Kaya Yanar, was macht für Sie den Reiz der Schweiz aus?

Kaya Yanar: Der grösste Reiz der Schweiz ist für mich natürlich meine Schweizer Freundin. Ich mag an der Schweiz und ihrer Bevölkerung aber auch, dass die positiven Klischees wie schöne Landschaften, Sauberkeit und Pünktlichkeit wirklich zutreffen. Ich schätze ausserdem die politische Neutralität, die direkte Demokratie und den netten Umgangston. 

Welches Klischee stimmt nicht?

Schweizerdeutsch per se ist nicht langsam. Wenn meine Freundin redet, ist es sogar sehr schnell. Spricht sie Hochdeutsch, was sie akzentfrei beherrscht, wirkt das etwas bedächtiger, weil sie ihre Worte genau abwägt. Wirklich langsam seid ihr Schweizer vor allem auf der Autobahn unterwegs. Wenn du aus Deutschland kommst, schläft dir bei einer Tempolimite von 120 Stundenkilometern leicht der Gasfuss ein! (Lacht.)

Furzen vor der Freundin - Bülent und seine Freunde

Furzen vor der Freundin - Bülent und seine Freunde

Nun gehen Sie mit einem Schweizer Programm auf eine grosse Schweizer Tournee. Ein Zeichen, dass Sie hier endgültig angekommen sind?

Ja, da bin ich mir sicher! Zu meiner Schweizer Premiere 2003 im Stadttheater in Basel kamen 400 Leute. Im Hallenstadion sind es inzwischen schon 6000 Fans! Da hat eine riesige Entwicklung stattgefunden. In den vier Jahren mit meiner Freundin habe ich enorme Kenntnisse erworben, die ich in meine Programme einfliessen lassen kann. Das hat nichts mehr mit den simplen Klischee-Gags über «Chuchichäschtli» oder «Taschenmesserli» zu tun.

Was für Insiderwissen haben Sie denn erworben?

Ich kenne eine Sportart wie Hornussen. Die ist total witzig: Ein Spieler drischt mit einer Angel auf eine Hornuss ein und 20 oder 30 andere stehen in einer Wiese und wedeln dort laut rufend mit ihren Pizzablechen herum. Und das Lustige ist, dass Zuschauer dieses komische Geschoss gar nicht erkennen können. Das ist ungefähr wie Fussball gucken, ohne dass man den Ball sieht! (Lacht.)

Kaya Yanar - Live & Unzensiert, Schwiizerdütsch/Autobahnen/Indisches Zähneklappern (2/13)

Kaya Yanar - Live & Unzensiert, Schwiizerdütsch/Autobahnen/Indisches Zähneklappern

Ist es Ihnen eigentlich schon aufgefallen, dass Sie in ein Land gezogen sind, dass sich vehement gegen einen EU-Beitritt sträubt, während die Türkei, das Land Ihrer Ahnen, unbedingt in die EU rein möchte?

Nein, aber das ist ein guter Gag – den muss ich mir merken! (Lacht.) Beides ist für mich nachvollziehbar. Die Schweiz, in der die Kantone und Regionen eine grosse Souveränität geniessen, will nicht in die EU, weil sie viel von ihrer Unabhängigkeit verlieren würde. Die Türkei will wegen des schnöden Mammons in die EU, da sie darin als grösster Agrarstaat viele Subventionen bekäme.

Es existieren aber nicht nur Gegensätze. Die Verfassungen sind sehr ähnlich.

Ja, ich weiss, als Atatürk Anfang der Zwanzigerjahre die türkische Republik begründete, hat er sich die Schweizer Verfassung zum Vorbild genommen. Das war gar nicht so abwegig, wollte Atatürk sich doch wie einst Wilhelm Tell nicht vor dem Adel wegducken. Übrigens finde ich es sehr sympathisch, dass in der Schweiz anders als etwa in England der Dialekt nicht als Sprache der Unterschicht gilt, sondern nur als Mittel zur geografischen Abgrenzung benutzt wird.

Welche Schweizer Comedians bringen eigentlich Sie zum Lachen?

Vor Marco Rima habe ich grossen Respekt. Er hat eine Riesenkarriere hingelegt. Meine Freundin, die Fan von ihm ist, checkt immer seine Social-Media-Kanäle. Die kleinen Sketche, die er dort postet, sind wirklich witzig. Was ich von Divertimento gesehen habe, fand ich ebenfalls sehr unterhaltsam. Der Erwin (aus der Schweiz) mit der Brille gefällt mir auch – wie die Songs vom Müslüm sowie Alain Frei, der vor allem in Deutschland bekannt ist. Es gibt in der Schweiz schon eine lebendige Kabarett- und Comedy-Szene!

Kaya Yanar «Der Reiz der Schweiz», 4.2. Bern Theatersaal National, 6.2. Baden Kurtheater.