Sie diese Ansicht?

Das ist ein wunderbares Zitat, und ich teile sie ganz und gar. Die Gegenwart ist so kurz, und die meisten Dinge sind in etwas anderer Gestalt schon einmal passiert.

«Tyll» handelt wieder von einer historischen Figur. Mit Ihrem neuen Roman sind Sie in die Erfolgsspur zurückgekehrt. Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht ist das Buch einfach so gut, dass es alle Feinde einfach entwaffnet hat (lacht). Aber ehrlich gesagt, ich glaube das nicht. Der Kulturbetrieb hat einfach seine Konjunkturzyklen. «Change the story» nennen das die Soziologen. Wer eine Zeit lang gelobt wird, muss nachher beschimpft werden, und umgekehrt. Sonst ist es nicht interessant. Ich finde das bedauerlich, aber es wäre wehleidig, wenn ich mich drüber beschweren würde.

Wie kam Ihnen die Idee zu «Tyll»?

Den unmittelbaren Anlass weiss ich nicht mehr, aber ich war auf einmal so gefesselt von der Periode der europäischen Religionskriege. Ich hatte immer gesagt, dass ich keine historischen Romane mehr schreiben würde, und dann dachte ich plötzlich: Und wenn ich es doch noch mal tue? Was soll passieren?

Wie haben Sie sich dem Stoff erzählerisch genähert?

Über die Einfühlung in Menschen, deren Psychologie völlig anders war als unsere. Jeder glaubte an Gott und Teufel. Jeder glaubte an Hexerei und schwarze Magie. Jeder hatte immer Schmerzen und vermutlich auch immer Angst. Und trotzdem war es kein Horrorkabinett, sondern es waren die gängigen Lebensumstände, für diese Leute ebenso normal, wie es unsere Welt für uns ist.

Was sagt uns Tylls Geschichte über die heutige Zeit?

Es ist eine Geschichte über einen in Religionskriegen versinkenden Kontinent, über Flüchtlingsströme und völlig amoralische Grossmachtpolitik. Also ziemlich heutig, finden Sie nicht?

Stecken wir aktuell wieder in einem ähnlichen Krieg wie zur Zeit des sogenannten Dreissigjährigen Krieges?

So schlimm, wie es damals war, ist es noch nicht wieder, aber doch schlimm genug. Das, was man jeden Tag in der Zeitung liest, ist natürlich eine Anregung. Aber es gibt auch umfangreiche Berichte über das Alltagsleben im Dreissigjährigen Krieg, über Not und Alltag. Zwei Beispiele: Der Bericht des Söldners Peter Hagendorf und der des Andechser Abtes Maurus Friesenegger. Erschütternde lakonische Zeugnisse, ein Geschenk für jeden Romanautor.

Sind schlechte Zeiten ein gefundenes Fressen für Schriftsteller?

Wenn die Schriftsteller die schlechten Zeiten überleben und einen halbwegs sicheren Ort finden, dann sind sie es ganz sicher.

Tyll hält seiner Zeit den Spiegel vor. Scheinbar vogelfrei ist es ihm gegeben, die Zukunft zu schauen. Was können wir von ihm lernen?

Ich weiss es nicht. Er ist mir sehr rätselhaft als Figur. Ihn erschreckt nichts wirklich, er bleibt völlig ungebeugt, was auch immer passiert. Ich würde nicht sagen, dass man so sein sollte. Er ist es halt.

Daniel Kehlmann: «Tyll», Rowohlt, 480 Seiten.