Ein bisschen übermütiger als gewohnt verlässt man die Fondation Beyeler. Beschwingt und mit Lust beispielsweise, auf einem Bein zu balancieren oder auszuprobieren, ob das Glas auf der Tischkante oder die Tasche auf der Stuhllehne hält. Denn Balance und Taumel, Gleichgewicht und Leichtigkeit sind die Themen von Alexander Calder und vom Duo Fischli/Weiss.

Und selbst wer meint, die beiden Œuvres zu kennen, wird Neues entdecken. Zum einen neue Facetten der Werke, dank der gescheiten, aber zurückhaltenden Gegenüberstellung von Kuratorin Theodora Vischer. Zum anderen merkt man, dass Alexander Calder (1898–1976) in den letzten Jahren zu sehr auf die eingängigen Mobiles reduziert wurde. Wohl weil sie im Kunsthandel dominieren, sein Werk überschatten. Der Mann hatte aber viel mehr Fantasie und Gestaltungskönnen. Und geradezu herzig ist sein Frühwerk.

Der Ingenieur als Tüftler

Aber fangen wir doch hinten an: Bei Calders Mobiles. Sie waren die Entdeckung seines Lebens – aber erst ab der Lebensmitte. Hunderte hat er geschaffen. Eben nicht nur die Hänger mit ihren gerundeten Blättchen, die beim leisesten Luftzug hübsch zu drehen beginnen. Im grossen Saal zelebriert Vischer die Fülle der Variationen und Gegensätze. Neben einem filigranen Drahtstück stehen monumentale Skulpturen, deren Schwere und aufstrebende Kurven mit kleinen beweglichen Teilen konterkarieren. Die Besucherin flaniert durch diesen Wald, der Fantasie und Ingenieurwissen vereint. Denn Calder wurde nicht wie sein Vater und Grossvater Bildhauer, sondern studierte zuerst Maschineningenieur.

Selbst fixe Skulpturen – wie die zwei dicken, metallenen Kurven, die an eine Katze erinnern, – verkörpern Bewegung. Und Gleichgewicht. Das war Calders Kernthema. Wie können zwei Kurven auf dem Boden stehen? Mit welchen Widerkräften kann ein gebogener Stab sich in die Luft recken und noch Lasten tragen? Und wie bringt man das gestalterisch ins Gleichgewicht?

Calders Faszination für die Balance begann im Zirkus. Er verdiente als junger Student seine Brötchen als Zeichner für Zeitungen und Zeitschriften. Berichtete mit dem Bleistift von Zirkusaufführungen oder Filmen. Der Schwung eines Zirkuszeltes, die waghalsige Konstruktion eines Trapezes, den gebogenen Rücken eines Schlangenmenschen, die eleganten Bewegungen der Akrobatinnen skizzierte er knapp und mit dynamischem Strich. Die Zeichnungen übersetzte er mit Draht ins Dreidimensionale. Eine Menschenpyramide oder Josephine Baker als akrobatische Tänzerin wirken so kindlich wie gekonnt.

Experimente in der Küche

So fröhlich, wie Calder in den 1920er-Jahren seine Drahtfiguren bastelte, machten sich in den 1980er-Jahren Peter Fischli und David Weiss an ihre Experimente. Stühle, Besen, Gläser, Flaschen und andere Kleinigkeiten aus Küche und Putzschrank stapelten sie zu prekären Gebilden, fotografierten sie und liessen danach der Schwerkraft wieder ihren Lauf. Und nie wurde schöner ins Bild gesetzt, wie ein «Umfall», ein aus der Balance kippender Gegenstand eine Lawine auslöst, als in ihrem Film «Der Lauf der Dinge». Eine halbe Stunde dauert der aberwitzige Spuk. Zeit, die man sich beim Ausstellungsbesuch gerne nimmt.

Nicht nur Physik

Nicht nur das Ausloten des physikalischen Gleichgewichts fasziniert Theodora Vischer und liess sie die so unterschiedlichen Œuvres kombinieren. «Es sind existenzielle Werke», sagt sie – und fügt an, das klinge vielleicht zu pathetisch. Und meint doch, das Gleichgewicht zu finden, sei eigentlich unser aller Lebenswerk. «Findet mich das Glück» titelten Fischli/Weiss einst ein Buch voller Fragen. Fragen, die nun als Projektionen – den Schatten von Calders Mobiles verwandt – über die Wände der Fondation Beyeler tanzen.

Vischer findet lieber noch handfeste Gründe für ihre Kombination: Calder wie Fischli/Weiss seien Ausnahmekünstler in ihrer Zeit, bei beiden fasziniere ihr performativer Ansatz. Als Panda und Bär tapsten beispielsweise Fischli/Weiss durch die Welt und sinnierten dabei über Kunst. Ja selbst ein Garten wurde bei ihnen zum Kunstprojekt. Unweit der Fondation hat Peter Fischli, der nach dem Tod von David Weiss 2012 das Erbe des Duos weiter pflegt, wieder Kohl und Blumen angepflanzt. Mit dem Thema des Gleichgewichts habe der Pflanzblätz sehr wohl zu tun, erklärt Theodora Vischer und nennt die Gegengewichte: «Natur und Kunst, Werden und Vergehen, Freude und Nutzen …»

Gegensätze

Zwischen den Künstlern lassen sich auch Gegensätze benennen: Calder war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Avantgarde-Künstler, der eines aus dem anderen entwickelte. Nur manchmal sorgte ein Aha-Erlebnis für Schub – wie der Besuch bei Piet Mondrian, dem holländischen Maler, der den Kosmos mit Rechtecken und Quadraten in Bilder fasste. Diese geometrischen Teile könnte man doch ins Dreidimensionale bringen, sie fliegen lassen, fand Calder – zum Entsetzten Mondrians. So fand er ab 1930 zur Abstraktion, zu seinen Konstellationen aus Stäben und Kugeln. Und schlussendlich zu den Mobiles.

Fischli/Weiss experimentierten ein halbes Jahrhundert später – zeittypisch – über alle Medien- und Genregrenzen hinweg. Alltägliches schnitzten sie aus Polyurethan und vermischten so spitzbübisch High und Low oder sie bauten damit Röhren und Quader. War es ein Versuch in Minimal Art oder eher ein ironisches Zitieren? Wie auch immer. Ob aus schwerem Ton oder leichtem Kunststoff: Ihre Skulpturen sind so fest nicht. Ein kleiner Stoss liesse sie umstürzen oder vom Sockel rollen. Im Gegensatz dazu scheinen Calders fragile Drahtseiltänzer geradezu sicher über dem Abgrund zu tanzen. Ist es nicht genau dieses scheinbar leichte und spielerische Beherrschen des Gleichgewichtes, das uns so fröhlich stimmt?

Alexander Calder & Fischli/Weiss Fondation Beyeler, Riehen. 29. Mai bis 4. September.