Franz Schuberts perlendes «Forellenquintett» stimmt froh. Aber: In dieses hat der Komponist auch eine bittersüsse Wehmut verwebt, die neben dem Leben auch den Tod anklingen lässt. Kein Wunder, dient dieses Werk dem Zürcher Ballettabend als Projektionsfläche für die zeitlose Frage: Weshalb lebt, weshalb stirbt der Mensch? Die Choreografien von Douglas Lee, Jirí Kylián und Martin Schläpfer kreisen alle, ungeachtet ihrer jeweiligen Titel, darum.

Mit «A-Life» hat Douglas Lee erstmals für die grosse Compagnie ein Werk kreiert. Im kühl-weissen Geviert bewegen sich zwölf Tänzerinnen und Tänzer mit roboterhaften Bewegungen. Der düstere Einheitsdress verweist auf eine uniforme Gesellschaft, die keine Individualität zulässt. Doch nicht nur das Outfit, auch die identischen Frisuren der Frauen betonen, dass jede von ihnen austauschbar ist. In ihren ausdruckslosen Gesichtern klimpern ab und an die Wimpern. Dies sowie das Lächeln ist aufgesetzt, passt aber in eine Welt, deren Künstlichkeit latente Gewalt birgt.

Wo alles derart gleichgeschaltet ist, bekommt eine Geste der Annäherung enormes Gewicht. Sie verweist auf das menschliche Bedürfnis nach Liebe. Lee zeigt das in jähen Vereinzelungen sowie Duo- und Trioballungen. Die Tänzer sind in diesen Momenten derart ineinander verschlungen, dass man sich fragt: Zu wessen Körper gehört dieser Arm? Die skulpturalen Arrangements – Ausdruck für die aufbrechende, seelische Erstarrung – muten wie erratische Blöcke an, die Lee jedoch stets in sehr schnelle oder zeitlupenhafte Bewegungen auflöst. «A-Life» ist ein extreme Gegensätze ausspielendes Werk, auf das Jirí Kyliáns «Wings of Wax» folgt.

Die «Flügel aus Wachs» verweisen auf Ikarus, der mit seinen Schwingen der Sonne zu nahe kam und ins Meer stürzte. Das muss man nicht wissen, um das Inhaltliche – Leben, Finden, Auseinandergehen, Sterben – zu verstehen. Wie bei Lee umfassen sich auch bei Kylián Paare, doch nun wirkt der Bewegungsgestus weicher und fliessender. Blickfang ist ein Baum, der vom Schnürboden herabhängt – mit der Krone nach unten. Umkreist wird er von einem gegen den Uhrzeigersinn bewegten Scheinwerfer, dessen Licht die Tänzer in immer neue Schatten-Nuancen hüllt.

Wie so viele von Kyliáns Choreografien beginnt auch «Wings of Wax» behutsam. Tänzerinnen und Tänzer treten aus dem Dunkel – erst dann finden sie sich zu unterschiedlichen Gruppierungen. Kurze Soli wechseln mit Duetten oder Trios – und das zu einer Musik, die Barock (Biber, Bach) mit Moderne (Cage) und Minimal Music (Glass) verquickt. Diese Collage ist das Fundament für eine bestechende Vielfalt tänzerischer Formen, die nur einem Grundsatz verpflichtet ist: So, und nicht anders kann es sein.

Im Vergleich zu den vorgängigen Werken wirkt Martin Schläpfers «Forellenquintett» (live mit Musikern der Philharmonia Zürich) wie das heitere Geschwister. Nicht das «Forellenquintett», sondern «Don’t be shy» von den Libertines dringt anfänglich an unsere Ohren. Nanu, scheint sich auch die Tänzerin auf der Bühne zu fragen, als sich vom Bühnenhimmel ein Paar goldene Anglerstiefel sowie gestreifte Bahnen senken, die ebenso Wasser wie Wald evozieren.

Das Zusammenspiel mit den körperbetonten, knallbunten Kostümen der Tänzer ist schlicht irre. Genau so ist der Schauplatz, der zu einem Treffpunkt liebestrunkener Paare, von Wassernixen, Elfen, Kobolden und einem Angler wird. Dieser malträtiert die Forelle vorerst, bevor er sie zu einem innigen Pas de deux verführt. Dies alles verschmelzt Schläpfer zu einer geistvollen Choreografie, die auf der Klaviatur der Ballettkunst hinreissend spielt.

Eine Compagnie in bestechender Höchstform darf alles: Barfuss gehen, auf Spitze trippeln, stampfen oder sich auf dem Boden wälzen; Männer schleudern Frauen in die Luft und Frauen tragen Männer huckepack. Oft verlangsamt Schläpfer das Tempo und konterkariert Schuberts Musik, indem er scheinbar nicht dazu passende Handlungen und Gesten erfindet. Doch es sind genau diese Momente des Innehaltens, die einen hellhörig machen für die leise Wehmut, die das «Forellenquintett» und damit den ganzen Ballettabend prägt. Wunderbar.

Forellenquintett Dreiteiliger Ballettabend am Opernhaus Zürich. Bis Juni.