Rio 2016
«Brasilien, die Traumdestination»: Doch der Ort hält manche Enttäuschung bereit

Bei uns gilts als «Traumland». Beherbergt Olympia in zehn Tagen. Zurzeit aber leidet Brasilien an politischem Gezerre über gefährlich sozialem Gefälle. Rausch und Ernüchterung gehören hier indes zusammen. Kann man jetzt wieder nachlesen, neben dem ollen Sport, bei einem Kenner erster Güte.

Max Dohner
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Als Rios Strand noch kein «Traumstrand» war. Und schwarz-weiss trotzdem mehr Zauber enthielt als jede bunte «Skyline».

Als Rios Strand noch kein «Traumstrand» war. Und schwarz-weiss trotzdem mehr Zauber enthielt als jede bunte «Skyline».

©Rene Burri / Magnum Photos

Vergessen wir Brexit, Trump und Ankara – träumen wir! Von friedsamen Menschen unterm Sonnenlicht in schmeichelnden Gewändern, von Blumen um Hüfte und Haar, von ewiger Jugend bis ins lächelnde Alter – alles da, ohne die ständigen Sorgen und Plagen, in einem fernen genügsamen Land ... Das ist der süsse Teil der Geschichte.

Oder sind wir des Reisens müde auf dem Kurs von Träumen? Standen zu oft im gelobten Land, erlebten, wie sich Befremden in Trance mischte, Mühsal ins Leichte; es wurde laut, dumm und grob; statt Erfüllung sickerte Enttäuschung ein ... Das ist die bittere Geschichte.

Wer den Traum verortet, verquirlt zu einer «Traumdestination», muss sich nicht wundern, hält der Ort dann manche Enttäuschung bereit. Es ist paradox: Ohne das gelangt der Reisende auch nie bis zum Grund seines Traums. Es erfordert Mut – nach innen. Und nach aussen einen klaren Kopf, um die Enttäuschung gerecht zu verteilen: An unserer Desillusion sind nicht immer die anderen schuld. Kulturseelen stufen die Kraft zum Träumen höher ein als den Sinn für Realität. Prallen Traum und Realität aufeinander, schildern sie das oft so, als sei das blamabel nur für die Realität.

Einer hat trotzdem genau hingeschaut. Ein Schwärmer und ein nüchterner Geist. Indem er stets von beidem sprach, vom Traum und von der Ernüchterung: Hugo Loetscher, der 2009 verstorbene Schweizer Schriftsteller und Publizist. «Nur wer zu Haue bleibt, weiss, wie die Welt ausschaut», sagte er pointiert. Vor kurzem sind Loetschers Reportagen aus Brasilien erschienen. Der Sammelband trägt den Titel «Das Entdecken erfinden». Der Autor hatte die Auswahl noch mitbestimmt, ehe er sich einer komplizierten Operation am Herzen unterzog, an deren Folgen er starb.

Hugo Lötscher: Das Entdecken erfinden «Brasilien begann in Rio. Und es begann atemberaubend, ohrenbetäubend.» Sätze aus Hugo Loetschers Reportagen über Brasilien. Aktuell jetzt. Und zeitlos aktuell als Dokument unserer wirren Liebesnot zu «Traumländern».

Hugo Lötscher: Das Entdecken erfinden «Brasilien begann in Rio. Und es begann atemberaubend, ohrenbetäubend.» Sätze aus Hugo Loetschers Reportagen über Brasilien. Aktuell jetzt. Und zeitlos aktuell als Dokument unserer wirren Liebesnot zu «Traumländern».

Brasilien war für Loetscher Geistessphäre und Wirklichkeit. Realer Traum im Rahmen geträumter Biografie. Beides verflocht sich so sehr, dass Loetscher seine Erfahrung sogar in den Dienst stellte, um ein nie gelebtes Leben damit auszustaffieren: Im Roman «Wunderwelt» lässt er Fatima, ein früh verstorbenes Mädchen, wieder teilhaben am Leben. Und das Leben wird, was es im Grunde ja immer ist: eine Hymne und eine Elegie. Während einer Reise stand Loetscher vor Fatimas mit Krepppapier ausgeschmückten Sarg – und wusste, wie sein nächstes Buch ausfallen würde: «Erzählend wollte ich dem Mädchen zurückgeben, was ihm schon immer gehörte.»

Mag sein, dass manche dieses Gefühl bei sich selber kennen: dass ihnen Leben im Wesentlichen vorenthalten wird. Mag sein, dass es deshalb Erzählungen, Reportagen, Romane gibt. Vom «gold’nen Überfluss der Welt» (Gottfried Keller) hat man am Ende merkwürdig wenig, empfindet eher Mangel als «Überfluss». Wie soll da ein Land nicht zum Traum werden, das exemplarisch für «gold’nen Überfluss» steht? An Hautfarben, Tanz und Musik, Landschaft und Meer, an Bodenschätzen und Geschichte. Brasilien!

Loetscher ist Liebhaber von der ersten Stunde an. Nicht bloss überwältigt, als er in Rio ankommt, auch durchströmt, gepackt, erfüllt und befreit. Seine Liebe zu Brasilien hat einen stark utopischen Zug, ist unterlegt vom Gesellschaftstraum, dass alle Leute, gleich welcher Herkunft, zusammenleben können und jeder das Seinige zum Ganzen beiträgt. Loetscher ist da ganz Schüler von Brasilienschwärmern vor ihm, ausländischen wie einheimischen, darunter Stefan Zweig.

Wie Loetscher dann den Wandel dieser Begeisterung beschreibt, ist ein seltenes Beispiel, wie man intellektuell redlich und «treu» zu seinem Gegenstand und erwählten Land bleiben kann und diese Redlichkeit allmählich einfach ausweitet auf kühle Beobachtung. Wissen, Bildung und absolute Stilsicherheit helfen sehr gegen ideologische Scheuklappen. Loetscher bewies Mut, denn er handelte sich wegen seines unvoreingenommenen Blicks als Intellektueller zu jener Zeit eine gewisse Einsamkeit ein.

Hugo Loetscher, der Reporter von damals, mochte seinen Traum geschmälert sehen durch die Realität. Für einen Reporter heute aber ist seine damalige Arbeitsrealität der schiere Traum. Loetscher hatte in Brasilien – nicht immer, aber oft – mehrere Monate lang Zeit für seine Reportage. Er wurde begleitet von einem Magnum-Fotografen wie René Burri. Und er bekam danach, fürs Schreiben, eine ganze Zeitung («Weltwoche», als die noch Zeitung und kein Heftli war) oder ein Magazin («Du»). Traumzustände! Aber wie so oft: Das Nächstliegende am «Überfluss» sieht man nicht.

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