Es gibt weder vorne noch hinten – das ist das Erste, was bei Thomas Hostettlers «Liebige» auffällt. Der Leser kann das Buch nämlich von beiden Seiten her beginnen und damit den Text entweder in Hochdeutsch oder Mundart lesen. Auf raffinierte Weise reflektiert der Zofinger Autor das Verhältnis von Standardsprache und Dialekt und zeigt, dass eines das andere nicht auszuschliessen braucht.

Trotz gleichen Inhalts sind es zwei verschiedene Texte: Je nach Variation kommen andere Konnotationen, Gefühle und Erinnerungen auf. Nicht zu vergessen der unterschiedliche Klang: Erst das laute Vorlesen eröffnet die ganze Wirkung des Buches. Es sei ein Sprechtext, erklärt der Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur. Bewusst hat er auf Kommas verzichtet: «Dort, wo es Punkte hat, findet man Zeit zum Atmen.»

Gespräche mit «Ausserirdischen»

Das Buch versammelt Briefe, die Hostettler vor vierzehn Jahren an seine ungeborenen Zwillingstöchter geschrieben hat. Manchmal ähneln sie einem tagebuchartigen Monolog, dann wieder sind sie imaginierte Gespräche mit seinen Kindern, die er liebevoll «Ausserirdische» nennt. Hostettler gibt sich als humorvoller Lehrer und erklärt detailliert, wie man das R rollt, Kirschen pflückt und richtig grüsst. I

m Wissen, dass es keine eindeutige Wahrheit gibt, stellt er philosophisch naive Sinnfragen wie: Was ist Glück? Wieso sind wir auf dieser Welt? Und was heisst oben und unten? So wird der Versuch, seinen Töchtern die Welt zu erklären, zu einer ungezwungenen Selbstreflexion über das Dasein. Die Briefe sollen seine ungeborenen Kinder auf die Welt vorbereiten, sind aber auch eine Vorbereitung des Autors selbst auf seine zukünftige Rolle als Vater.

Keine Angst vor eigener Blösse

Andeutungen, manchmal nur ein Wort oder ein Satz, erlauben es der Leserin, die dahinter verborgenen Geschichten zu erahnen, den Erzähler besser kennen zu lernen. Hostettler beschreibt alltägliche Tücken auf direkte, charmante und komische Weise, ohne Angst vor der eigenen Blösse.

Glück und Schmerz einer ersten Liebe, der Unterschied zwischen wandern und wandeln, die Schwierigkeit von Buddhas Körperhaltung und Geschirr spülen, aber auch ernstere Themen wie der Darmkrebs eines Freundes – der Text wirkt wie eine Aneinanderreihung spontaner Gedanken, die mal hierhin, mal dorthin fliessen. Dem Fluss folgend, sind die rund 80 Seiten viel zu schnell gelesen. Aber das macht ja nichts – wir können noch einmal von hinten (oder vorne?) beginnen.

Thomas Hostettler «Liebige – Liebigen. Briefe a di Ungeborene – Briefe an die Ungeborenen» 172 S., Knapp Verlag, Juni 2016.