Lenzburger Altstadt

Begegnungen anstelle von Autoschlangen

Hochbepunktete Gourmetköche, designtes Lounge-Dekor, moderne Epochen-Fusion-Architektur. Seit der Verkehr aussenrum fliesst, gehts mit der Lenzburger Altstadt aufwärts.

Fritz Thut

Gestärkt mit Papardelle an Badener (!) Trüffeln aus der «Hirschen»-Küche gehts auf den Marktbummel in der Lenzburger Rathausgasse.

Zweimal wöchentlich kann man sich hier, im Herz der Lenzburger Altstadt, aus erster Hand mit Blumen, Gemüse und weiteren Lebensmitteln eindecken.

Gleich vis-à-vis werden feine Käse aus dem Rolf-Beeler-Sortiment angeboten. Den würzigen Limberger aus Belgien gibts zwar seit dem Frühjahr nicht mehr, dafür sonst zahlreiche Spezialitäten aus Rohmilch.

Hochkaräter rücken nach

Am andern Ende der kopfsteingepflästerten Gasse wird das Znacht mit Pasta, Oliven und Wildsausalami vervollständigt. Billig ist das Ganze nicht - dafür passts zur Lenzburger Altstadt und zu ihrem Filetstück, der Rathausgasse.

Anders als in andern Aargauer Stadtkernen zeigen hier die Indikatoren nach oben: Zieht ein neues Geschäft ein, ists in der Regel ein hochkarätigeres als der eingegangene Vorgänger. Der Mix ist interessant. Man findet Läden für Uhren, Kleider, Blumen, Schreib- und Haushaltwaren ebenso wie mehrere Apotheker und Optiker.

Nur die «Chnelle» fehlt

Mangelware sind höchstens Artikel des täglichen Bedarfs, doch erreicht man in bequemer Marschdistanz einen Metzger und - etwas weiter weg - einen Bäcker. Esswaren findet man - ausser dienstags und freitags auf dem Markt - bereits verarbeitet in den zahlreichen, teils hoch dekorierten Restaurants.

Lounges und Bars gibts auch. Und davon immer mehr. Doch: «Es fehlt eine ‹Chnelle› und etwas für die ganz Jungen», wirft der Fotograf ein, der die örtliche Szene kennt. Dort, wo für ein paar Delikatessen auf dem Markt schnell ein Hunderter weg ist, gibt es (noch) kein Angebot für jene, deren Stiftelohn oder Sackgeld keine grossen Sprünge zulässt. Oder für jene, die einfach schnell eine Stange kippen wollen, ohne einen Blick auf designtes Interieur werfen zu müssen.

Dort, wo es nun feine Oliven aus dem ganzen Mittelmeerraum zu kaufen gibt, rasten bis 2005 Autos und Lastwagen aus ganz Westeuropa durch. Durchschnittlich 16 000 Motorfahrzeuge wurden pro Tag gezählt. Mit der Eröffnung der Kernumfahrung am 2. Dezember 2005 wurde der Startschuss zur Belebung der Altstadt gegeben.

Statt Transitverkehr gibt es hier nun eine erweiterte Begegnungszone. Statt sie an die Altstadtperpherie zu verbannen, dürfen die Autos hier mit höchstens 20 Stundenkilometern verkehren und müssen vortrittstechnisch hinter den Fussgängern zurückstehen.

Damit wurde fortgeführt, was 1990 begann, als man die Rathausgasse auf Niveau auffüllte, pflästerte und ganz autofrei machte.

Vorbild für andere

Beim Pasta-Stand steht das Haus am Durchbruch. Dieser Bau wurde modernst saniert; historische Bausubstanz wurde mit zeitgemässer Architektur verbunden. Das Haus machte den Auftakt einer noch nicht beendeten Sanierungsreihe. Dominosteinmässig werden die Altstadtliegenschaften aufgemotzt und teilweise neuen Bestimmungen zugeführt.

An der Eisengasse, auf der Rückseite der Rathausgasse, entstehen «exklusive» Wohnungen, die die Form der Stadtmauerzinnen übernehmen. Sind alle ehrgeizigen Pläne umgesetzt, soll die Lenzburger Altstadt endgültig zum Bijou mutiert sein; Lokalpatrioten träumen schon vom Wakker-Preis.

Doch was nützen alte Häuser, die mit moderner Architektur kombiniert sind, wenn sie tot sind. Doch auch da ist Lenzburg vorbildlich. Die Stadtbehörden unternehmen vieles, um die Altstadt zu beleben. Im letzten Monat beschrieb die «Berner Zeitung» diesbezüglich Lenzburg als Vorbild.

Vor Ort wird es einigen schon bald zu bunt: Gaukler-, Jugend- und Oktoberfest, Beachvolleyball und Buspulling locken viele Leute in die Altstadt. Und die sollen später wieder kommen, um das Gewerbeangebot zu nutzen.

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