Comic

Basels kultigste Wichtelfrau ist 40 Jahre alt

Anna-Regula Hess’ Kinderbuch über die «BRZPF» ist ein Klassiker – und ein Stück Basler Zeitgeschichte

Es gibt Bücher, die nie gross besprochen wurden und in keiner Bestenliste auftauchten. Sie wurden aber über die Jahre und Jahrzehnte hinweg beharrlich gelesen, geschätzt und verschenkt. Und manchmal wachsen diese Bücher, werden zu eigentlichen Klassikern. Ein solches lebhaftes Schattendasein führt seit seinem Erscheinen im Jahr 1980 das Buch «BRZPF» von Anna-Regula Hess, ein Basler Kult-Kinderbuch und Comic.

Ein höchst lebhaftes Schattendasein führt auch seine Heldin, die viele Jahrhunderte alte Wichtelfrau mit dem Nonsens-Namen BRZPF. Sie lebt versteckt im Münster und bringt mit anarchischen Interventionen Leben in die sandsteinerne, gotische Kirchenwelt: Mal verwandelt sie den Münsterplatz mit einem Gartenschlauch über Nacht in eine Eiskunstbahn – damals noch ein Parkplatz, auf dem am nächsten Morgen die Autos ineinander krachen. Mal fährt sie auf dem Dach des Stadttheaters Skateboard. Im Winter baut sie vom Kirchendach eine Schneerutschbahn auf den Münsterplatz, im Sommer hängt sie die Wäsche am Seil der Fähre auf.

Für Kinder sind solche Geschichten zeitlos. Mit etwas historischem Gespür lässt sich den Geschichten aber ihre Entstehungszeit ablesen: Skateboards waren 1980 neuste Mode, auch das Theatergebäude von Schwarz & Gutmann mit dem markanten gebogenen Dach stand damals erst wenige Jahre. Wenn BRZPF den Münsterplatz in eine «Botschauti»-Bahn verwandelt oder ihn in einer späteren Geschichte mit Bäumen gegen Autos bepflanzt, spiegeln sich die Anfänge der grünen Bewegung und des Feminismus.

Witzige Anspielungen

Antiautoritär kämpft die Rebellin im kleinen Mäntelchen gegen den unfreundlichen Stadtgärtner, der den Kindern deren Fussball weggenommen hat. Zum Clinch mit dem üblen Gärtner führt auch, dass sie den Kreuzgang mit befreundeten Kleintieren bevölkert.
In diesen witzigen Anspielungen spiegelt sich neben der Entstehungszeit von «BRZPF» auch der Charakter seiner Schöpferin: Anna-Regula Hess, Jahrgang 1942, muss eine vielseitige, originelle und humorvolle Person gewesen sein. Die studierte Juristin arbeitete allerdings nicht in diesem Beruf, sondern als Spielgruppenleiterin – und zeichnete neben «BRZPF» auch das Buch «Heimliche Untermieter», das zusammen mit ihrem Ehemann Jörg Hess, dem später berühmt gewordenen Zoologen, entstanden ist. Gewohnt hat das Ehepaar am unteren Mühleberg, mit Blick auf den Rhein – und nahe beim Münster.

Anna-Regula Hess ist 2012 gestorben. Ihre Tochter Sophie Hess Hügin, zur Entstehungszeit von BRZPF ein Kind, erinnert sich jedoch noch gut daran, wie neben dem Stadtgespräch auch Themen des familiären Lebens in die Bildergeschichten einflossen: bei einem Drama um Schuldiktate, die BRZPF im Buch dann kurzerhand stiehlt und zerkleinert. Die Meerschweinchen und Schildkröten, die unter der Obhut der Wichtelfrau zwischenzeitlich im Kreuzgang leben, seien die Familienhaustiere gewesen. In einer späteren Geschichte lernt BRZPF schliesslich einen männlichen Wichtel kennen, den bärtigen Üinz – dieser sei ihrem Vater nachempfunden, so die Tochter. Ihre Mutter sei sehr wissbegierig gewesen und habe Dinge sehr schnell und mit grosser Genauigkeit aufgefasst.

Zirkus mit Münsterfiguren

Dies kann man den äusserst sorgfältig komponierten und fein schraffierten BRZPF-Zeichnungen ablesen. Politische Themen hätten sie interessiert, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppierung sei aber nicht ihre Sache gewesen. Auch das spiegelt sich im Buch: Denn einerseits spielt die Solidarität mit allen Kleinen und Aussenseitern eine grosse Rolle – seien es Tiere, Kinder oder Flusswichtel. Andererseits bleibt BRZPF bei allem Aktionismus eigensinnigen Impulsen treu, veranstaltet Zirkusvorstellungen mit den Münster-Figuren und freut sich diebisch darüber, als es ein von ihr im Münster inszenierter Geisterspuk bis in die Zeitung schafft.

In der Zeitung hatte auch «BRZPF» selbst ihren Ursprung: 1978 in der Basler Gratiszeitung «Doppelstab», in der die Bildergeschichten ein Jahr lang wöchentlich erschienen sind. Diese Aufteilung in Wochen-Kapitel hat sich auch in der Buchversion erhalten, ebenfalls die Gliederung nach Jahreszeiten. Sophie Hess Hügin erinnert sich, wie das Buch im charakteristisch länglichen Format im Kreis der Familie hergestellt wurde, indem man die Seitenstapel gemeinsam sortierte und in die grosse Ringbindung legte.

Warum Anna-Regula Hess später keine weiteren Kinderbücher gezeichnet hat? Die Tochter berichtet, dass die Mutter kurz darauf eine Ausbildung zur Logopädin gemacht und ihr der Beruf kaum noch Zeit für grössere Nebenprojekte gelassen habe. Ausserdem habe ihre Mutter immer gerne neue Sachen ausprobiert.

Verkauft wurde das Buch jahrelang an einem Stand an der Herbstmesse, wo sich auch eine BRZPF-Puppe mit Kapuze und ledernen Entenfüssen fand – hergestellt von Anna-Regula Hess selbst. So ist BRZPF in die Ikonografie des Basler Gedächtnisses eingegangen; eine Weile gab es auch eine Fasnachtsclique, die sich nach der Wichtelfrau benannt hat, in Mäntelchen und mit BRZPF-Larven.

Später vergriffen, entschied sich die Familie vergangenes Jahr zu einer Neuauflage, sodass das Buch heute wieder im Buchhandel erhältlich ist; und passend auch im Shop des Münsters. So ist das Buch für neue Generationen neuer Leser zu entdecken – lang lebe BRZPF!

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