Fotografie

Ballett Basel: Delikate Balance zwischen Perfektion und Schönheit

Der Fotograf Ismael Lorenzo fotografiert seit zehn Jahren das Ballett Basel – jetzt legt er einen Bildband vor. Darin fängt er den Tanz so ein, dass sein Zauber und seine Magie auf den schwarzen Seiten noch weit stärker wirken als auf weissen.

Mit welchem Umschlag verführt ein Ballettbuch seine Betrachterin, seinen Betrachter? Mit einem, das ein tanzendes Paar in bestechender Pose zeigt. Daran ist nicht zu rütteln. Oh doch. Der Fotograf Ismael Lorenzo verfährt ganz anders. Wer – den Titel zunächst negierend – das Buch «Ballet Basel – 10 Years Photography» in Händen hält, würde nie und nimmer darauf kommen, dass es eines über den Tanz ist. Lorenzo zeigt nämlich als erstes den Eisernen Vorhang – nicht vom Zuschauerraum, sondern von der Bühne.

Nüchtern, ohne Glamour, mutet dieses Foto an. Genau das soll es auch, weil es auf den Arbeitsplatz verweist, den das Ballett Basel unter Richard Wherlock kontinuierlich auslotet und neu erprobt. Wie unterschiedlich und spannend das sein kann, hat Ismael Lorenzo während zehn Jahren in Bildern festgehalten, die keine geschönten, geschweige denn «gestylten» sind. Alle haben sie vielmehr jenen Augenblick erwischt, in dem sich der schöpferische Impetus der Choreografen am betörendsten Bahn bricht.

Ismael Lorenzo hält Tanz auf Papier fest

Ismael Lorenzo hält Tanz auf Papier fest

Dass Lorenzo selbst ein Tänzer war, kommt ihm beim Fotografieren – auch dies ein schöpferischer Akt – zupass. Ihm gelingt dabei fast Unmögliches: Er fängt den Tanz als «delikate Balance zwischen Perfektion und Schönheit» (Buchzitat) so ein, dass sein Zauber und seine Magie auf den schwarzen Seiten noch weit stärker wirken als auf weissen. Nichts, keine Bildlegende oder eingeblendete Namen, lenkt die Aufmerksamkeit von diesen Fotos ab.

Crossmediales Buch

Ob ein Paar, dessen Pas de Deux spielerischen Furor verrät oder Tänzerinnen und Tänzer, deren Sprünge wie festgefroren scheinen; ob eine Solistin, die nicht ihre Bewegungen, sondern diejenigen eines roten, wie eine riesige Welle anmutenden Tuches sprechen lässt oder ob Menschen, deren Verknäuelung an eine Rodin-Skulptur erinnert: Alle hält Ismael Lorenzo in Fotos fest, die die Flüchtigkeit des Augenblicks festhalten. Die Erinnerung mag Ballettbesucher trügen; die Bilder nicht. So lässt sich das jüngste Kapitel Basler Ballettgeschichte immer und immer wieder aufrollen.

Natürlich nehmen die Arbeiten des Basler Ballettchefs Richard Wherlock in Lorenzos Buch mit seinen 161 Fotos einen besonderen Platz ein, doch auch solche der Choreografen Jiri Kylián, Mauro Bigonzetti, Johan Inger und Stephan Thoss sind vertreten.

Wie erwähnt: Man kann dieses Buch in späteren Jahren in die Hand nehmen und Erinnerungen auffrischen. Man kann es aber auch anders «lesen», vielmehr betrachten. Nicht als Chronik, sondern als Kunstwerk, das wunderbar aufzeigt: Es geht beim Tanz nicht ums Verstehen, sondern um Emotionen. Dass er solche überhaupt auslösen kann, ist der harten Arbeit der Tänzerinnen und Tänzer zu verdanken.

Bloss, wie funktioniert es denn, dieses Making-of einer Choreografie? Ganz einfach: Weil das Buch crossmedial ist, können Ballettomanen den Fotografen Ismael Lorenzo – dank QR-Codes und Weblinks auf dem eigenen Mobilgerät oder am Bildschirm zu Hause – hinter die Kulissen begleiten oder etwa die Entstehungsgeschichte einer Fotografie miterleben. So viel Ballett war kaum je.

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