Theater

Binge-Watching geht jetzt auch im Theater: Eine Theater-Serie am Luzerner Theater machts vor

Zwischen Kathrin (Antonia Meier) und Konni (André Willmund) kochen die Emotionen hoch in Folge zwei in der Spielstätte Box des Luzerner Theaters.

Zwischen Kathrin (Antonia Meier) und Konni (André Willmund) kochen die Emotionen hoch in Folge zwei in der Spielstätte Box des Luzerner Theaters.

Am Luzerner Theater ist eine Serie angelaufen, die auch auf Netflix Kultpotenzial hätte. Was das Theater dem Fernsehen voraushat.

Theaterliebhaber und Serienfreaks leben gar nicht auf so unterschiedlichen Planeten: Beide lieben es, in der Gemeinschaft Erfahrungen zu machen und sich mit Exklusivwissen in einem Zirkel aus Kennern zu bewegen. Warum die einen beim Thema Serie die Nase rümpfen, die anderen beim Wort Theater ratlos die Achseln zucken, ist die traurige Konsequenz festgeschnürter Konventionen.

Logisch, bei seriellen Materialschlachten à la «Game of Thrones» wird das Theater immer den Kürzeren ziehen. Es kann Götter beschwören, seelische Brocken wälzen. Kriege aber werden immer eher im Innenleben der Figuren stattfinden als im Draussen. Man kann eine Theaterwerkstatt schliesslich nur beschränkt Ritterrüstungen bauen lassen – irgendwann sind die Subventionsgelder aufgebraucht.

30 Uraufführungen in eineinhalb Monaten

Trotzdem funktionieren Serien auch im Theater. Star-Regisseur René Pollesch hat schon in jungen Jahren serielle Arbeiten produziert, auch in Luzern, wo nun Franz von Strolchen (bürgerlich: Christian Winkler) mit seiner sechs Staffeln und 30 Folgen langen «Taylor AG»-Serie ein in seinem Umfang beispielloses Vorhaben gestartet hat: 30 Uraufführungen auf der Grundlage von 500 Seiten Text in eineinhalb Monaten. Dass man nicht sieben, sondern nur fünf Folgen pro Woche zeigt, liegt einzig am Arbeitsschutz, den der GAV den Schauspielern gewährt.

«Ich bin gespannt, in welchem Zustand wir uns in Woche fünf befinden werden», so der Regisseur. «Entweder werden wir uns alle hassen, oder es entsteht eine Energie, die zu flirren beginnt.»

Die ersten zwei gut einstündigen Folgen wurden am 27. Februar in der Luzerner Spielstätte Box abgespielt, und schon jetzt hat man die Charaktere Konni (André Willmund), Stefan (Lukas Darnstädt) und Kathrin (Antonia Meier) ins Herz geschlossen.

In einer Kreuzung aus Schullagerhaus und Indoor-Golfanlage (Bühne: Jens Burde) sitzen sie im Stil einer Sitcom zusammen, debattieren, streiten und langweilen sich. Der Grund: Die Taylor AG, eine künstlich intelligente Firma, welche der Menschheit in einer nahen Zukunft alle Arbeitslasten abgenommen hat, braucht Ideen. Also zwingt die unkreative künstliche Intelligenz (KI) die Menschen einmal pro Jahr für dreissig Tage in Arbeitsgemeinschaften. Jeden Tag müssen Konni, Stefan und Kathrin eine neue Idee abliefern, damit die KI ihr Repertoire zur Weltverbesserung erweitern kann.

Aus einer Art Flughafen-Koffer-Schranke purzeln Essen, Kopfwehtabletten und in jeder Folge auch ein echter Experte auf die Bühne, der den Schauspielern beim Brainstorming hilft. Das ironische Stück über Selbstausbeutung (auch im Theater) klingt nicht nur so zeitgeistig wie heutige Qualitätsserien – man denke an die britische Serie «Black Mirror», welche die dunkle Seiten moderner Technologien verhandelt – sie ist es auch. In Luzern läuft zum Soundtrack der Liveband Blind Butcher ein verpixeltes Intro über die Wand, das aus dem Hause Netflix kommen könnte.

Vorwissen braucht man als Zuschauer nicht. Verpasste Folgen sind via Stream online verfügbar, die Eintrittspreise noch billiger als im Kino (15 Franken). Und wer will, kann sich beim Kauf einer «Stageflix»-Flatrate alle 30 Folgen für lächerliche 60 Franken anschauen.

Siebeneinhalb Jahre Proben sind unmöglich

Hätte von Strolchen seine Theater-Serie im Zeitfenster eines Theaters produziert, wo man sieben bis acht Wochen für eine Inszenierung probt, hätte das siebeneinhalb Jahre gedauert. Weil das nicht geht, sprechen die Schauspieler den Text täglich in vier bis sechsstündigen Proben ein, um ihn abends wie Simultanübersetzer über Ohrknopf nachzusprechen.

Das gibt dem Spiel eine Freiheit, die auch der französischer Filmstar Gérard Depardieu schätzt. Statt Texte zu lernen, klebt er seinen Filmpartnern Zettel an die Stirn oder lässt sich den Text übers Ohr einspielen. Diese experimentelle Ebene hat die Theater-Serie der Film-Serie, deren Dreh normalerweise straff organisiert ist, klar voraus. Ein weiteres Plus: Die Experten, ohne Schauspielerfahrung, die den fiktiven Raum des Theaters mit der Lebensrealität verbinden.

Und noch was klappt im Theater einfach besser: Auf Schnee zu warten wie bei den Dreharbeiten zur SRF-Serie «Wilder» braucht man nicht. Dafür reicht im Theater einfach die Fantasie.

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