Fangen wir weit vorne an, 1983, in der Kunsthalle Basel. So perplex wie damals stand ich seither nie mehr in diesem Treppenhaus. Der Grund: Männerbeine. Die ersten weit über dem Kopf, weitere auf Augenhöhe, dominierten sie den Raum. Übergross, schwarz-weiss, einzeln, auf weissem Grund, porentief, buchstäblich haargenau. So naturalistisch die kräftigen Oberschenkelansätze, so realistisch die Kniescheiben sich in ihren verschiedenen Stellungen präsentierten, auf mich wirkten diese Beine nicht nur wie Körperteile, sondern auch wie abstrakte Formen, zusätzliche, schlichte Säulen im klassizistischen Bau und gleichzeitig plastisch wie barocke Kunst am Bau. Ihre Wirkung erhielten diese Beine, die eigentlich «Knie» hiessen, durch die krasse Beschränkung, den Ausschnitt. Kannte man Ähnliches aus der Kunstgeschichte? Nein, ausser vielleicht bei Alberto Giacomettis so skurrilem wie erschütterndem «Arm».

Für den 1944 geborenen Fotografen Balthasar Burkhard war die Ausstellung in der Basler Kunsthalle der Beginn einer erfolgreichen Künstlerkarriere. Er deklinierte damals in Serien den menschlichen Körper. «Der Ellbogen» steckte in einem abgewinkelten Rahmen, «Der Arm» streckte sich über mehrere Rahmen in die Länge. Prunkstücke der damaligen Ausstellungen waren zwei monumentale, liegende Rückenakte. Doch trotz ihrer eindrücklichen Länge von neun und dreizehn Metern haben sie in meinem Gedächtnis keinen Eindruck hinterlassen. Warum? Weil mich Frauenakte weniger interessierten? Nein: Weil sie gängiger waren.

Von oben und von vorn

Die «Knie» sind jetzt im Fotomuseum Winterthur tatsächlich als Säulenreihe präsentiert. Ausgestellt sind in dieser Retrospektive auch all die anderen berühmten Serien von Balthasar «Balz» Burkhard, die er zwischen 1983 und seinem Tod 2010 geschaffen hat: Monumentale Wolken, Bäume, Architekturaufnahmen – meist zusammengesetzt aus mehreren Papierbögen in den für ihn typischen, schweren Metallrahmen. Wir fliegen mit Burkhard über Gletscher und Städte, sehen Los Angeles, London und Mexico City in flachem Winkel, sodass ihre Strassenstrukturen wie Verästelungen wirken. All die unterschiedlichen Motive verbindet ihr dunkler Grundton. Selbst die gischtende Meereswelle oder der Himmel über dem weissen Gletscher scheinen verdunkelt.

Wie ein fremdes Wesen steht ein Kamel stoisch vor und auf einer Leinwand, scharf im Profil, fast wandgross, und erinnert an Burkhards Kinderbuch «Klick!, sagte die Kamera» von 1997. Es wurde trotz der Reduktion – Burkhard fotografierte alle Tiere ohne Szenerie – oder gerade wegen seiner einfachen Ehrlichkeit zum Erfolg.

Den dunklen Grundton und die lose Leinwand finden wir schon beim unbekannteren Frühwerk von Balz Burkhard. Diesen Teil können wir in der Fotostiftung entdecken. Angefangen mit Landschaftsfotos des Zweitklässlers von einer Schulreise, auf die ihm der Vater eine Kamera mitgegeben hatte. Mit dem Rat, «Telefonstangen nach Möglichkeit nicht prädominieren zu lassen», wie Burkhard in seiner Antrittsvorlesung 1976 in Chicago erzählte. Dass auf allen Föteli Telefonstangen dominieren, überrascht nicht wirklich.

Sonst aber hielt sich der junge Balthasar Burkhard an die Regeln: Er machte eine Fotografenlehre beim bekannten Berner Fotografen Kurt Blum, lernte von Grössen wie Jakob Tuggener und errang mit einer Reportage vom Alpleben (unter anderem mit gekonnten Ausschnitten von Kühen) 1963 ein eidgenössisches Stipendium für angewandte Kunst. Ihn habe die Technik fasziniert, «die manchmal wirklich Wirklichkeit einfängt».

Vom Chronisten zum Künstler

In die Kunstwelt kam Burkhard 1965 als Hausfotograf des Berner Kunsthallendirektors und Documenta-Kurators Harald Szeemann. In Burkhards Archiv fanden sich tagebuchartige Serien der (Berner) Szene, die die Aufbruchstimmung der 1960er- und 1970er-Jahre dokumentieren: Franz Gertsch, Jean-Christoph Ammann, Ester Altorfer, Urs Lüthi, James Lee Byars und Richard Serra arbeiten und feiern. Balz Burkhard mittendrin.

Mit Markus Raetz, dem Pop- und Konzeptkünstler, schuf er um 1969/70 bei einer Amsterdam-Reise seine ersten Bilder mit Kunstanspruch: Ein zerwühltes Bett oder einen heruntergekommenen Raum, die er auf riesige Leinwände entwickelte und lose, gar Falten werfend, an die Wand hängte. Das war so frech wie zeittypisch: Man holte damals die Kunst aus dem Rahmen und vom Sockel, erfand die soziale Skulptur, man wagte die Performance und zelebrierte die (Selbst-)Inszenierung.

Auch Balz Burkhard. In Chicago gab er nicht nur Vorlesungen und träumte davon, Schauspieler zu werden (wozu er nur bedingt Talent hatte, wie der Kurzfilm «Gefrorene Vögel» zeigt), sondern inszenierte sich gross in eindringlichen Selbstporträts auf losen Leinwänden. Zurück in der Schweiz, ging es gradlinig zu den «Knien», zum Esel . . . Die Sprünge danach – zu den Wolken, Bäumen, Wellen und Bergen – scheinen nun dank der Winterthurer Retrospektive weniger gross als zuvor. Dass der Schwarz-Weiss-Künstler kurz vor seinem Tod farbenprächtige Blütenbilder schuf, verblüfft allerdings.

Balthasar Burkhard. Retrospektive. Fotostiftung und Fotomuseum Winterthur, bis 21. Mai.