Trinationales Musikspektakel

C'est fou! Im «Narrenschiff» trifft Renaissance auf Rap

Das verrückte trinationale Spektakel «Narrenschiff» überschreitet morgen in der Martinskirche alle Grenzen. Hier treffen frühneuzeitliche Robe auf Lady-Gaga-Outfits und Musiker mit Drehleier und Sackpfeife auf glatzköpfige Rapper.

«Es war für mich anfangs sehr seltsam, verrückte Posen anzunehmen und Grimassen zu schneiden.» Die kurdischstämmige Muttenzer Gymnasiastin Yaren ist bei ihrem verrückten Treiben aber nicht allein. Sie steht mit 150 Jugendlichen aus drei Ländern auf der Bühne der Musikhochschule in Freiburg im Breisgau. Es singen, lachen, kreischen, schnalzen und tanzen Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Muttenz, des Deutsch-Französischen Gymnasiums in Freiburg und des Centre de Formation de Musiciens Intervenants in Sélestat. Sie proben die szenische Performance «Narrenschiff – Un oratorio électro-médiéval», zusammen mit einem Sänger in frühneuzeitlicher Robe, einem glatzköpfigen Rapper, einer Performerin im schrägsten Lady-Gaga-Outfit, sechs Tänzerinnen und Tänzern, einer Handvoll Musiker mit Trommel, Drehleier und Sackpfeife und einer kompletten Funkjazzband.

«Ich freue mich am meisten darauf, einen fünf Jahre lang gehegten Traum jetzt doch noch zu realisieren. Aber man muss total verrückt sein, ein solches Projekt anzureissen und durchzuführen», sagt Projektleiter Mathias Schillmöller aus Freiburg. Und weiter: «Das Ganze ist in erster Linie ein riesiger Kommunikationsaufwand. C’est un groupe d’amis, und man muss auch gern zusammen ein Bier trinken wollen.» Musiklehrer und Chorleiter Christoph Huldi aus Muttenz, der das Spektakel hauptsächlich dirigiert, freut sich jetzt auf den Moment, wo alle Einzelelemente zusammenwachsen und zur Kunst werden.

Dieser grenzüberschreitende Event, der in Freiburg am Samstag bereits stattgefunden hat, wiederholt sich einmalig morgen Mittwochabend in der Martinskirche, wenige Meter entfernt von der Augustinergasse, wo Sebastian Brant im Jahr 1494 sein Hauptwerk, «Das Narrenschiff», verfasste, und ganz in der Nähe von Erasmus von Rotterdams Grab im Basler Münster. Dessen «Lob der Torheit» bildet die zweite Textgrundlage.

Aktuelle Bestseller

Brant kritisierte in seiner Moralsatire die menschlichen Laster und Torheiten, während Erasmus die Torheit in einer Frau personifizierte und in der Verrücktheit auch kreatives Potenzial und gedankliche Grenzüberschreitung auslotete. Die beiden europäischen Bestseller des 15. Jahrhunderts sind in unserer Zeit des Übergangs verstörend aktuell und thematisch gerade auch für Jugendliche besonders zugänglich. Denn wenig tun sie in kurzen gemeinschaftlichen Auszeiten lieber, als einander die Clips von Menschen auf dem Smartphone zu zeigen, die sich besonders peinlich oder verrückt verhalten haben. Verrückte gelten einerseits als gefährlich – andererseits oft auch als cool. Und diese Tore des digitalen Zeitalters halten den Jungen den Spiegel vor und lassen sie sich fragen: Was ist normal? Wie bin ich? Was ist menschlich? Was wird aus der Menschheit?

Während der literarische Gehalt, die menschliche Torheit, zeitlos ist und von der Geld- und Machtgier über die narzisstische Selbstdarstellung bis zum alltäglichen Beziehungswahnsinn reicht, prallen in der musikalischen Zeitreise aus Renaissance (hervorragend: Sebastian Mattmüller alias Sebastian Brant), Klassik-, Romantik-, Pop- und Rap-Welten aufeinander. Erasmus ist ein französischsprachiger Rapper (Yan Gilg). Als seine literarische Figur «La Folie» (Torheit, Verrücktheit) betört und verstört die experimentelle Sängerin Marie Schoenbock das Publikum mit Stimmgewalt, Charme und schriller Verspieltheit. Hinzu treten als visuelles Medium die Filmprojektionen aus den schulischen Videoateliers von Gilles Dupas. Sie illustrieren und verfremden die närrische Fahrt mal ästhetisch und heiter, dann wieder fratzenhaft unheimlich, und sie untertiteln die Lieder auf Französisch und Deutsch.

Trinationale Trägerschaft

Getragen wird das Projekt laut Regisseur Schillmöller seit Anbeginn von der Faszination des Triregionalen. Es sei eine besondere Herausforderung gewesen, so viele junge Menschen aus ihrem normalen schulischen Alltag in drei Ländern herauszuholen und die gemeinsamen Proben zu organisieren. Der Oberrhein funktioniert in diesem Projekt als ein gemeinschaftlicher Kulturraum – eine Idee, die sowohl von staatlichen Stellen als auch von privaten Sponsoren der drei Staaten finanziell unterstützt wurde.

Und was sagen die Jugendlichen selber dazu? Überraschenderweise waren nicht die nationalen oder sprachlichen Barrieren anfänglich das Problem, sondern die Altersunterschiede. Gymnasiastin Yaren: «Wir waren zuerst Einzelgrüppchen, jedes für sich. Die Leute vom Deutsch-Französischen Gymnasium sind zum Teil viel jünger als wir. Aber in Breisach bei den gemeinsamen Proben sind wir zusammengewachsen.»Das sieht und hört man: Der Narrenschiff-Chor ist eine starke Einheit. Seine Untergruppen sind nicht nach Herkunft gegliedert, sondern nach Stimmlagen. Seine Sängerinnen und Sänger verkörpern in dem Prozess, was Erasmus in der Figur des französischen Rappers so ausdrückt: «On ne naît pas homme, on le devient.» Der Mensch im humanistischen Verständnis ist nicht bloss die Summe seiner Gene und angeborenen Triebe, sondern er entwickelt sich erst durch seine Geisteskraft. Und diese will kreativ gefordert und inspiriert werden. So soll es auch dem Publikum gehen. Chorleiter Huldi meint: «Wer zu unserer Performance kommt, ist verrückt – wer sie sich entgehen lässt, ist ein Narr.»

Einzige Aufführung: Mittwoch, 29. April, 19.30 Uhr in der Martinskirche Basel. Tickets ab 18.30 Uhr an der Abendkasse.

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