Literatur

Carl Spittelers Spektrum: Der Schweizer Nobelpreisträger von 1919 ist aktueller denn je

Streitbarer Individualist: Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler (1845–1924).

Streitbarer Individualist: Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler (1845–1924).

Vor 100 Jahren gewann Carl Spitteler den Literaturnobelpreis. In seinem Vorwort zu einem neuen Lesebuch umreisst der Germanist Peter von Matt die Vielschichtigkeit des Schweizer Autors.

Er hat nie ein Blatt vor den Mund genommen und ist doch schwer zu fassen.

Über die bürgerlich-solide Schweiz schrieb er eines der frechsten Bücher, den Roman Imago, mit nadelspitzen Bosheiten, wie sie erst ein halbes Jahrhundert später in Max Frischs Stiller wieder aufblitzen, und doch gilt er weitherum als ein Retter des Vaterlandes, der in gefährlicher Stunde die zerstrittene Eidgenossenschaft mit einer besorgten Rede zur Einheit aufrief. Seine patriotische Ballade «Die jodelnden Schildwachen» blieb jahrzehntelang populär, aber schon beim zweiten Lesen beschleicht einen der Verdacht, sie könnte auch eine Parodie auf alle vaterländische Lyrik sein.

Was literarisch im Trend lag, kümmerte ihn wenig. Er beherrschte das realistische Erzählen der Gotthelf-, Keller- und Meyer-Zeit und griff darauf zurück, wenn es ihm Spass machte, eine verbindliche Norm war es ihm längst nicht mehr. Der aufbrechende Modernismus um 1900 mit den spektakulären Bewegungen der Futuristen, Expressionisten und Dadaisten liess ihn kalt. Immer suchte er mit grimmiger Lust seinen eigenen Weg. Aber weil er damit allein war, konnte keine Bewegung daraus werden, keine Schule.

So gab es denn auch für sein gewaltiges Werk Olympischer Frühling nie eine prägende Bezeichnung. Man sprach zwar von einem modernen Epos, aber dies bezog sich nur auf die äussere Form, nicht auf den künstlerischen und denkerischen Wurf. Das Fehlen eines klaren Begriffs für die ästhetische Identität des Olympischen Frühlings mag mit ein Grund gewesen sein dafür, dass das Werk, nach grossem Erfolg, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem literarischen Bewusstsein verschwand. Dabei hatte Spitteler den Nobelpreis 1919 ausdrücklich für diese Leistung erhalten.

Die mythische Chiffre seines Lebens wie seines Schaffens ist der trotzige Einzelne, der sich seine Bahn bricht durch die Masse der Gleichgeschalteten, allein mit einem unzähmbaren Willen. Das war weit näher beim Denkbild des «Renaissancemenschen» seines Lehrers Jacob Burckhardt als beim demokratischen Empfinden der Schweiz – allerdings ohne die Amoralität jener berühmten historischen Konstruktion. Amoralisch ist bei Spitteler weit eher die von ihren Konventionen gelenkte Gesellschaft, wo man Gut und Böse rasch nach dem Wind hängt, wenn es nur alle andern auch tun. Es lohnt sich, daraufhin das Kapitel «Die Menschen» im fünften und letzten Teil des Olympischen Frühlings zu lesen.

Carl Spitteler (Aufnahme von 1905).

Carl Spitteler (Aufnahme von 1905).

Heute ist Spitteler vorab der Mann, der «Unser Schweizer Standpunkt» geschrieben und als Rede gehalten hat. Wir wissen, dass er zögerte, dies zu tun. Er war in Deutschland berühmt. Eine Verweigerung der Parteinahme für das Kaiserreich konnte ihn um eine breite Leserschaft bringen. Er tat es trotzdem. Einmal mehr setzte sich sein Eigenwille durch, die Lust am Risiko. Er gewann damit einheimischen Ruhm, verlor aber seine solide Präsenz in der deutschen Literatur. Der Maler Hodler, dem es ähnlich ging, ist heute europaweit wieder anerkannt. Könnte das nicht auch mit Spitteler geschehen? Vielleicht käme es dazu, wenn es einigen Fachleuten dämmerte, dass der Olympische Frühling das spektakulärste Ereignis deutschsprachiger Fantasy-Literatur ist, lange bevor es diesen Begriff gab und ein halbes Jahrhundert vor dem Herrn der Ringe. Während Tolkien für sein Werk den Sagenschatz der nordischen Überlieferungen plünderte, tat es Spitteler mit dem verwucherten Vorrat der griechischen Mythologie. Und beide erfanden nach Lust und Laune dazu, was immer ihnen in die Traumwelt passte und womit sie auf Parallelen in ihrer Gegenwart zielen konnten. Spittelers Sprache erscheint einem in diesem Werk wie ein bis heute nicht gehobener Schatz. Sie ist derb und sinnlich, subtil und erkenntnistief, mit nichts Bekanntem zu vergleichen. Bald fährt sie hoch zu steiler Symbolik, bald schildert sie die Niedertracht der Welt mit gnadenloser Drastik. Wie in den Klassikern der Fantasy-Literatur ist auch im Olympischen Frühling alles altertümlich fremd und doch ganz gegenwärtig. Man wird hineingezogen in das tönende Wogen dieser Verse und schnappenden Reime, lebt mit Bildern, wie man sie noch nie gesehen hat, und begegnet einem Denken, das dahinschweift zwischen Lachen und Erschütterung.

Spittelers Spektrum: Da gibt es auch die öffentlichen Reflexionen über Kunst und Politik, über den Umgang mit der Sprache und der Natur. Herausragend etwa der Text «Vom ‹Volk›». Er analysiert scharfäugig, wie in der Politik mit dem Wort «Volk» umgegangen wird, und man stellt verblüfft fest, dass alles, was er aufdeckt, auch heute noch geschieht. Von gleichem Rang der Vortrag «Die Persönlichkeit des Dichters». Spitteler schont seine Kolleginnen und Kollegen nicht, räumt aber zugleich mit vielen billigen Klischees auf und wirft ein wahrhaft bewegendes Licht in die zerklüfteten Seelen derer, die ihr Leben lang schreiben.

Ganz anders wieder die Reportage über die Bahnfahrt durch den Gotthard von der Anfahrt durch Schwyz und Uri bis zum verwandelten Licht am Ende der Südflanke. Der Text erinnert in seiner extremen Präzision an avantgardistische Prosastücke. Ohne poetische Aufschwünge hält er fest, was zu sehen ist und was man darüber wissen muss, und die strenge Sachlichkeit wird dabei zu einer Kunst eigener Art.

Schliesslich die Erzählungen – jede anders in Schauplatz und Intonation, als könnte er nicht schreiben ohne den Stachel eines neuen Aufbruchs. Wie es ja tatsächlich war.

Es gibt noch viel zu tun mit diesem Dichter, bei dem der höchste aller Götter, Zeus, einen Menschen auf den Lebensweg schickt mit den Worten: «Allzeit Trotz im Kopf! / Scher dich um keinen Lumpenhund und sei kein Tropf!»

Ein Querschnitt durch das Werk des einzigen Schweizer Literaturnobelpreisträgers: Carl Spitteler ist der einzige gebürtige Schweizer, der je einen Literaturnobelpreis erhalten hat: Nach mehrjähriger Kontroverse wurde ihm 1920 dieser Preis rückwirkend für das Jahr 1919 und primär für sein Werk «Olympischer Frühling» verliehen. Für Diskussionen hatte seine Brandrede «Unser Schweizer Standpunkt» gesorgt, die er 1914 gegen die Kriegsbefürworter und für die Schweizer Neutralität gehalten hatte. Diese Rede ist bis heute im kulturellen Gedächtnis wach geblieben, währen Carl Spittelers Gesamtwerk weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Zum Jubiläum haben die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Stefanie Leuenberger und die Germanisten Philipp Theisohn und Peter von Matt ein Lesebuch zusammengestellt, das einen Querschnitt durch das vielschichtige Werk des Autors bietet und sein Denken und Wirken zugänglich macht. Carl Spitteler war Dichter, Epiker, Feuilletonist, Literaturkritiker, Komponist und Zeichner. Sein Lebensnerv war die Poesie. (ass) Carl Spitteler – Dichter, Denker, Redner Ein Lesebuch. Herausgegeben von Stefanie Leuenberger, Philipp Theisohn und Peter von Matt, 470 Seiten, Nagel & Kimche erscheint am 11. März.

«Carl Spitteler – Dichter, Denker, Redner»

Ein Querschnitt durch das Werk des einzigen Schweizer Literaturnobelpreisträgers: Carl Spitteler ist der einzige gebürtige Schweizer, der je einen Literaturnobelpreis erhalten hat: Nach mehrjähriger Kontroverse wurde ihm 1920 dieser Preis rückwirkend für das Jahr 1919 und primär für sein Werk «Olympischer Frühling» verliehen. Für Diskussionen hatte seine Brandrede «Unser Schweizer Standpunkt» gesorgt, die er 1914 gegen die Kriegsbefürworter und für die Schweizer Neutralität gehalten hatte. Diese Rede ist bis heute im kulturellen Gedächtnis wach geblieben, währen Carl Spittelers Gesamtwerk weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Zum Jubiläum haben die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Stefanie Leuenberger und die Germanisten Philipp Theisohn und Peter von Matt ein Lesebuch zusammengestellt, das einen Querschnitt durch das vielschichtige Werk des Autors bietet und sein Denken und Wirken zugänglich macht. Carl Spitteler war Dichter, Epiker, Feuilletonist, Literaturkritiker, Komponist und Zeichner. Sein Lebensnerv war die Poesie. (ass) Carl Spitteler – Dichter, Denker, Redner Ein Lesebuch. Herausgegeben von Stefanie Leuenberger, Philipp Theisohn und Peter von Matt, 470 Seiten, Nagel & Kimche erscheint am 11. März.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1