Porträt

Comedy aus dem Hinterhalt: Matto Kämpf, der Guerilla-Satiriker

Matto Kämpf, der Guerilla-Satiriker, drang aus dem Kleinkunst-Dschungel ins Schweizer Fernsehen vor.

Matto Kämpf, der Guerilla-Satiriker, drang aus dem Kleinkunst-Dschungel ins Schweizer Fernsehen vor.

Matto Kämpf spielt in der derzeit besten Humor-Serie des Schweizer Fernsehens – der Berner macht Satire aus dem Hinterhalt, bei der man erst im zweiten Moment realisiert, was gerade passiert ist.

Irgendwann nach dem Foto-Shooting an einem Berner Weihnachtstag beginnt Matto Kämpf (45) über Berner Suizidverhinderung zu reden. Vor dem Münster steht man im historischen Zentrum des Berner Selbstmordes: auf der Münsterplattform, mit Blick auf die Kirchenfeldbrücke.

Bern galt lange als Hauptstadt des Brückensuizids – bis in Berner Amtsstuben eine Lösung gefunden wurde. Das Installieren von Netzen. «Das ist eine wahre Kunst», sagt Kämpf. «Das Netz muss so angebracht sein, dass es auch bei einem zweiten Versuch nicht zum Sterben reicht.» Die nüchterne Lösungsorientiertheit der Berner Beamten habe Tradition, sagt Kämpf. «Der Judenstempel wurde auch hier erfunden.»

So funktioniert Matto Kämpfs Satire. Wie ein Überfall aus dem Hinterhalt, bei der man erst im zweiten Moment realisiert, was da gerade gesagt wurde. Und dann weiss man nicht, ob das jetzt witzig oder wahr ist. Oder beides.

Kämpf ist eine Rarität in der Schweizer Satire. Für Viktor Giacobbo betreibt er «Guerilla-Komik». Das Geniale an ihm sei, dass man als Zuschauer nie im Klaren sei, ob der Künstler selber wisse, auf welcher Metaebene er gerade sein Publikum unterhält, sagt der Doyen der Schweizer Satire.

Schneuwly

Serie aus dem Berner Nirgendwo

Kämpf ist der Star der innovativsten Serie des Schweizer Fernsehens. In «Experiment Schneuwly» spielt er die Rolle des Hansjörg Schneuwly – kompromisslos und schräg, wie man es sich in der Schweiz kaum gewohnt ist.

Hansjörg Schneuwly ist ein muffiger Durchschnittsbürger aus Grosshöchstetten im Nirgendwo des Berner Mittellands; einem dieser Orte, die weder ländlich noch urban sind – «Agglo-Matsch», wie Kämpf sagt.

Das aussergewöhnliche an «Experiment Schneuwly» ist die Präzision mit der das Unpräzise des Schweizerdeutschen und insbesondere des Berner Dialekts aufgefangen wird. Und das ist zu einem grossen Teil Kämpfs Verdienst. Bisher war er vor allem Kleinkunstkennern ein Begriff. Der Autor, Satiriker, Slam-Poet, Musiker («Ich mache alles ausser Ballet») hat für «Experiment Schneuwly» Neuland betreten: Hier ist er in erster Linie Schauspieler.

Das Konzept für die Serie entstand aus einer Idee des Regisseurs Juri Steinhart und Anne Hodlers, welche die Ehefrau Kämpfs spielt.

«Schneuwly ist ziemlich genau das Gegenteil dessen, was ich bisher gemacht habe», sagt Kämpf. Er schreibe, spreche Dinge aus. «Bei Schneuwly geht es für mich hauptsächlich darum, etwas nicht zu sagen. Zu warten.»

Und trotzdem steckt sehr viel Kämpf in Hansjörg Schneuwly: Die Episoden werden praktisch von Anfang bis Ende improvisiert. Die Geschichten bestehen oft aus der Aneinanderreihung von Füllwörtern, die alles sagen, ohne etwas zu bedeuten. «Ja, jiah. Scho. Mou». Dazwischen fällt Schneuwly immer wieder in dumpfe Stille, wie ein Schlafapnoiker, aus der man ihn gerne ohrfeigend befreien möchte.

schnewuly

Der radikale Höhepunkt dieses Konzepts ist der Abschluss der zweiten Staffel, die in der Nacht auf den 24. Dezember um 1.07 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt wird und online bereits verfügbar ist. Im Weihnachtsspezial passiert nichts, ausser dass vier Personen Fondue chinoise essen und «Dinner for one» schauen.

In Sachen Quoten ist «Experiment Schneuwly» kein Renner. Wie auch. Der Sendeplatz der zweiten Staffel ist spät, nach Mitternacht. Die Serie ist aufs Web ausgerichtet. Online wurden die Folgen in der zweiten Staffel rund 10 000-mal angeklickt.

Matto Kämpf sieht Schneuwly als «ein Ausflug», wie er sagt. Selbst wenn es eine Fortsetzung geben sollte. Er sei vor allem Autor. Mit dem Satire-Trio «Die Gebirgspoeten» und der Band «Trampeltier of love» ist er auf Tour. Kämpf bleibt im Kleinkunst-Dschungel wie es sich für einen Guerill-Kämpfer gehört. 

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