Theater
Bettina Oberli vor Premiere: «Ja, mich hat das Theaterfieber gepackt»

Die Filmregisseurin Bettina Oberli bringt Leo Tolstois Liebesdrama «Anna Karenina» in Basel auf die Bühne. Kurz vor der Premiere spricht sie über Liebe und Politik bei Tolstoi,die Sehnsucht in ihren Filmen und die Angst vor der ersten Aufführung.

Anna Ospelt
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«Ich wollte es machen, weil es so anders ist.» Bettina Oberli ist für Überraschungen bekannt.

«Ich wollte es machen, weil es so anders ist.» Bettina Oberli ist für Überraschungen bekannt.

Anita Affentranger

Bettina Oberli, Sie inszenieren als Filmregisseurin erstmals ein Theaterstück – am Tag der Premiere kommt der theatral inszenierte Kinofilm «Anna Karenina» von Joe Wright auf DVD heraus. Ist das ein glücklicher oder unglücklicher Zufall?Bettina Oberli: Ich weiss vom Film, aber ich bin sicher, das Filmteam weiss nicht, was ich mache. (lacht) Nein, ich glaube überhaupt nicht, dass sich das beisst oder dass das für uns schwierig sein könnte, es ist ja wirklich etwas anderes. Als wir vor einem Jahr entschieden, dass wir dieses Stück realisieren, wussten wir nicht, dass im Winter ein Karenina-Film in die Kinos kommen würde.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie am Theater Basel Regie führen?
Ich wurde angefragt. Zuerst habe ich abgesagt, weil es so anders ist, und dann habe ich gemerkt: Ich will es machen, weil es so anders ist. Ich merke, dass es Einfluss auf meine weitere Arbeit im Film haben wird.

Wie wird sich die Theaterarbeit in Ihren Filmen widerspiegeln ?
Ein grosser Unterschied zwischen Theater und Film ist ja, dass hier beim Film alles an einem Stück entsteht. Man muss völlig anders vorgehen. Während man beim Film zeitlich durcheinander dreht, arbeitet man im Theater kontinuierlich, man kann in Ruhe Bögen schlagen, die man beim Film erst im Schnitt erkennt. Es ist eine gute Erfahrung zu sehen, dass man nicht jeden Satz einzeln filmen muss.

Was ist anders am Theateralltag?
Es beginnt damit, dass ich hier Teil einer Gruppe bin und viel näher mit den Schauspielern zusammenarbeite. Beim Film habe ich das Gefühl, dass die Schauspieler mir ausgeliefert sind. Im Theater bin ich den Schauspielern ausgeliefert. (lacht) Die ganze Technik fällt weg und die Konzentration auf das Schauspiel ist wesentlicher. Diese pausenlose Konfrontation ist auch sehr anstrengend, man muss ständig kommunizieren und kann nicht einfach sagen, dass sich das im Schnitt klären wird. Ich rede eigentlich den ganzen Tag. Abends falle ich todmüde ins Bett.

Sind Sie vom Theaterfieber gepackt?
Ja. Ich geniesse es enorm, dass man ein sehr schnelles Resultat hat. Ich kann instinktiv arbeiten, spüre den unmittelbaren Ausdruck, schnelle Ideen und Stimmungen fliessen ein.

Folgen Sie einem Theatertrend?
Ich habe das Gefühl es gibt eine Tendenz von sehr lautem Theater. Und ich merke, dass man «Anna Karenina» sehr fein inszenieren kann. Ich hoffe, dass es funktioniert.

Was ist Ihre Erklärung dafür, dass Tolstois «Anna Karenina» aktuell so häufig genutzt wird?
Ich glaube, das liegt daran, dass ein sehr modernes Dilemma verhandelt wird. Und zwar unter der Frage: «Welches Leben soll ich führen.» Diese Frage hat den Roman auch so modern gemacht.

Wie sieht die Heldin, Anna Karenina, in Ihren Augen aus?
Anna Karenina steht zwischen ihrem Ehemann Karenin, dem Liebhaber Wronski und ihrem Sohn. Sie kann nicht den einen haben, ohne den anderen zu verlieren. Anna Karenina ist nicht lieblich, aber abhängig. Sie ist eine Frau, die grosse Kraft hat und die möchte, dass sich etwas verändert. Gleichzeitig ist sie paralysiert. Von ihrer inneren Kraft her ist sie absolut auf Augenhöhe mit ihren Männern. Aber weil das von ihnen nicht ausgehalten wird, scheitert sie. Es ist nicht die Schuld von ihrem Liebhaber, er liebt sie wirklich sehr. Aber der Preis, den sie zahlen muss, um mit ihm zusammen zu sein, ist einfach so hoch. Er hat keine Chance, das aufzuwerten.

Tolstois Roman umfasst 1200 Seiten. Wie sind Sie mit dieser Fülle umgegangen?
Ich habe den Roman nun zum dritten Mal gelesen und er ist einfach wunderbar. Er lebt von so viel Sinnlichkeit, pausenlos werden Emotionen verhandelt und reflektiert, dem kann man eigentlich nicht gerecht werden. Wir haben uns für Armin Petras dramaturgische Fassung entschieden. Sie ist eine Reduktion auf die Frage, wie man sein Leben führen will. Die Figuren haben sich für etwas entschieden und sie verteidigen das Lebensmodell, das sie gewählt haben. Ich finde diese Fassung deshalb passend, weil sie einen klaren, formalen Rahmen schafft, bei dem ich das Gefühl hatte, dass ich ihn emotional füllen kann, ohne dass es zu viel wird.

Tolstoi war ein sehr politischer Autor. Fliesst das in Ihr Stück ein?
Politisch ist es erst auf den zweiten Blick. Wir versuchen auch nicht, moderne Revolutionen mit einfliessen zu lassen. In unserer Fassung sind die Figuren in einer wartenden Haltung, weil sie spüren, dass es so nicht weitergeht. Es geht um Leute aus der Bourgeoisie, deren private Geschichten auseinanderfallen. Diese privaten Brüche sind ein Spiegel von etwas Grösserem, das auseinanderbricht. In diesem Sinn bekommen sie etwas Globales.

Im Roman werden verschiedene Liebesmodelle ausgehandelt. Kommen diese Modelle auch im Stück vor?
Es geht beim Stück klar um diese vier Liebesmodelle. Das ist eine Essenz aus dem Roman. Die resignierte Ehe von Dascha und Stefan, die unglückliche von Karenin und Anna plus das Dreieck. Und schliesslich jene von Kitty und Lewin. Die hat auf eine Art etwas Arrangiertes, aber am Ende ist das die glücklichste Liebe. Ich denke, das hat damit zu tun, dass sie ehrlich sind. Ich glaube, es war der Anspruch von Tolstoi, zu sagen, dass der Mensch glücklich werden kann, wenn er ehrlich ist.

Auch in Ihrem Spielfilm «Die Herbstzeitlosen» geht es um Frauen, die ihren Weg gehen und mit der gesellschaftlichen Kontrolle in einem kleinen Dorf im Emmental in Konflikt geraten. Sehen Sie Parallelen?
Ich glaube, in all meinen Filmen geht es um Sehnsucht, das Bedürfnis nach Wurzeln und Zugehörigkeit, was in einem grossen Konflikt steht mit Weggehen, Freiheit, sich selber sein zu können. Es ist etwas, was man sehr gut nachvollziehen kann, ich glaube, das kennen viele Leute.

Im Herbst kommt Ihr neuer Film «Lovely Louise» in die Kinos. Um was geht es dort?
Es ist eine tragisch lustige Geschichte, die davon handelt, wie man irgendwann seine Eltern verlassen muss. Stefan Kurt spielt einen erwachsenen Sohn, der noch immer bei Mama wohnt – bei Lovely Louise, die von Annemarie Düringer gemimt wird. Sie hat bei den «Herbstzeitlosen» die Dame mit dem Hut gespielt. Annemarie Düringer und Stefan Kurt sind ja auch Theaterschauspieler.

Morgen ist die Premiere von Anna Karenina. Dann müssen Sie einfach loslassen.
Ja, das ist nicht so einfach. Ich glaube, ich komme dazwischen immer wieder her und schaue mir das Stück an. (lacht) Man sagt mir, ich wirke immer sehr ruhig, aber es ist für mich ein wahnsinniger Druck. Gleichzeitig denke ich, es darf nicht sein wie bei einer Filmpremiere, wo ich das Gefühl habe es geht um Leben und Tod. Ich kann nichts verlieren, es ist eine Chance für mich.

Theater Basel »Anna Karenina»

Premiere: Do 11. April, 20 Uhr. 13 Vorstellungen bis 25. Mai. www.theater-basel.ch