Im 19. Jahrhundert in den Alpen eine Landschaftsaufnahme zu machen, war ein aufwendiges Unterfangen. «Für viele Fotos brauchte man vier Personen und die waren teils vier Tage beschäftigt», sagt Raphaël Mariani, Spezialist für alte Fotografie im Colmarer Unterlindenmuseum. Dort findet noch bis Mitte Mai eine Ausstellung über den elsässischen Fotografen und Unternehmer Adolphe Braun (1812–1877) statt. Ursprünglich entworfen wurde die Ausstellung vom Münchner Stadtmuseum, im Unterlindenmuseum ist sie mit Negativ Glasplatten aus Colmar ergänzt.

Fotografieren ist Expedition

Ursprünglich arbeitete Braun als Textildesigner. Zur Fotografie kam er über den Mülhauser Textil-Industriellen Dollfus, wo er als Chef-Musterzeichner arbeitete. 1847 siedelte er sein Studio in Dornach bei Mulhouse an, in dem 1870 um die 100 Mitarbeiter bis zu 2500 Abzüge pro Tag herstellten. 1854 veröffentlichte er eine erste Serie von fotografierten Blumen, mit denen er auf der Weltausstellung in Paris 1855 ausgezeichnet wurde.

Mit der Entwicklung des Tourismus’ in der Schweiz gab es eine hohe Nachfrage für Landschaftsaufnahmen, auf die Braun reagierte. Zwischen 1862 und 1885 entstanden mehr als 110 Fotos, wie vom Matterhorn, dem Staubbachfall im Lauterbrunnental oder dem Morteratschgletscher. Eine beachtliche Menge, wenn man bedenkt, dass zu der Zeit das Fotografieren an sich bereits einer kleinen Expedition glich. Die Lichtstärke der Gletscher und der Fernen erforderte die Entwicklung von spezifischen Abdeckvorrichtungen während des Aufnehmens. Die Kameras waren riesig und Negativplatten mussten ohne Einwirkung von Licht vor Ort hergestellt werden.

Aber Braun war nicht nur mit touristischen Landschaften erfolgreich. Auch eine Serie mit Schweizer Trachten verkaufte sich gut. Obwohl Braun dabei der Wahrheit etwas nachhelfen musste: «Die jungen Schweizer Frauen wollten sich nicht fotografieren lassen. Deshalb hat er schliesslich Elsässerinnen genommen», berichtet Mariani.

Weder deutsch noch französisch

Weniger Erfolg hatte Braun mit einer Serie von 120 Landschaftsaufnahmen aus dem Elsass, die 1857 bis 1859 entstanden. Sie wurde ein Flop. «Es wurde viel teurer als gedacht», erklärt Mariani. Dennoch hatten die Fotos aus dem Elsass einen positiven Nebeneffekt. Braun widmete sie Napoleon III. und wurde zum Fotografen seiner Kaiserlichen Majestät ernannt. Den Titel trug er bis 1870 und er half ihm beim Vertrieb seiner Fotos. Zudem erhielt er die begehrte Ehrenlegion. Diese Auszeichnungen und sein exzellentes Wissen über die neuartigen Verfahren machte Braun bald zum grössten Foto-Anbieter Europas.

Die Colmarer Ausstellung verschafft einen breiten Überblick über Brauns Schaffen, das sich auch Tieren, Denkmälern und Jagdtrophäen, Ägypten und den Folgen des Deutsch-französischen Krieges widmete. Dadurch geriet der Elsässer immer wieder zwischen die Fronten. «Für die Franzosen war er Deutscher und für die Deutschen Franzose», sagt Mariani.
Der Beliebtheit seiner Bilder tat das keinen Abbruch. Als das Elsass 1871 deutsch wurde, verkörperte Brauns Foto einer Elsässerin in ihrer Tracht und mit den französischen Farben an der Haube das verlorene Elsass und wurde zur vielverkauften Ikone.

Auftrag vom Louvre

Eine wichtige Rolle in der Fotografie Brauns spielt die Kunst. Ab 1862 spezialisierte er sich auf die systematische Reproduktion von Zeichnungen alter Meister. So bildete Braun zum Beispiel den Leichnam Christi im Grabe von Holbein dem Jüngeren ab, der heute im Basler Kunstmuseum zu sehen ist. Auch das ein unternehmerischer Coup: Durch die hohen Auflagen wurde Kunst so günstig, dass sie für ein breites Publikum bezahlbar und beliebt wurde.
So war es letztendlich ein Kunstmuseum, das der Firma zum endgültigen Durchbruch verhalf.

1883, als Braun schon gestorben war und die Firma Braun von seinem Sohn und dessen Schwiegervater weitergeführt wurde, gelang es, für 30 Jahre einen Exklusivitätsvertrag mit dem Louvre abzuschliessen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts fertigten sie Negative von 50 000 Kunstwerken an. Angekurbelt wurde die Produktion auch durch gefragte stereoskopische Ansichten, die spektakuläre Illusionen von Tiefe erzielten und in den frühen 1850er-Jahren aufkamen.

1968 wurde das Unternehmen verkauft und der fotografische Fonds ging als Schenkung an die Stiftung, die für das Unterlindenmuseum zuständig ist. Der Fonds umfasst mittlerweile 36 000 Glasplatten und 120 000 Abzüge. 1980 kaufte die deutsche Mediengruppe Burda das Unternehmen, betreibt aber nur die Druckerei weiter.

Ausstellung Das fotografische Abenteuer Adolphe Braun, Unterlindenmuseum, Colmar, Place Unterlinden. Bis 14. Mai. Mo/Mi 9–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Fr–So 10–18 Uhr, Di geschlossen.