Wir treffen den berühmtesten Clown der Schweiz in Langenthal, im Braui Chäuer, vor seinem Auftritt mit Tessiner Liedern. Dimitri ist im Mantel und fröstelt doch. So wechseln wir ins Restaurant, das für die Fasnacht mit Militärsachen dekoriert ist. Das irritiert ihn leicht, aber es ist warm. Warmherzig erleben wir ihn im Gespräch.

Herr Dimitri, am Samstag starten Sie mit dem Familienprogramm DimiTRIgenerationes. Wie ist es, zum ersten Mal mit dem Enkel auf der Bühne zu stehen?

Dimitri: Schön! Ich bin schon mit den Kindern aufgetreten, aber mit dem Enkel, das ist besonders. Und ich bin stolz auf Samuel, weil er sehr begabt ist.

Was kann der Enkel besser als Sie?

Samuel ist ein hervorragender Akrobat. Er beherrscht Dinge, die ich nicht gelernt habe, wie Breakdance. Sonst haben wir vieles gemeinsam: Er ist sehr musikalisch, spielt einige Instrumente – wenn auch noch nicht ganz so viele wie ich (schmunzelt).

Beim ersten Familienprogramm sagten Sie, Sie wollten nur der Pausenclown sein, der Lückenbüsser. Was sind Sie diesmal?

Ich bin gerne der Pausenclown und der rote Faden. Ich muss mich in dieser Familienvorstellung nicht mit einer Nummer profilieren, dafür habe ich mein Soloprogramm. Aber klar, ich bin der Bekannteste, der Älteste. Wenn wir im Ausland spielen würden, wo mich niemand kennt, würde man vielleicht – hoffentlich – sagen: Das sind fünf ganz unterschiedliche Leute und der Grossvater ist schon alt, aber gar nicht schlecht.

Und er bringt die Leute zum Lachen.

(Lächelt). Ja, den Leuten Freude zu machen – und was ist Lachen anderes? – das ist das Schönste.

Sie werden im September 80, Sie sind mit Ihrem Soloprogramm und einem Liederabend auf Tournee und jetzt noch das Familienprogramm. Wie schaffen Sie das?

Das schafft man nur mit Glück. Mit dem Glück, gesund zu sein. Und man muss sich in Form halten. Jeden Tag trainieren und viel auftreten.

Wie viel trainieren Sie?

Etwa drei Stunden täglich.

Was empfehlen Sie mir und unseren Lesern, um so «zweg» zu bleiben?

Da gibt es kein Rezept. Es gibt Leute, die ein Leben lang rauchen und keinen Lungenkrebs bekommen und andere leben gesund und vegetarisch oder gar vegan und joggen und sterben trotzdem jung. Das beste Rezept ist, dankbar dafür zu sein, dass man gesund sein darf.

Leben Sie selber gesund?

Mein Beruf bedingt, dass ich gesund lebe und dass ich gut gelaunt bin. Das entspricht auch meinem Naturell. Ich bin auch sehr ordentlich, pünktlich – und trotzdem bin ich ein Fantasiemensch und lebe oft in den Wolken.

Clown Dimitri

Clown Dimitri

Aber Sie spüren sicher auch: Das geht nicht mehr, jenes ist mühsamer. Ist Altwerden schwierig?

Nein. Ich habe mich schon als junger Mensch immer mit dem Sterben befasst oder mir zum Beispiel auch vorgestellt: Was wäre, wenn ich blind wäre? Malen könnte ich nicht mehr, aber ich könnte singen, Musik machen, Geschichten erzählen …

Vermissen Sie etwas, was heute nicht mehr möglich ist?

Ich war früher ein guter Akrobat. Mit 50 habe ich entschieden, ich mache keinen Salto mehr. Ein solcher Entscheid betrübt einen im ersten Moment. Denn wenn ich den Salto ein Jahr nicht mehr übe, dann ist es aus. Das ist ein Entscheid fürs Leben. Doch generell nehme ich es spielerisch – und als Clown kann man ja aus der Not eine Tugend machen.

Sie heissen heute offiziell Jakob Dimitri. Geboren sind Sie aber als Dimitri Jakob Müller. Warum haben Sie Ihren Namen geändert?

Ich war der Clown Dimitri, sicher nicht der Clown Müller. Das ist logisch, wenn man einen so schönen und damals sehr seltenen Vornamen hat. Viele Leute haben mich mit Herr Dimitri angesprochen, aber ich fand es ein bisschen geschwindelt. Meine Anträge auf Namensänderung wurden anfangs abgelehnt, weil Müller kein hässlicher, sondern ein durchaus ehrenwerter Name ist. Ich hab es dann aufgegeben, bis meine Tochter Masha kam und sagte: Ich heisse jetzt offiziell Dimitri. Ihre Anwältin hat dann auch mir zu meinem Namen verholfen. Und sehen Sie (zieht den Pass aus der Tasche), auch hier steht Jakob Dimitri. (lacht). Ich bin ganz stolz darauf.

Geboren sind Sie am 18. September 1935 um 9.30 Uhr in Ascona. Warum führen Sie das so genau in Ihrer offiziellen Biografie auf?

Ich muss jetzt selber darüber lachen … Aber ich finde Horoskope, wenn sie seriös gemacht sind, schon interessant.

Sie haben Sternzeichen Jungfrau …

… und Aszendent Waage und bin noch von der Venus beschienen (lächelt verschmitzt). Hochinteressant ist übrigens Handlesen. Im «Blick» hat mich letzthin eine Handleserin analysiert. Sie fand Kreativität und Fantasie, aber auch Eigenwilligkeit – und (lacht), dass ich auf den Tisch hauen kann, wenn mir etwas nicht passt. Das stimmt alles.

Ihre Frau Gunda ist Schauspielerin – sie war aber auf der Bühne nicht präsent, sondern managte jahrelang die Familie, das Theater und die Schule. Das hat Ihnen den Rücken frei gemacht. Gab es nie Differenzen über diese Arbeitsteilung?

Meine Frau ist sehr selbstbewusst und selber eine tolle Künstlerin. Es war aber kein Ich-verzichte-zu-deinen-Gunsten. Die Arbeitsteilung ergab sich in beidwilligem Einverständnis. Sie hat sich mehr um die Kinder gekümmert. Ich war ein guter Vater, gut im Spielen mit den Kindern. Aber Windeln gewechselt habe ich ehrlich gesagt nicht. Wir sind bis heute ein tolles Team und sie sagt mir auch gerne die Wahrheit. Sie ist keine der Künstlerfrauen, die ihren Mann hofieren oder ihn nur bewundern. Das ist für einen Künstler sehr gefährlich.

Ihre Frau und Sie haben zweimal geheiratet. 1961 auf dem Standesamt in Zürich und 1964 in Paris nach dem Ritus der anthroposophischen Christengemeinschaft. Warum zweimal?

(Lacht überrascht). Auf dem Standesamt haben wir sehr sachlich nur mit zwei Trauzeugen geheiratet. Weil wir uns beide für Anthroposophie und geistige Werte interessieren und in Paris einen sehr netten Priester kennen gelernt haben, haben wir uns für ein zweites Mal entschieden.

Was ist Ihnen am anthroposophischen Christentum so wichtig?

Anthroposophie ist nicht per se christlich. Es ist eine Philosophie – und wie im Buddhismus ist die Idee zentral, dass unsere Seele nach dem Tod weiterlebt. Der grösste Teil dessen, was uns ausmacht, ist nicht materiell: unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Träume. Wenn man einmal die Schriften von Rudolf Steiner gelesen hat, kommen einem alle anderen religiösen Schriften blass vor. Rudolf Steiner hat zudem als erster vom biologisch-dynamischen Anbau gesprochen, er hat die Pädagogik revolutioniert und mit der Homöopathie auch die Medizin. Für mich das Allerwichtigste: Er hat eine Philosophie begründet, die einen total frei lässt.

Ihre privat gegründete Scuola Dimitri für Akrobaten, Clowns, Pantomimen ist heute Fachhochschule und Teil der Universität Tessin. Eine Anerkennung?

Das ist eine sehr schöne Befriedigung. Auch weil wir nie damit gerechnet haben. Aber ob Fachhochschule oder nicht: Das Ziel ist es, junge Menschen zu fördern und sie unsere Kunst zu lehren. Wir sind wohl die einzige Hochschule für Bewegungstheater, das heisst für Tanz, Pantomime, Akrobatik, Mimik, für alles, was den Körper betrifft. Unsere Absolventen finden denn auch leicht Arbeit.

Sie lehren auch Clownerie. Aber warum gibt es immer weniger Clowns, dafür mehr Comedians?

Es hat nie sehr viele Clowns gegeben, nie so viele wie Pianisten oder Tänzer. Doch warum der unglaubliche Trend zur Comedy? Die schnelle Komik, die aggressiv und provokativ ist, oft etwas unter der Gürtellinie liegt, passt zur heutigen, schnellen Zeit. Aber: Sie hat null Poesie.

Finden Sie die Comedians lustig?

Selten. Aber ich kann ja nicht sagen, Clowns sind besser … Ich mache mir aber keine Sorgen. Das Publikum hat nach wie vor Heimweh oder das Bedürfnis nach Poesie, etwas Naivem oder Komischem, bei dem man von Herzen lachen kann. Bei der Comedy aber ist es kein befreiendes Lachen und insbesondere Kinder können über Comedy nicht lachen.

Und bei Erwachsenen ist es häufig eine Art Schadenfreude …

… sehr oft. Wenn ich jünger wäre, würde ich Wirkung und Ursache dabei gerne erforschen. Mich beschäftigt die tragische Attacke auf «Charlie Hebdo». Was darf eine Karikatur, was darf eine Parodie, eine Satire? Was darf ein Zeichner, ein Kabarettist?

Wo ist für Sie die Grenze?

Es muss lustig sein. Über die Karikaturen in «Charlie Hebdo» musste ich fast nie lachen. Auf mich wirken sie eher böse, aggressiv, auch hässlich und als Zeichnungen unästhetisch. In meinen Augen darf Satire nicht beleidigen. Und da machte «Charlie Hebdo», so schrecklich und furchtbar ich das Attentat und generell den Terrorismus finde, einen Fehler. Vor allem wenn sie nach dem Attentat mit Mohammed-Karikaturen weitermachen.

Ist die Aggressivität in der Comedy wie in der Karikatur ein Abbild unserer politischen Kultur, die rauer, polarisierter geworden ist?

Ja, es ist alles rauer geworden – und vor allem humorloser. Ich bin kein Polit-Experte, aber wenn ich die Plakate mit den Bauchaufschlitzern oder mit den schwarzen Schafen anschaue, machen mich diese primitiven Sachen traurig. Ich habe Christoph Blocher kennen gelernt. Ich finde ihn sehr sympathisch, aber ich verstehe seine Politik nicht. Man kann die Werte der Schweiz doch verteidigen, ohne so unbarmherzig zu sein mit Flüchtlingen und Immigranten. Wie kann man so kommunizieren …?

Sie engagieren sich in internationalen Organisationen wie der OMCT gegen die Folter oder für die Unicef. Warum?

Folter, Krieg, Grausamkeit sind mir zuwider, klar. Aber zum Glück gibt es Hundertausende Menschen, die auch so denken. In einer anthroposophischen Zeitung habe ich eine interessante Überlegung zum IS und Terrorismus gelesen. Natürlich müsse man das verbieten und bekämpfen, aber ohne begleitenden Dialog lasse sich keine Lösung finden. Man muss auch mit seinem Feind probieren zu reden. Zum Beispiel Israel. Ich verstehe mich als grosser Freund der israelischen Kultur und Bevölkerung, doch bei der Gründung des Staates Israel wurden aus meiner Sicht die Weichen falsch gestellt. Der Dialog, die Gerechtigkeit und die Liebe haben gefehlt – und der Humor.

Gelten diese vier Grundwerte auch für Ihr Leben?

(Lächelt). Die vier Dinge machen den richtig guten Menschen aus, ob sie einem jedoch gelingen …?

Wenn Sie zurückschauen, worauf sind Sie am meisten stolz?

Stolz, wissen Sie, das passt nicht so recht zu mir.

Anders gefragt also: Womit sind Sie denn so richtig zufrieden?

(Zögert). Es gibt Momente in meinen Vorstellungen, in denen ich den Punkt erreiche, von dem ich immer geträumt habe. Oder wenn ich meine Bilder nach Jahren wieder betrachte, denke ich: Nicht schlecht, sie sind voller Humor, voller Fantasie. Dann habe ich Freude. Aber Stolz? Nein, es gibt immer noch einen Chagall, der hundert Mal besser war als ich. Oder es gab Clown Grock, der zehn Mal besser war als ich …

Treibt Sie dieser Gedanke an Grock an, auch heute mit 80 noch besser zu werden?

Nein, jetzt nicht mehr. Ich bin weiser geworden und weiss, ich bin nicht Grock. Aber ich habe meinen eigenen Stil, ich habe Erfolg und die Menschen haben Freude an mir. Ihr Lachen, ihr Applaus, das gibt mir Befriedigung. Ich kann und will mit 80 nicht noch besser werden als Grock. Und bekäme ich dann ein Zeugnis? Von wem?

Wie weiter mit 80, Herr Dimitri? Sie planen Tourneen, andere in diesem Alter den Altersheimeintritt.

Meine Frau und ich sind gleich alt und wir reden darüber. Altersheim? Das wäre möglich. Oder sollen wir jemanden anstellen, der für uns köchelet, uns pflegelet – bis das Schicksal entscheidet. Hier hat die Anthroposophie einen grossen Vorteil, weil Sie die Gewissheit haben, es geht nach dem Tod weiter. Man wird nicht einfach unter dem Boden von den Würmern gefressen. Was ich einzig als Problem sehe: Wenn man lange krank wäre, lange leiden müsste. Aber ich glaube, man muss sich dem Schicksal anvertrauen.

Wir sind zum Schluss nun sehr ernst geworden …

... ja. Denn das Ernste ist schon richtig. Aber wissen Sie, es gibt auch Kulturen, wo man selbst dem Tod mit Humor begegnet. Die Mexikaner sind Weltmeister darin. Sie machen sich lustig über den Tod, an ihrem Karneval sehen Sie vor allem Skelette und Totenschädel. Und es gibt auch wunderbare, wahre Geschichten. Der grosse Münchner Komiker Karl Valentin hatte panische Angst vor dem Tod. Sein letzter Satz war: «Ach wenn ich g’wusst hätt, dass des so schöön ist…» und dann ist er entschlafen. Und der berühmte Theaterautor Johann Nestroy hat gesagt: «Ich weiss, dass wir alle sterben müssen, aber um mich ist es doch sehr schade.» (Lächelt). Und ein Mönch wurde während der Inquisition verbrannt. Auf dem brennenden Scheiterhaufen hat er gerufen: «Brüder, Brüder mehr Holz. Mir ist kalt.» Das sind für mich Beispiele und Vorbilder, wie man den Humor bis zuletzt bewahren kann. Es ist wohl schwierig, aber schön.