Dieser tumultöse Jubel! Unheimlich war das. Und obwohl ich das Schauspiel-Singen von Opernstar Cecilia Bartoli nicht mag, kann ich verstehen, dass ein Teil des Publikums an diesem Bühnen-Exhibitionismus Gefallen findet. Aber warum alle? Warum zahlen die Leute dieser Tage in Zürich noch so gerne 380 Franken dafür?

Sogar zu seligen Zeiten, als Maria Callas (1923–1977) ihre Wunder durch die Welt streute, waren die Opernlager geteilt: pro und contra Callas. Und ich kann es bei aller ewigen Bewunderung vor der Callas verstehen. Es gibt nun mal auch Menschen, denen Michelangelos Statuen zu muskulös und Shakespeares Dramen zu menschlich abgründig sind.

Die Gesamtpaket Bartoli ist so perfekt, dass ihre stimmlichen Mängel dem Publikum egal sind. Wer will sich da bei Details aufhalten? Doch wir fragen: Ists nicht beleidigend, wenn man so Einzigartiges tut, und es dann alle gut finden? Da trällert ja kein Opernpopsternchen Weihnachtslieder, sondern da wagt sich eine Barockspezialistin an eine der unheimlichsten Opernpartien des 19. Jahrhunderts, an Vincenzo Bellinis Norma. Da balanciert jemand ohne Sicherheitsnetz 1000 Meter über dem Abgrund.

Vielleicht werden meine Ur-Enkel mich mal fragen, welcher Teufel mich damals am Anfang des 21. Jahrhunderts geritten habe, als ich behauptete, die Bartoli mache aus Mängeln Kunst. Doch die Zürcher «Norma» zeigte das einmal mehr exemplarisch.

Ist diese Stimme schön?

Ist diese Stimme schön? Dieser dunkelviolette (Mezzo-)Sopran, der im Piano ins Farblose geraten kann, der bei Attacken hart wie Metall klingt?

Vielleicht ist das alles egal, wenn man die Maxime hat: Ich will etwas ausdrücken – in jedem kleinsten Moment. Das versucht Bartoli nicht nur mit ihrer Stimme, sondern bis ins Zucken der Augenbraue.

Kein Wunder, betont sie in Bellinis Gefühlsstrudeln bisweilen die Silben so heftig, als möchte sie damit jemanden erwürgen. Kaum gehts in den zweiten Stock, in die höheren Lagen, sinkt die Stimme wie einst zu ihren schlechteren Zeiten ab in den Gaumen und tönt, wenn überhaupt, gepresst. Spitzentöne werden mal zum Schrei, mal zum Hauch, aber nie wächst einer natürlich zu Grösse an. Singen ist bei ihre ein Emotions-K(r)ampf. Töne produzieren ist eine physisch anfordernde Arbeit, die einem durchaus die Gelenke verrenken kann.

Den lange Linien im Piano weicht sie aus, indem sie das Wort ins Zentrum rückt: So kann sie die fehlenden Gesangsmittel mit Lautmalerei, mit Hauchen und Sprechen, vertuschen. Und wagt sie doch mal grosse Bögen, wie etwa im Finale des 2. Aktes, bleibt die Stimme seltsam körperlos.

Bartoli sagte mir mal beleidigt, als sie merkte, dass ich ihren Bellini-Gesang wenig schätze: «Wenn Du die ‹Norma› der Callas hören willst, bitte schön! Wenn Du aber Bellinis ‹Norma› willst, musst du meine CD hören.»

Warum keine Gesangsschülerin?

Das tönte gut, war aber Quatsch: Bartoli singt trotz historisch-kritischer Partitur die Norma der Bartoli. Und damit das aufgeht, schart sie Sänger um sich, die weit unter ihrem Niveau singen. Keiner soll ihr im Wege stehen. Grosse Norma-Interpretinnen hingegen hatten den Mut, die besten neben sich zu stellen – und wuchsen dank ihrer Gegenspieler über sich hinaus: Die Callas mit Ebe Stignani oder Christa Ludwig und Franco Corelli, Joan Sutherland mit Luciano Pavarotti und einer Marilyn Horne, Edita Gruberova mit Elina Garanca.

Traurig, wie harmlos Bartolis Rivalin Rebecca Olvera die Adalgisa singt. Ein nettes Stimmchen, deren meckernde Vokale einen naiven Grundzug noch unterstreichen. Zu Forte-Ausbrüchen ist sie nicht fähig. Ein dreimonatiges Stubenkätzchen im Vergleich zum tollwütigen Leoparden Bartoli. Wen wunderts, sind die beiden Duette der Tiefpunkt des Abends. Und wer nun einwirft, dass Adalgisa nun mal eine 18-jährige Novizin sei, soll die Rolle das nächste Mal doch gleich mit einer Gesangsschülerin besetzen. Tenor John Osborne ist ein anderes Kaliber, aber «schön» oder berührend ist diese Tenorstimme ebenfalls nicht.

Dirigent Giovanni Antonini ist bemüht, den romantischen Hauch wegzuzaubern. Und doch bleiben da schöne Farben, die er La Scintilla, der Barockformation des Opernhauses Zürich, entlockt.

Bartolis Leibregisseure Moshe Leiser/Patrice Caurier haben der Diva in dieser 2013 in Salzburg entstandenen Produktion ein packendes Tableau hingestellt: Norma ist keine Druidin, sondern eine Widerstandskämpferin im 2. Weltkrieg. Wer den Text kennt, kann darob oft nur den Kopf schütteln. Schwamm drüber. Besser, man schaut einfach hin, wie famos diese Regie aus der Musik entstehende Stimmungen geschaffen hat: mit Schatten, mit Licht – mit 200 Prozent Bartoli. Wer sich davon gut ablenken lässt, kann auch Bartoli-Gesang ertragen – und bejubeln.

Norma Opernhaus Zürich, 3., 15. 18. 10.