Schauspielhaus Zürich

Brechts Antigone mit Nazi-Chor

Alles Schall und Rauch: Neben Volksbühnen-Star Sophie Rois (Zweite v.l.) gehen die anderen Schauspieler unter.

Alles Schall und Rauch: Neben Volksbühnen-Star Sophie Rois (Zweite v.l.) gehen die anderen Schauspieler unter.

René Pollesch verlustiert sich in Zürich an der Brechtschen Antigone – und liefert der Berliner Schauspielerin Sophie Rois die Bühne für einen ganz grossen Auftritt

Wie zitiert man richtig? Eine Theaterfachfrage. Sie zielt ins Herz des sechsten René-Pollesch-Abends auf der Zürcher Pfauenbühne. Pollesch hat, wir sind es uns von seinem hochironischen und sehr komischen Diskurs-Theater nicht anders gewohnt, für «Bühne frei für Mick Levčik» mal wieder wild in der Kulturgeschichte geräubert. Neben dem Nazi-Musicalfilm «The Producers», sind diesmal die Sprechakttheorie in der feministischen Färbung Judith Butlers und vor allem Bertolt Brechts Antigone-Inszenierung die Zitatlieferanten gewesen. Letztere hatte Brecht 1948, weil das Zürcher Klima für seine modernen Spielereien noch nicht gepasst hatte, am Theater Chur uraufgeführt. Einer der «grössten Flops der neueren Theatergeschichte», wie uns das Programmheft verrät.

Brechts Bühnenbild kopiert

Weil diese Inszenierung (und das drumherum ihrer Entstehung) bis ins Detail dokumentiert ist, konnte Polleschs im letzten Jahr verstorbener Bühnenbildner Bert Neumann diese merkwürdige ovale rote Binsenwand von Brechts Bühnenbildner Caspar Neher für die Pfauen-Bühne rekonstruieren. Vor ihr untersuchte das Zürcher Ensemble am Freitagabend auf Holzbänken sitzend, und um das mit Pfählen aus Pferdeschädeln eingegrenzte Spielfeld das epische Theater auf seine Gegenwartstauglichkeit. Diesem Versuch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts also, der dramatischen Handlung mittels epischem Ton und Requisiten-Entrümpelung jede Illusion zu nehmen.

Brecht, dessen Name Pollesch zu Mick Levcik verfremdet hat, denkt da nach über Brecht, aber ebenso scharf denkt Pollesch da nach über Pollesch und über seine Verwandtschaft mit diesem Theaterklassiker. Wer fühlt sich da nicht erinnert an Polleschs Hang zum Kulturschatz-Recyling, wenn Darsteller Jirka Zett neben dem Spielfeld deklamiert: «Wir müssen zitieren, damit wir weiterkommen.» Das ist sie, die Neuschöpfung, verstanden als ewige Weiterbearbeitung vorhandener Kulturleistungen.

Kaninchen und Frauenbeine

So theorielastig das klingt – die Frage «Worum geht es eigentlich in diesem Stück?» wurde wie ein Mantra wiederholt – der Abend war doch mehr eine Probe auf Praxistauglichkeit. Volksbühnenschauspielerin Sophie Rois durfte bei ihrem Zürcher Debüt im Brechtschen Vorspiel aus ihrem Berliner Winterkriegsmantel vom Kaninchen bis zu nackten Frauenbeinen allerlei absurde Zitate hervorzaubern. Das unglaubliche Organ dieser Helene Weigel des Jahres 2016 kiekste, kippte und überschlug sich dabei derart oft, dass die Rois mit ihrem scharf geschnittenen Gesicht, das eine kindische Stirnfranse keck verdeckte, zur Kippfigur des Abends wurde, an der sich die ganze postmoderne Verunsicherung abzeichnete: Darf man vom Original abweichen oder nicht? Können Brechungen Prinzipien beleben, oder hat man nur das Prinzip nicht verstanden? Entstehen Schöpfungen aus sich selbst heraus, oder schöpft man Zitate immer von anderen ab? Es war eine Wonne, dieser Frau, die Nils Kahnwald, Marie Rosa Tietjen und Jirka Zett, mühelos an die Wand spielte, beim lauten Denken zuzuhören.

Alte Frauen? Lieber Nazis!

Genauso lustvoll und frech brach auch das gesamte Zürcher Ensemble mit Brechts Distanzierungsgebot. Distanz zur Rolle? Nur in der Theorie! Auf ein zitiertes «Ich liebe dich» fielen die Schauspieler wie eine Horde Wildgewordener übereinander her. Und Polleschs Herrensprechchor («eine Tragödie»!) wollte partout nichts wissen von alten Frauenrollen und schwang stattdessen in aus dem Nazi-Musicalfilm «The Producers» entlehnten SS-Uniformen revuehaft (oder doch ironisch?) die Beine zum lockeren Stechschritt, und warf die Arme verspielt zum Hitlergruss.

Bühne frei für Mick Levčik!
Schauspielhaus Zürich.
Ab 6. April bis 30. Mai. Details unter:
www.schauspielhaus.ch

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