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Basel, die neue Hauptstadt für Galeristen?

Unter den Brücken: Die neue Galerie Vitrine am Vogesenplatz steht an einem aussergewöhnlichen Ort.

Unter den Brücken: Die neue Galerie Vitrine am Vogesenplatz steht an einem aussergewöhnlichen Ort.

Es fällt auf: In Basel öffnen immer wieder neue Kunstgalerien. Wird Basel Zürich den Rang als Galeristen-Hauptstadt ablaufen?

«Wir hausen unter der Brücke», grinst Lea Whinyates Hess, Associate Director der «Vitrine» in Basel. Die Galerie wurde am 1. April von der Londonerin Alys Williams am Basler Vogesenplatz eröffnet. Rund um zwei Brückenpfeiler steht ein knapp 45 m2 kleiner, gläserner Pavillon, ein enger, doch attraktiver Ausstellungsraum. Von allen Seiten kann man in den gläsernen Raum hinein- und hindurchblicken. Darin liegt zweifellos die eigenartige Qualität des Raumes. «Die Ausstellungen werden so konzipiert, dass der Betrachter auch von aussen die beste Perspektive auf die Werke erhält», erklärt Whinyates Hess das Galeriekonzept. «Der Raum erhält damit mit dem Platz davor eine wichtige Erweiterung.»

In London befindet sich der eigentliche Hauptsitz der Vitrine Gallery. Warum Alys Williams an diesem Ort, in dieser Stadt, einen weiteren Standort eröffnet hat? «Hier können wir unsere Ideen, unser Galeriekonzept optimal anwenden», erklärt Whinyates Hess. «Der Raum und der Standort sind einmalig. Einiges ist in Bewegung hier.»

Zürich im Umbruch

Doch die «Vitrine» ist nicht alleine. Seit einiger Zeit eröffnen immer wieder neue Galerien in der Stadt am Rheinknie. Dabei gilt ja Zürich als eigentliches Zentrum der Galerien. Ist eine Trendwende auszumachen?

In Zürich gilt das Löwenbräu-Areal gemeinhin als Brennpunkt der Galerieszene. Francesca Pia, Hauser & Wirth oder die Galerie Eva Presenhuber verkaufen dort – alles Galeristen mit internationaler Reputation. Auch die Kunsthalle und das Migros-Museum für Gegenwartskunst befinden sich auf dem Areal. Doch der Galerist Jean-Claude Freymond-Guth glaubt, einen Wandel festzustellen: «Vor ein paar Jahren wohnten dort im Kreis 5 Künstler und Studenten. Heute ziehen die nach Schwamendingen oder Altstätten hinaus. In Zürich West leben fast nur noch Expats.» Für eine Galerie brauche es jedoch ein attraktives Umfeld, bemerkt der Galerist. «Ich suche eine Stadt mit vielen Freiräumen, eine Szene, die Umbrüche fördert und fordert.» Genau dies glaubt er in Basel gefunden zu haben. Zeitgleich mit der Art Basel wird Freymond-Guth eine neue Galerie eröffnen. Seine Galerie im Löwenbräu-Areal wird er hingegen schliessen. Auch die jungen Galeristen Oskar Weiss und Oliver Falk erhoffen sich in Basel mehr Dynamik. Seit dem Frühjahr betreiben sie an der Rheingasse die Galerie Weiss Falk.

Argumente für Basel

Ob Basel je Zürich als Galerienstadt den Rang ablaufen wird? «Einen Trend auszumachen ist schwierig», betont Freymond-Guth. Doch gibt es einige handfeste Argumente, die für Basel sprechen: «In Zürich sind im Moment die Mieten sehr viel höher als in Basel», erklärt Lea Whinyates Hess. «Zudem gibt es hier mehr attraktive Leerräume.» Auch Weiss und Falk bestätigen dies. «Es war überhaupt der erste Raum, den wir angeschaut haben», erzählt Weiss. «Ein Glücksfall. Das wäre in Zürich schwieriger.» Von einer glücklichen Fügung spricht auch Freymond-Guth. Seine Galerie eröffnet in den 800 m2 grossen, ehemaligen Lagerräumen der Basler Denkmalpflege, genau gegenüber der Art Basel. Er betont aber auch: «Nur weil Herzog & de Meuron, die Besitzer der Liegenschaft, für die Anliegen von Galeristen sensibel sind, können wir das Gebäude zu idealen Bedingungen ausbauen und betreiben.»

Auch die Kunstaffinität einer Szene scheint also für die Standortwahl wichtig. «Aus finanzieller Hinsicht wäre es zwar vielleicht interessanter in Monaco eine Galerie zu eröffnen. Aber das ist nicht das, was ich suche. Basel hat eine lange Tradition, wenn es um Kunst geht. Man denke zurück an die Geschichte mit den Picassos. Damals, Ende der Sechziger, als sich die Baslerinnen und Basler für die Kunst stark gemacht haben. Diesen Geist suchen wir.» Aber auch das immense Kulturangebot macht Basel für Galeristen interessant.

Neben der Art Basel ist gerade für junge Galerien auch die «Liste», die Messe für junge Kunst, sehr wichtig. Auch das Kunstmuseum mit dem Erweiterungsbau, das Schaulager, das Museum Tinguely, die Kunsthalle oder die Fondation Beyeler mit der erwarteten Vergrösserung sind Trümpfe. Das zieht viele Kunstinteressierte, Sammler und damit potenzielle Käufer an.

Standort nur sekundär

Diego und Gilli Stampa betreiben seit Ende der Sechzigerjahre die Galerie Stampa am Spalenberg. Er betont: «Diese Museen stellen auch Künstler aus, die an der Art Basel vertreten sind und damit zum aktuellen Kunstmarkt gehören.» Für Lea Whinyates Hess sind aber auch die Fachhochschule für Gestaltung und Kunst auf dem Dreispitz oder der Kunstbetrieb in Münchenstein wichtige Standortfaktoren. «Dadurch bin ich am Puls der Zeit. Dort kann ich neue Tendenzen erspüren und komme mit vielen Kunstschaffenden in Kontakt.»

Oskar Weiss relativiert jedoch: «Der Standort ist heute für Galerien nicht mehr so wichtig wie auch schon. Heute geschieht mehr auf dem internationalen Parkett; den Messen und im Internet.» So werden auf die Dauer wohl Zürich wie Basel attraktiv bleiben. «So gross ist der Unterschied nicht zwischen den beiden Städten», glaubt Weiss. «Natürlich gibt es Differenzen. Doch hindern mich diese nicht daran, das Ganze als Einheit zu versehen. In 50 Minuten ist man mit dem Zug in der anderen Stadt.»

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